Grosjean-Interview: "Man hätte mir eine reinhauen müssen“

Bevor er in sein neues Abenteuer mit Haas F1 startet, erinnert sich Romain Grosjean im exklusiven Interview mit Motorsport.com an seine fünf Jahre bei Lotus.

Romain Grosjeans erste Formel-1-Karriere war 2009 schon nach einer halben Saison zu Ende. Der Franzose wurde nach nur sieben Einsätzen bei Renault wieder vor die Tür gesetzt. Bei seiner Rückkehr 2012 machte er sich schnell einen Namen – als „Vollidiot der ersten Runde“, weil er regelmäßig gleich zu Rennbeginn in Crashs verwickelt war.

Seitdem hat der 29-Jährige aber hart an sich gearbeitet und stand schon ein paar Mal knapp davor, seinen ersten Grand Prix zu gewinnen.

Heute gibt er zu, dass ihm wohl jemand eine hätte reinhauen müssen, damit er sich zum Besseren verändert, wenn er sich nicht den Problemen gestellt und aus den schlechten Zeiten gelernt hätte.

Vor seinem Arbeitsstart bei Haas F1 traf sich Romain Grosjean mit Motorsport.com zum Interview und ließ die vergangenen fünf Jahre noch einmal Revue passieren.

Romain, deine zwei Amtszeiten in Enstone sind zu Ende. Gibt es ein besonderes Highlight aus dieser Zeit?

Romain Grosjean: „Eigentlich nicht. Das erste Mal, dass ich ein Formel-1-Auto fuhr, war in Enstone. Mit ihnen stand ich zum ersten Mal auf dem Podium und ich führte auch zum ersten Mal ein Rennen an. Dazu kommt das Podium 2015, das niemand erwartet hatte. Die Führung im Japan-Grand-Prix 2013, der zweite Platz in Kanada 2012 und Austin im Jahr darauf. Das sind alles schöne Erinnerungen.“

Wie hast du dich in den Jahren verändert?

Grosjean: „Ich glaube, ich habe mich sehr verändert – besonders in zwei Punkten. Das erste Mal, als in die Formel 1 kam, habe ich mich nicht so benommen, wie ich es hätte tun sollen. Aber ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte und wie.“

„Leider bin ich am Ende das Jahre dem ‚Reinigungsprozess‘ zum Opfer gefallen. Das war eine sehr schwere Zeit. Dadurch habe ich aber erkannt, wie sehr ich die Formel 1 liebe und wie groß mein Wunsch war, zurückkommen – egal um welchen Preis. Das war also gut.“

„Als ich das zweite Mal zurückkam, musste ich mit einem neuen Motor starten und zeigen, dass ich konkurrenzfähig bin. Dann hatte ich, neben anderen Problemen, ein paar Unfälle zu viel.“

„Seitdem habe ich aber gelernt, der Fahrer zu sein, der ich heute bin. Es war schwierig, aber das Team hat mich immer unterstützt und half mir zu verstehen, was falsch lief. Sie haben mich Ende 2012 behalten, obwohl viele andere das nicht getan hätten, und 2013 bekamen wir die Belohnung.“

Glaubst du, dass Lotus für deine Entwicklung die perfekte Umgebung war?

Grosjean: „Ein Vergleich mit anderen Teams ist immer schwer. Wenn du zu Toro Rosso gehst, dann bist du da, um zu lernen, denn dazu ist Toro Rosso da. Wenn du als erstes zu McLaren gehst, dann musst du schnell lernen. Enstone ist vielleicht etwas dazwischen, darum behielten sie mich auch. Meine Leistungen waren schließlich gut, aber ich hatte auch diese Probleme. Sie wussten, das ich lernen musste – und es war ein Glück, dass ich blieb.“

Siehst du es als Glücksfall, dass du in der Formel 1 eine zweite Chance bekommen hast, während andere gute Fahrer wie Kevin Magnussen es nicht zurück geschafft haben?

Grosjean: „Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich sehr gut an den Februar 2010, weil ich am 31. Januar erfahren hatte, dass man mich in Enstone nicht behalten würde. Ich dachte, ich müsste alles aufgeben und in die Kochschule gehen.“

„Dann kam ein Anruf vom GT1-Team Matech, dem Team aus der Schweiz, die mich fragten, ob ich für sie fahren wollte. Ich sagte: ‚Okay, ich kann es mir nicht entgehen lassen, Rennen zu fahren, also gehen wir an die Arbeit.‘“

„Ich dachte nicht mehr an die Formel 1. Ich schaute die Rennen an und dachte, es sei vorbei. Die Saison lief ziemlich gut. Ich fuhr ein paar Rennen für DAMS und Ende 2010 bekam ich die Chance, entweder in die DTM zu gehen oder über die GP2 zurück in die Formel 1.“

„Also dachte ich, probieren wir es nochmal. Ich hatte Glück, dass ich bei DAMS einen guten Job bekam und wir die GP2-Meisterschaft sowohl in Asien als auch in Europa gewannen.“

„Das half dabei, dass die Leute verstanden, dass ich vorher [2009] keine wirkliche Chance bekommen hatte. Keine Testfahrten und direkt rein ins Auto. Meine Leistung war im Vergleich zu Fernando [Alonso] nicht schlecht. Ich war im Qualifying drei Zehntel hinter ihm, das war nichts, und am Ende hat es funktioniert.“

Glaubst du, dass du dich als Fahrer so verändert hättest, wenn sie dich 2010 behalten hätten?

Grosjean: „Ich hätte wohl jemand um mich gebraucht, der mir eine reingehauen und gesagt hätte, ‚was ist los mit dir?‘. Flavio [Briatore] war Teamchef und ich habe es eigentlich nicht gelernt, die Formel 1 zu verstehen. Sie ist eine komplizierte Welt. Es gibt viel, was man verstehen muss, und ich war wahrscheinlich nicht gut genug vorbereitet. Als ich zurückkam, musste ich es sein.“

Spa 2012 und dein Unfall in der ersten Kurve bleibt ein unvergessener Moment in deiner Karriere. Hat der dich verändert?

Grosjean: „Ja, sogar sehr. Am Montag nach Spa bin ich zu meinem Psychologen gegangen und wir haben angefangen, an dem zu arbeiten, was falsch lief, und zu verstehen, wieso ich diese falschen Entscheidungen traf.“

„Das war am Ende wichtig – für mich persönlich. Tief in mir half es mir, mich wieder aufzurappeln und zurückzukommen. Und ich musste mental sehr stark sein, um wieder in die Startaufstellung zu fahren, wenn andere Fahrer mich kritisiert haben. Aber ja, Spa ist Teil meiner Geschichte. Ich habe daraus gelernt und mich weiterentwickelt.“

Das war aber noch nicht das Ende Deiner Probleme. Mark Webber nannte dich in Japan einen „Vollidioten der ersten Runde“...

Grosjean: „Das war das Schlimmste für mich. In meinen Augen war das mein größter Fehler. Es ging zu 100 Prozent auf meine Kappe. Ich habe es vermasselt…“

Wie ist es, wenn man solche Kritik von seinen Konkurrenten einstecken muss? Beeinflusst es dich?

Grosjean: „Es ist hart. Besonders, wenn du in die Startaufstellung fährst und alle starren dich an. Ende 2012 war es war sehr, sehr hart. Ich war ausgelaugt. Es war wirklich schwierig.“

„Andere Fahrer spielen mit der Tatsache, dass du unter Druck stehst, und du kannst nichts dagegen tun. Du kommst aus der Situation nicht raus. Es war schwierig.“

„Als ich dann erneut bei Lotus unterschrieb und sie mich auch behielten, war das eine riesige Erleichterung, und ich konnte wieder richtig arbeiten. 2013 habe ich wieder angefangen, in der ersten Runde zu attackieren und habe es wieder auf ein ganz gutes Level geschafft.“

Und 2013 wurde zu einer fantastischen Saison, oder?

Grosjean: „Die zweite Hälfte war wirklich gut. Im ersten Teil hatten wir Probleme mit KERS, was uns sehr geschadet hat. Wenn wir das Problem eher erkannt hätten, wäre die Saison ganz anders verlaufen.“

„Der zweite Teil war wirklich gut. In Indien bin ich von Platz 17 gestartet und als Dritter ins Ziel gekommen. In Japan habe ich geführt. In Austin war ich Zweiter und in Singapur hätte ich auf dem Podium stehen sollen, aber wir hatten ein Problem mit dem Motor. In Abu Dhabi hatten wir Schwierigkeiten im Qualifying – und Platz vier im Rennen war schon fast schlecht. Das war also eine großartige Saison. Unser Auto funktionierte gut, die Weiterentwicklung lief gut, aber heute bin ich ein besserer Fahrer als 2013.“

Waren die vergangenen Jahre schwierig für dich?

Grosjean: „Letztes Jahr ja. Sehr schwierig. Wir kamen aus einem echten Hoch und fielen sehr tief. Das war das erste Mal, dass mir das passiert ist.“

„Dieses Jahr ist ganz anders. Ich meine damit die Situation. Die Ingenieure kommen erst in letzter Minute an der Strecke an, die Fracht ist nicht da, wir haben keine Autos! Da lernt man was.“

„Es ist schade, denn Enstone hat gezeigt, was wir hatten und was wir können, und man kann sich vorstellen, wie es sein wird, wenn es wieder ein Werksteam ist, so wie 2005 und 2006. Man versteht, wieso sie Weltmeister waren. Jetzt braucht es aber erst mal etwas Zeit, um den Prozess neu zu starten. Man fällt sehr schnell von ganz oben nach ganz unten. Wieder nach oben zu kommen, dauert aber fünf oder sechs Jahre.“

War es eine schwierige Entscheidung, zu gehen?

Grosjean: „Am Anfang war es hart. Ich dachte nicht daran, woanders hinzugehen, dann traf ich aber Günther [Steiner] und Gene Haas und sie haben mir das Projekt erklärt.“

„Ich glaube, es kann wirklich etwas Erstaunliches werden, und es war dann sehr einfach, zu gehen und mit meinen eigenen Flügeln zu fliegen, etwas anderes zu sehen.“

„Es wäre schön gewesen, bei Renault zu sein, ein französischer Fahrer in einem französischen Team. Zu Haas zu gehen war aber die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. [Renault] braucht noch ein paar Jahre, um auf ein ordentliches Level zu kommen. Wer weiß, vielleicht gehe ich sogar zurück!“

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