Exklusives Interview mit dem neuen McLaren-Chef Zak Brown

Der neue McLaren-Chef Zak Brown spricht im Interview mit Charles Bradley von Motorsport.com und Anthony Rowlinson von Autosport.com über seine Vision für McLaren.

Wie fühlt es sich an, McLaren beizutreten?

"Ich war schon seit langer Zeit nicht mehr so glücklich. Ich fühle mich wie ein kleiner Junge. Weihnachten ist dieses Jahr scheinbar sehr früh dran. Es fühlt sich wirklich toll an. Es war eine klasse Erfahrung, durch das Gebäude zu laufen und alles aus einer anderen Perspektive zu betrachten."

"Ich sehe mein Traumteam der Vergangenheit, als ich ein Kind war, nun mit anderen Augen. McLaren ist für mich die Senna-Ära, später die Häkkinen-Ära. Diese Mannschaft war schon immer mein Lieblingsteam in der Formel 1."

"Hier treffe ich auf viele Personen, mit denen ich im vergangenen Jahrzehnt einige Geschäfte gemacht habe. Schön, dass ich die Gelegenheit bekomme, dem meiner Meinung nach besten Formel-1-Team weiterzuhelfen."

"Es ist ein guter Zeitpunkt, zu McLaren zu stoßen. Sie sind klar auf einem Aufwärtstrend. Ich freue mich auch über meine neue Rolle und habe eine gute Beziehung zu allen Anteilseignern."

"Ich bin auch sehr zufrieden damit, was McLaren außerhalb der Formel 1 macht, im Automobilbereich. Das ist zwar nicht meine Baustelle, aber die Geschäftszweige sind natürlich aus Sicht der Marke sehr eng miteinander verzahnt."

Wie denken Sie über das Ausscheiden von Ron Dennis?

"Ich bin gut mit ihm befreundet und habe großen Respekt, was er und alle Beteiligten für ein tolles Team aufgebaut haben. Ron ist derzeit ein Anteilseigner und Geschäftsführer. Ich habe erst kürzlich mit ihm gesprochen. Als Anteilseigner hat er natürlich großes eigennütziges Interesse daran, wie erfolgreich das Unternehmen ist. Wie das aber genau aussieht, weiß ich nicht."

Wird sich McLaren auch in anderen Rennsport-Kategorien engagieren?

"Nun, gemeinsam mit McLaren und Ron haben wir daran gearbeitet, dass McLaren die NASCAR-Elektronik bereitstellt. Dann haben wir noch das GT-Projekt – und vielleicht eines Tages Le Mans."

Was sind die wichtigsten Baustellen? Hohe Einnahmen? Leistung auf der Strecke? Ein Titelsponsor für das Team?

"Alles. Eric (Boullier) und Jost (Capito) und ihre jeweiligen Teams sind dafür verantwortlich, das Auto schnell zu machen. Wir müssen aber auch unseren Beitrag dazu leisten, dass die wirtschaftliche Situation besser wird. Es gibt noch viel Platz auf dem McLaren-Rennwagen, den wir mit den besten Luxusmarken füllen können."

"Ein Titelsponsor wäre hilfreich, um nach vorn zu arbeiten. Aber ich sehe das nicht als Priorität. Wir brauchen Partner. Aber unterm Strich ist der Titelsponsor natürlich ein ganz entscheidender Partner."

Gibt es einen Zeitplan, bis wann Verbesserungen zu sehen sein werden?

"Ich habe noch nicht angefangen. Es gibt vieles, was ich lernen muss. Doch wie in jedem anderen Geschäft auch, musst du möglichst schnell Ergebnisse bringen. In den vergangenen 24 Monaten ist vieles richtig gelaufen. Ich weiß aber noch nicht genug, als dass ich Startplätze prognostizieren könnte. Wir sollten allerdings lieber früher als später wieder auf die Siegerstraße einbiegen."

Werden Sie eine neue Unternehmenskultur einführen?

"Nun, ich liebe die Siegesmentalität, für die McLaren steht. Aber sobald ich erst einmal eingearbeitet bin und mit jedem hier eng zusammenarbeite, dann wird es sicher die eine oder andere Ablaufänderung geben. Das dürfte sich darin zeigen, wie sich das Rennteam und die Marke nach außen präsentieren."

Wie gut kennen Sie Eric Boullier und Jost Capito?

"Eric habe ich kennengelernt, als er das Lotus-Team geleitet hat. Die Marke Unilever unterstützte das Team als Sponsor. Wir waren uns schon davor begegnet, aber da habe ich zum 1. Mal mitbekommen, wie er arbeitet. Das hat mich sehr beeindruckt. Wenn man die großen Hürden bedenkt, die Lotus nehmen musste, hat er klasse Arbeit geleistet. Und die Leute dachten damals ja, Kimi wäre im Herbst seiner Karriere angekommen."

"Eric und sein Team haben die Wende geschafft und Platz 3 in der WM erobert. Das Auto war toll, das Team ebenfalls. Und gemeinsam ist es der Mannschaft gelungen, Kimi noch einmal zum Sieger zu machen. Sie haben da sicherlich über ihrem eigentlichen Gewichtslimit gekämpft, aber Eric hat das ganze angeführt. Das hat mich stets beeindruckt."

"Seitdem er bei McLaren ist, ging es auch hier vorwärts. Wir sind miteinander befreundet, aber das außen vor gelassen, hat er wirklich was bewegt. Wir scheinen in die richtige Richtung zu gehen. Ich stehe voll hinter Eric."

"Jost kenne ich seit gut 10 Jahren. Er war sogar mal mein Kunde bei Ford. Er hat in allem, was er getan hat, Erfolg gehabt. Wir kommen gut miteinander aus. Er steht leidenschaftlich zu unserer Marke und verfügt über sehr viel Talent. Wir haben also sehr viele der richtigen Ressourcen beisammen, würde ich sagen. Jetzt geht es darum, Fortschritte zu erzielen und als Team in die Zukunft zu schauen."

Gibt es ein Problem, das sich kurzfristig beheben lässt?

"Nein. Noch stecke ich nicht tief genug in der Materie drin. Natürlich habe ich meine Meinung. Aber erst einmal ist wichtig, dass ich mich eingewöhne und mehr erfahre. Ich darf nicht glauben, dass ich alles besser weiß, und ich darf auch nicht von zu wenigen Informationen ausgehen."

"Klar ist aber: Wir brauchen einen Titelsponsor. Wir müssen als Team auch attraktiver werden für kommerzielle Partner. Und wir müssen uns weiterentwickeln, denn es gibt zweifelsohne Gründe dafür, weshalb wir derzeit unserem eigenen Sieganspruch nicht gerecht werden. Darum müssen wir uns kümmern. Aber ich weiß noch nicht, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss."

Sollte das Team angesichts der sportlichen Situation nicht eher kleinere Brötchen backen, was potenzielle kommerzielle Partnerschaften anbelangt?

"Alle in der Formel 1, und da sehe ich McLaren auf der Pole-Position, sollten Partnerschaften als langfristige Zusammenarbeit betrachten, die es ständig innovativ zu gestalten gilt. Sponsoren wägen mehr denn je ab, was sie unterstützen. Und inzwischen orientieren sie sich auch stark an Zahlen und Ergebnissen. Als Rennteam müssen wir uns daher an die Marktlage und an die jüngsten Trends anpassen."

"McLaren hat in dieser Hinsicht die Führungsrolle eingenommen und viel von dem, was die heutige Formel 1 auszeichnet, geschaffen. Das soll wieder der Fall werden, auf und abseits der Rennstrecke."

Inwiefern beißt sich Ihre neue Rolle bei McLaren mit der des nichtgeschäftsführenden Vorsitzenden bei Motorsport.com?

"Ich habe mehrere solcher Rollen inne – bei Motorsport.com, Cosworth, meinem eigenen Team [United Autosports]. Und ich werde sie alle beibehalten. Bei Motorsport.com beschäftige ich mich mit der Geschäftsentwicklung, nicht mit der Berichterstattung. Es geht darum, bessere Produkte zu entwickeln und eine Organisation aufzubauen. Das Redaktionelle ist davon nicht betroffen. Daher sehe ich da keinen Interessenskonflikt. Ein solcher entsteht nur, wenn man es dazu macht – aber das habe ich nicht vor."

Wie sehr freuen Sie sich auf die Zusammenarbeit mit Fernando Alonso, Stoffel Vandoorne und Jenson Button?

"Ich bin sehr gespannt! Ich denke, wir haben 3 unglaubliche Fahrer. 2 von ihnen waren schon Formel-1-Weltmeister. Wie cool ist das denn? Fernando kenne ich noch nicht so gut. Ich freue mich darauf, ihn kennenzulernen. Ich bin ein großer Bewunderer seiner Karriere. Er ist ein toller Racer. Ich würde sagen, er ist einer der Besten. Da stimmen mir die meisten Beobachter sicherlich zu."

"Stoffel ist ein großartiges junges Talent. Bei seinem bisher einzigen Grand Prix hat er schwer beeindruckt – wenn man die speziellen Umstände bedenkt. Auch ihn kenne ich noch nicht so gut, muss ihn also erst noch kennenlernen."

"Jenson hingegen kenne ich. Wir haben auch schon zusammen gearbeitet. Er ist einer meiner Lieblingsfahrer. Und als Trio sind sie ein wirklich schlagkräftiges und starkes Aufgebot."

Sie selbst haben ebenfalls eine Verbindung zu McLaren, fahren historische Autos und GT-Rennen…

"Ich liebe die Marke McLaren. Ich fahre die Sportwagen im Straßenverkehr und bewege auch die Rennwagen. Mein GT-Team hat mit McLaren schon Rennen gewonnen. Ich war schon immer ein McLaren-Fan."

Sie haben eine mögliche Le-Mans-Zukunft von McLaren angesprochen. Wie konkret ist diese Idee?

"Es wäre verfrüht, über mögliche andere Betätigungsfelder im Motorsport zu sprechen. Die Formel 1 steht für uns an 1., 2. und 3. Stelle. Aber wir betreiben auch GT-Sport, wir liefern die Elektronik für IndyCar und NASCAR. Wäre Le Mans ein Thema, mit dem wir uns außerhalb der Formel 1 befassen könnten? Absolut! McLaren hat ja schon früher in Le Mans gewonnen."

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