Paddy Lowe: Warum Mercedes niemals mit WM-Triple gerechnet hätte

Nach 2014 und 2015 sind Mercedes auch in der Formel-1-Saison 2016 die WM-Titel in beiden Wertungen sicher. Für Technikchef Paddy Lowe kommt die Erfolgsserie überraschend.

Die meisten unter uns hätten es wohl lieber, wenn die WM-Titel in der Fahrer- und in der Konstrukteurswertung der Formel 1 hart umkämpft wären. Idealerweise würden sie in der letzten Runde des letzten Saisonrennens entschieden werden. 3 Jahre der Dominanz zweier Fahrer und eines Teams ist sicher nicht das Szenario, das uns Begeisterung für diesen Sport finden lässt.

Das soll die Errungenschaft von Mercedes aber keineswegs schmälern. 3 auf einen Schlag muss man erst mal schaffen. Somit war die Art und Weise, wie Mercedes in dieser Woche das Triple gefeiert hat, völlig gerechtfertigt. Angesichts der Stärke der Konkurrenz hätte man sich selbst in Reihen des Teammanagements eine solche Erfolgsserie nicht träumen lassen.

"Es ist sagenhaft", schüttelt Mercedes-Technikchef Paddy Lowe gegenüber Motorsport.com den Kopf und sinniert: "Ich weiß gar nicht, warum die 3 auf dieser Welt immer eine solch große Bedeutung hat. Wir haben doch 5 Finger! Dennoch ist es die 3, die Menschen sagen lässt 'Okay, das war wirklich gut.'"

"Ich bin jetzt lange in diesem Geschäft, aber dass ich einmal Teil eines Teams sein würde, das dreimal in Folge die Weltmeisterschaft gewinnt, hätte ich mir nie träumen lassen", gesteht Lowe und fügt hinzu: "Ich bin einfach nur stolz, mit seinem solch fantastischen Team zu arbeiten. Unsere Leute sind die professionellste Truppe überhaupt, aber trotzdem Menschen. Dieser Erfolg ist absolut verdient und wird entsprechend gefeiert. Etwas besseres kann man sich in diesem Sport gar nicht wünschen."

Es geht um die Menschen

Und genau das ist der Punkt: es geht um die Menschen. Nach der Übernahme von Brawn GP zur Saison 2010 verbrachte Mercedes einige Jahre mit Aufbauarbeit. Dabei spielten zahlreiche Personen, die inzwischen nicht mehr zum Team gehören – wie etwa Ross Brawn, Norbert Haug oder Bob Bell – entscheidende Rollen. Dass man derart viele Personen an Bord hatte, die zuvor bei anderen Teams die Rolle des Technikchefs innehatten, ist ebenso wenig ein Zufall wie die Tatsache, dass man sich dem Thema Hybridantrieb schon sehr früher widmete.

Lowe und Toto Wolff stießen kurz vor Beginn der Hybrid-Ära zu Mercedes. Das Timing war perfekt. Ein Großteil der Arbeit war bereits getan und somit war es rückblickend für niemanden eine Überraschung, dass sie von der Vorarbeit profitierten. Doch mit einer falschen Entscheidung hier oder da hätten Lowe und Wolff das Ganze auch gegen den Baum fahren können. Schließlich darf sich in der Formel 1 angesichts der schnelllebigen Entwicklung niemand auf seinen Lorbeeren ausruhen.

"Die Leute wissen es wahrscheinlich nicht richtig zu schätzen, was ein Team ausmacht", vermutet Lowe und holt aus: "In Suzuka hatten wir jemanden vor Ort, der normalerweise nicht zu den Rennen kommt. Doch er ist eine der Schlüsselfiguren in unserem Team. Er ist seit 15 Jahren dabei und hat alles auf die harte Tour gelernt. Das ist nur ein Beispiel."

"Formel-1-Teams bestehen zu großen Teilen aus Menschen, die seit vielen vielen Jahren im Geschäft sind", weiß der Mercedes-Technikchef und erklärt: "Wenn man diese Menschen perfekt zusammenfügt, kann man Weltmeisterschaften und sogar Triples erreichen. Über Nacht geht so etwas nicht. Vielmehr braucht es Jahrzehnte, um sich die Erfahrung und den Verstand anzueignen, die das Team perfekt zusammenarbeiten lassen."

Mercedes und die Hybrid-Ära: Alles richtig gemacht

Der Wechsel von den V8-Saugmotoren zu den V6-Turbomotoren mit Hybridtechnologie war von Beginn an als ein Einschnitt erwartet worden. Es lag auf der Hand, dass der Wechsel einem Hersteller besser gelingen könnte als anderen. Mercedes hat genau das geschafft und hatte daher in der 1. Saison (2014) einen riesigen Vorsprung. Die anderen Hersteller hatten inzwischen die Gelegenheit, aufzuholen. Dennoch sind es die Silberpfeile, die nach wie vor dominant sind. Das liegt an der intensiven Arbeit und daran, alles richtig gemacht zu haben.

"Um ehrlich zu sein ist es schon überraschend", gesteht Lowe. "Wir dachten, dass 2014 schon etwas ganz Spezielles gewesen wäre. Eine solche Dominanz hätte ich in der heutigen Zeit, in der die Teams derart professionell auftreten, niemals erwartet. Dass wir die Dominanz 2015 wiederholen konnten und in etwas abgewandelter Form 2016 sogar noch ausbauen konnten, war wirklich nicht zu erwarten."

Der Mercedes-Technikchef setzt fort: "Ich habe riesigen Respekt vor unseren Wettbewerbern. Die Leute mögen denken, dass wir in den vergangenen 3 Jahren absolut dominant gewesen wären. Klar, hatten wir 2014 einen Vorteil mit den Antriebseinheiten, aber 2015 war der schon geringer und in dieser Saison ist der Unterschied zwischen den Antriebseinheiten nicht mehr wie Tag und Nacht. Ferrari und Red Bull sind sehr sehr starke Teams. Wir mögen zwar viele Rennen gewonnen haben, aber man muss sich nur einmal die Zahlen vor Augen führen. Dabei stellt man fest, dass der Unterschied zwischen diesen Teams bei weniger als einem halben Prozent liegt."

"Wenn man da nur den kleinsten Fehler macht, gibt man den Gegnern eine Chance", sagt Lowe und erinnert: "Suzuka war das beste Beispiel dafür. Hätten wir das Setup nicht perfekt hinbekommen, hätten sie uns geschlagen. So läuft es nun mal heutzutage in der Formel 1, wo alles so zuverlässig ist. Selbst mit dem geringsten Vorsprung kann man seine Position halten und gewinnen."

Was bringt die Zukunft?

In der Saison 2017 halten die neuen Aerodynamik-Regeln und die Breitreifen Einzug. Dies könnte die Kräfteverhältnisse erneut durcheinander wirbeln. Zudem nimmt man Abschied vom Tokensystem. Somit haben die Motorenhersteller mehr Freiheiten. Die Zeit wird zeigen, ob die Mercedes-Gegner profitieren können oder ob Mercedes seine hervorragende Basis einfach als Sprungbrett für weitere Erfolge heranziehen kann.

Was sagt Lowe dazu? "Die Basis ist klasse. Wir betrachten das nächste Jahr aber als eines mit komplett neuen Chassis-Regeln. Wir haben es quasi mit einem weißen Blatt Papier zu tun und sehen nichts als selbstverständlich an, wenn es darum geht, etwaige Performance-Vorteile übertragen zu können. Es ist ein kompletter Reset. Wir fangen bei Null an."

Bis es soweit ist, machen die Mercedes-Piloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton zunächst den Fahrer-WM-Titel 2016 unter sich aus. Trotz Rosbergs Punktevorsprung auf Hamilton ist noch nichts entschieden. Dennoch war Suzuka ein Meilenstein für Rosberg, denn der aktuelle Vorsprung von 33 Punkten bedeutet, dass Hamilton den Titel nicht mehr aus eigener Kraft gewinnen kann. Selbst wenn der Brite die verbleibenden 4 Saisonrennen gewinnt, ist er nicht zwangsläufig Weltmeister.

"Wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass so viel passieren kann", sagt Lowe und will sich auf nichts verlassen. "Fest steht nur, dass einer der beiden den Titel gewinnen wird, denn Ricciardo liegt 101 Punkte zurück. Das nimmt ein wenig vom Druck, der auf dem Team lastet, weg. Wir haben aber immer gesagt, dass wir das Ganze Rennen für Rennen angehen. Genau das werde ich zu Lewis sagen. Er weiß ganz genau, wie das funktioniert."

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Rennserien Formel 1
Artikelsorte News
Tags erfolgsserie, f1, mercedes, paddy lowe, technikchef, triplé, wm-titel