Analyse: Wie aus einem Formel-1-Grand-Prix ein Festival wird

Die Veranstalter von Formel-1-Rennen müssen etwas tun, um die Erwartungen der Zuschauer zu erfüllen. Die Verantwortlichen in Melbourne und Austin geben einen Einblick.

Angesichts der Übernahme der Formel 1 durch Liberty Media wartet das Fahrerlager gespannt darauf, welche Veränderungen es für die Saison 2017 geben wird. Ob es welche geben wird, ist noch offen, aber die aktuelle Stimmung lässt sich als vorsichtiger Optimismus beschreiben.

Derzeit deutet nichts darauf hin, dass man das Kind mit dem Bade ausschüttet. Vielmehr gibt es die weitreichende Hoffnung auf Veränderungen. Sowohl Liberty Media als auch der neue Titelsponsor Heineken haben es auf besseren Zugang für die Fans als auch auf das Thema Social Media abgesehen. Die Formel 1 soll nicht zuletzt abseits der Rennwochenenden besser vermarktet werden.

Was die Saison 2017 betrifft, so wird diese seitens der Rennveranstalter bislang wie jede andere in Angriff genommen. Jedem einzelnen Promoter geht es darum, seine individuellen Angebote zu verbessern. Die neuen Machthaber der Formel 1 reden in diesem Zusammenhang nach aktuellem Stand der Dinge noch nicht mit.

Bobby Epstein, Streckenchef des Circuit of The Americas (CoTA) in Austin, hat sich bislang noch nicht mit den Bossen von Liberty Media zusammengesetzt, um über neue Möglichkeiten für die einzige vordergründig für die Formel 1 gebaute Grand-Prix-Strecke in den USA zu sprechen. Epstein freut sich aber schon jetzt auf zusätzliche Werbung für sein Rennen.

"Da wir quasi vor ihrer Haustür agieren, hoffen wir doch sehr, dass man bei Liberty Media zur Feststellung kommt, wonach 'dort etwas Gutes passiert, das sich lohnt, weltweit auszudehnen'", so Epstein, der hofft, dass "das Beste von dem, was wir tun, auf den Sport als Ganzes übertragen wird".

Gleichzeitig erhofft sich der Austin-Streckenchef neue Impulse, die sich auf den Grand Prix der USA übertragen lassen: "Einer der Kernaspekte ist das Marketing-Budget. Momentan ist es so, dass wir der Marketing-Arm der Formel 1 in den USA sind. Das ist für eine Rennstrecke wirklich anstrengend."

Auf der anderen Seite des Globus bemüht sich derweil Andrew Westacott, Veranstalter des Grand Prix von Australien, darum, dass der Saisonauftakt in Melbourne einmal mehr so gut wie möglich ankommt. Dieser Prozess läuft, seitdem im Albert Park die Zielflagge für den Saisonauftakt 2016 gefallen ist. Doch auch für Westacott gilt, dass es bislang noch keine Gespräche mit den neuen Inhabern der Formel 1 gegeben hat.

"Wir veranstalten den Saisonauftakt. Für uns läuft derzeit alles wie immer. Wir verfolgen, was passiert und geben alles, um dem Fan und dem Sport das bestmögliche Erlebnis zu bereiten. Wenn das auch bei den neuen Inhabern ankommt, fantastisch. Für uns ist es aber das tägliche Geschäft", bemerkt Westacott und verweist auf Beispiele wie den Melbourne-Walk oder das Fan-Forum.

"Das Ganze lässt sich noch ausbauen, nämlich auf dem Social-Media-Weg. Dann wird der Sport als Ganzes profitieren und der Grund, warum Melbourne das Rennen austrägt, wird klar: nämlich, um unsere Stadt anzupreisen", sagt der Veranstalter des Australien-Grand-Prix.

Was Melbourne und Austin abseits der Formel 1 vereint, ist die Erfahrung, Gastgeber für hochkarätige Events zu sein. Melbourne ist die Sporthauptstadt Australiens. Neben dem Formel-1-Grand-Prix gehen dort beispielsweise die Australian Open (Tennis) oder der Melbourne Cup (Pferderennen) über die Bühne.

Derweil steht Austin als Synonym für das Kulturfestival "South by Southwest" (SXSW), das Jahr für Jahr zehntausende von Leuten anzieht. Zudem sorgen die regelmäßigen Auftritte der lokalen College-Sportmannschaften für ähnliche Zuschauerzahlen.

In einem solch hart umkämpften Markt, muss sich die Formel 1 ins Zeug legen, um aus der Masse herauszutreten. Sowohl in Austin als auch in Melbourne hat man es geschafft, Events zu kreieren, die über das Rennen hinausgehen. Die Zuschauer erwartet da wie dort eine Festival-Erfahrung und sie bekommen wirklich etwas für ihr Geld.

"Wir wissen, dass die Leute gerne zu uns kommen. Wir wissen aber eben auch, dass sie sich in stark überfüllten Märkten wie Melbourne etwas für ihr Geld wünschen", sagt Westacott und geht ins Detail: "Also müssen wir eine breite Demographie ansprechen. Was Familien wollen, unterscheidet sich komplett von dem, was junges Event-Publikum will. Für Familien haben wir daher Dinge wie einen Disney-Bereich, die Porsche-Fahrschule für Kinder oder diverse Sportmöglichkeiten."

Doch damit nicht genug für Familien und Kinder. "Wir hatten BMX-Rennen und hatten die Shows von Tony Hawk, den Crusty Demons oder den Nitro Circus (von Travis Pastrana; Anm. d. Red.) zu Gast – am Donnerstag, am Freitag, am Samstag und am Sonntag jeweils 2 oder 3 Mal am Tag in einem Festzelt. Somit ist sowohl für die Kinder als auch für die Väter etwas dabei. Momentan schauen wir uns nach etwas Ähnlichem für 2017 um."

"Für das junge Event-Publikum ist Melbourne Synonym für guten Kaffee, Musik, Straßenkunst, Foodtrucks und richtig gutes Essen", weiß Westacott und erzählt, was man sich anlässlich des Grand Prix von Australien 2016 für dieses Publikum hat einfallen lassen: "Wir haben M Lane kreiert. M Lane war gewissermaßen eine Nachbildung der Gassen und Straßenkultur Melbournes. Das war etwas komplett anderes als das Unterhaltungsprogramm für unsere Motorsportenthusiasten."

Auch auf der Nordhalbkugel hat man erkannt, dass ein breiteres Spektrum der Unterhaltungsmöglichkeiten neben der Strecke für ansteigende Zuschauerzahlen sorgt. Anstatt den Grand Prix der USA als ein Event nur für Motorsportbegeisterte aufzuziehen, hat man es zum Familienfest gemacht.

"Im vergangenen Jahr hatten wir Elton John. Das war fantastisch, aber er hat doch eher die ohnehin vor Ort befindliche Zielgruppe angesprochen", gesteht Epstein und spannt den Bogen zu 2016: "In diesem Jahr gibt es (dank Taylor Swift und The Weekend; Anm. d. Red.) nicht nur für die männlichen Formel-1-Fans etwas zu sehen. Die Frauen, die Kinder, die ganze Familie: sie alle haben einen guten Grund, vorbeizuschauen. Hoffentlich können wir damit für das Familienerlebnis sorgen, das sich die Leute wünschen."

Doch Epstein denkt schon weiter als an den am übernächsten Wochenende auf dem Programm stehenden Grand Prix der USA 2016: "Was wir bis zum 10. Jahr geschafft haben wollen, ist ein Anstieg der ohnehin schon steigenden Zahl derer, die den Grand Prix der USA Jahr für Jahr besuchen. Das entwickelt sich gerade und wir würden es gerne sehen, wenn diese Tradition innerhalb der Familie weitergegeben wird."

"Deshalb glaube ich, dass wir etwas richtig machen, wenn ich mir vor Augen führe, dass dieselben Leute Jahr für Jahr wiederkommen und dass die Zuschauerzahlen von Jahr zu Jahr steigen", so Epstein abschließend.

Werde Teil von etwas Großem!

Einen Kommentar schreiben
Kommentare anzeigen
Über diesen Artikel
Rennserien Formel 1
Artikelsorte Analyse
Tags demographie, entertainment, event, f1, familie, festival, grand prix, heineken, liberty media, unterhaltung, zielgruppe