Kolumne: Findet die Formel 1 dank Lewis Hamilton zur Unterhaltung zurück?

Für Jonathan Noble war nicht Suzuka 2016 die lustigste Pressekonferenz, sondern eine andere. Welche Lehren zieht die Formel 1 aus dem bizarren Japan-Wochenende?

Ich will nicht wie ein langweiliger alter Mann klingen (auch wenn ich wohl einer bin), aber in diesem Fall war es früher wirklich besser. Vergesst einen Weltmeister, der meint, Hasenohren oder ein Hirschgeweih auf Gesichter zu setzen, sei das Lustigste der Welt.

 

Die Pressekonferenz, in der ich kichern musste, war nicht die beim Grand Prix von Japan 2016, sondern die beim Grand Prix von Frankreich 1993. Die Frage an die versammelten Formel-1-Piloten lautete damals: Welches war der übelste Streich, den sie jemals einem anderen gespielt hatten?

Es gab die üblichen Geschichten vom Klopfen an der Hotelzimmertür und anschließendem Davonrennen. Gerhard Berger erzählte die Geschichte, wie er Ayrton Sennas Aktenkoffer aus dem Hubschrauber warf. Senna saß in dieser Pressekonferenz daneben und lachte. Doch dann war Ukyo Katayama an der Reihe.

Weil Katayamas Englisch-Kenntnisse zur damaligen Zeit recht begrenzt waren, hatte der Tyrrell-Pilot die Frage nicht richtig verstanden. Er dachte, er sollte den schlechtesten Witz erzählen, den er kennt. "Treffen sich eine Schlange und ein Elefant im Dschungel", begann Katayama, während die Augen aller anderen Fahrer riesengroß wurden. Die Kollegen wussten genau, was nun folgen würde.

"Die Schlange und der Elefant blieben stehen und der Elefant fragte: 'Weißt du, wer ich bin?' Die Schlange antwortete: 'Ja. Du hast große Ohren und einen großen Rüssel. Du bist ein Elefant! Aber Herr Elefant, weißt du auch, wer ich bin?' 'Ja', entgegnete der Elefant. 'Du hast lustige Haut, du hast keine Haare und du hast keine Ohren. Du bist Niki Lauda...'" Am Gelächter, das daraufhin ausbrach, hätte sich sogar Lewis Hamilton beteiligt.

Das immer gleiche Format

Diese beiden Formel-1-Epochen miteinander zu vergleichen, ist natürlich immer schwierig. Es sagt aber viel aus, dass das Format für die FIA-Pressekonferenz zu Beginn eines Rennwochenendes (Donnerstag) mehr als 20 Jahre lang unverändert geblieben ist. Mittlerweile sind diese Pressekonferenzen schon ein wenig langatmig.

Hamilton versuchte genau darauf aufmerksam zu machen, indem er mit der Smartphone-App "Snapchat" seine Bilder machte und anschließend veröffentlichte. Was folgte, war ein unnötiger und bizarrer Kampf mit den Medien. Tatsache ist, dass diese Pressekonferenzen seit dem Zeitpunkt, als sie erstmals live im Fernsehen übertragen wurden, für die Medien genauso unerfüllt sind wie sie für die Fahrer langweilig sind.

Natürlich sind Pressekonferenzen nicht dafür gedacht, für Unterhaltung zu sorgen. Sinn und Zweck dieser Termine ist es, den Medien Zugang zu Fahrern und Teamchefs zu geben und ihnen damit auf strukturierte Art und Weise Zitate und Informationen zu liefern. Es sind keine Gelegenheiten, bei denen Porno-Videos oder ein Feuerwerk einen Unterschied machen würden.

Doch so gut das Einholen der Zitate und Informationen einmal funktionierte, so steil bergab geht es damit seit einigen Jahren. Das liegt zum einen an der sich stark verändernden Medienwelt, zum anderen an der Tatsache, dass die Fernsehanstalten so viel wie möglich zeigen wollen.

Seitdem die Pressekonferenzen via Live-Übertragung den Fans und anderen Medienvertretern zur Verfügung gestellt werden, haben die Journalisten vor Ort immer weniger das Bedürfnis daran teilzunehmen und Fragen zu stellen. Der Grund liegt auf der Hand: Unterm Strich machen sie damit die Arbeit für andere.

Du stellst eine tiefgründige Frage, die eine neue Perspektive öffnet. Du bekommst eine brillante Antwort darauf. Doch alles, was dabei herauskommt, ist eine Story, die du in diesem Moment aus der Hand gegeben hast, während sich andere damit schmücken.

Bis du an deinen Tisch im Medienzentrum zurückgekehrt bist, hat die Story bereits große Kreise rund um die Welt geschlagen, wobei viele Nachrichtenagenturen und Betreiber von Webseiten von zu Hause aus arbeiten. Das heißt im Klartext, dass jeder Versuch, in der Pressekonferenz eine News zu generieren, damit endet, dass du selbst von deiner eigenen Story ausgebremst wirst.

Ein Journalist, dem etwas daran liegt, seine Leser und Redakteure mit hochkarätigen Informationen zu versorgen, tut viel besser daran, die Fahrer und Teammitglieder abseits der Fernsehkameras zu befragen. In diesem Fall sind nicht nur die Antworten besser, weil alles in entspannter Atmosphäre passiert. Es gibt in diesem Fall auch die Zeit, die News zum richtigen Zeitpunkt zu veröffentlichen.

Was stattdessen heutzutage bei den Pressekonferenzen abläuft, ist ein Teufelskreis. Die Fahrer bekommen nicht die besten Fragen gestellt. Also gibt es auch keine guten Antworten darauf. Je mehr schlechte Antworten es gibt, desto geringer ist der Wunsch, gute Fragen zu stellen. So kommt eins zum anderen.

Die immer gleichen Fragen

Der gleiche Teufelskreis entsteht, wenn es darum geht, den Fernsehanstalten im Anschluss an die Pressekonferenz Zugang zum Fahrerlager zu verschaffen. War es einst eine Handvoll von Sendern, die im sogenannten "Bullring" das bekam, was gewünscht wurde, so kämpfen dort heutzutage dutzende von Fernsehsendern um die Position. Dabei werden zwangsläufig häufig die gleichen Fragen gestellt.

Die Folge sind zunehmend frustrierte Fahrer, die wieder und wieder die gleichen Antworten abgeben, während sie selbst von Fernsehcrew zu Fernsehcrew weitergereicht werden. Ein Fahrer offenbarte mir zu Beginn dieser Saison, wie er inzwischen vorgeht. Er beantwortet die 1. Frage, feilt sie für die 2. Fernsehcrew zur perfekten Antwort und wiederholt diese dann solange er im "Bullring" gefragt wird.

Für Hamilton war am Wochenende offenbar ein Punkt erreicht, an dem er genug hatte. Möglicherweise wurde dies noch verstärkt durch den Medienwirbel, der aufkam, nachdem Hamilton im Anschluss an seinen Ausfall beim Grand Prix von Malaysia zum Besten gegeben hatte, dass "jemand nicht will, dass ich gewinne". Hamilton war klar, dass der Donnerstag in Suzuka nichts anderes bedeuten würde als endlos oft wiederholte Fragen zu diesem Thema. Gut möglich, dass er deshalb ein wenig von der Norm abwich.

Klar, lässt sich darüber streiten, ob es der richtige Weg war, Hasenohren und Mohrrüben auf Gesichter zu setzen und dann den Journalisten zu sagen, sie sollten seine Social-Media-Kanäle lesen. Gleichzeitig liegt eine Menge Wahrheit in Hamiltons Beschwerde, wonach das Format der Pressekonferenzen mittlerweile ein wenig abgestanden ist.

Zu lange Saison

Es sagt auch viel über den Mangel an Aufregung im Formel-1-Fahrerlager aus, wenn es die größte News des Wochenendes ist, wie sich jemand während der Pressekonferenz einen Scherz erlaubt, derjenige dann sauer darauf ist, dass einige Journalisten sauer geworden sind und als Konsequenz daraus er nicht mehr mit diesen Journalisten spricht.

Das ist symptomatisch für einen Sport, der nicht mehr die Unterhaltung und die Geschichten liefert, die heutzutage verlangt werden, wenn Fernsehanstalten, Zeitungen und Webseiten rund um die Uhr Inhalte verlangen. Der Durst nach Inhalt – egal, welchem Inhalt – war schließlich der Grund dafür, dass die Pressekonferenzen zu Live-Events für das Fernsehen umfunktioniert wurden.

Dass es keine sensationellen Meldungen am laufenden Band gibt, ist aber klar, wenn es auf der Strecke nur geringe Unterschiede zwischen den Teams gibt, wenn es abseits der Strecke nur wenig Kontroversen zwischen Teams und Fahrern gibt, und wenn es nur wenig Motivation gibt, etwas Sensationelles zu sagen.

Beide Mercedes in der 1. Startreihe. Das ist etwas, was einen nicht jedes Mal aufs Neue vom Hocker reißt. Gleiches gilt für Reifendruckwerte, den Kampf zwischen Ferrari und Red Bull um Platz 2 in der Konstrukteurswertung, Motorenprogramme oder den Kampf zwischen Williams und Force India um WM-Rang 4. Die Teams sind mittlerweile so unwillig, interessante Dinge preiszugeben, weil sie Angst haben, ihren Gegnern anderenfalls einen Vorteil zu verschaffen.

Spannend wird es immer erst dann, wenn sich unvorhergesehene Dinge entwickeln – sei es beim Start eines Rennens, sei es durch das Wetter, seien es Kollisionen, seien es Motorschäden oder Fahrerwechsel. Erst in solchen Fällen gibt es plötzlich etwas, über das man sprechen kann.

Dass die Saison inzwischen 21 Rennen umfasst, hilft auch nicht. So sind es nur noch mehr Rennwochenenden mit denselben Fahrern auf denselben Plätzen. Das wäre in etwa so, wie wenn in der Gruppenphase der Fußball-Weltmeisterschaft jede Mannschaft dreimal gegen dieselbe Mannschaft spielen müsste. Ich kann versichern, dass sich spannende Storys und überraschende Ergebnisse beim 3. Mal in Grenzen halten würden.

Echte Emotionen

Wie Hamilton betonte, würde der Formel 1 ein neues Format für die Pressekonferenzen gut tun, um die Charaktere zum Leben zu erwecken. Es gibt andere Momente, die wie gemacht sind für Live-Übertragungen. Ich erinnere da nur an die Szenen im Fahrerraum hinter dem Podium. Diese Aufnahmen sind zu einem absoluten Highlight geworden.

Es gibt aber eben auch Momente, die ohne das Fernsehen ablaufen sollten – einfach aus dem Grund, weil einige Tätigkeiten der schreibenden Medien nicht gut für das Fernsehen funktionieren. Was das Fernsehen braucht (Unterhaltung) und was die Printmedien brauchen (Informationen, Zitate und Hintergründe) kann komplett verschieden sein, weil es unterschiedliche Märkte sind.

Lasst uns also ein neues Format für den Donnerstag überlegen: einfach nur einen oder 2 Fahrer in entspannter Atmosphäre, wobei der Fokus wirklich auf der Diskussion liegt. Warum sollte es nicht in der Tat ein paar Eröffnungsfragen geben, die von Fans gestellt werden? Diese könnten so kontrovers wie möglich sein! Dabei müssten aber die Kameras aus bleiben, sodass die Fahrer nicht das Gefühl haben, bloßgestellt zu werden.

Eine weitere Idee: Warum sollte es nicht möglich sein, den lokalen Fernsehanstalten einen besseren Zugang zu verschaffen, um mehr Hintergrundmaterial einfangen zu können, wenn die Emotionen hochkochen. Ebenso könnte man diesen Fernsehanstalten mehr Zeit für vorbereitete Interviews geben. Dies würde dann nicht in einem Positionskampf im "Bullring" ausarten. Das alles könnte ja von einer von der FOM kontrollierten Kamera begleitet werden.

Hamilton hat sich für den Krieg mit den Medien entschieden, indem er nicht mehr bereit war, für Fragen zur Verfügung zu stehen, indem er jeden, der über den Mercedes-Protest berichtet hat, als "Idiot" bezeichnet hat und indem er Journalisten auf Twitter geblockt hat. Das alles erscheint ein bisschen extrem, aber jedem das seine.

Wenn dieses bizarre Japan-Wochenende aber als Katalysator dazu dient, dass die Formel 1 darüber nachdenkt, wie die Anforderungen moderner Medien künftig erfüllt werden können, dann würde unterm Strich zumindest etwas Gutes dabei herauskommen.

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