Analyse: Die Formel E und ihr Rennen gegen die Zeit

Während rasante Entwicklungen in der Transportindustrie die langfristige Zukunft des Motorsports, wie wir ihn kennen, gefährden, glaubt man in der Formel E, dass die Serie den Rennsport am Leben erhalten kann. Sam Smith analysiert.

Vorige Woche stellte Leonardo di Caprio seinen neuen Film "Before the Flood" vor. Darin gibt es eine Szene, in der Di Caprio die Vereinten Nationen anfleht, bezüglich der fossilen Brennstoffe, die unsere Welt im Grunde seit 150 Jahren versorgen, endlich zu handeln.

"Versuch mal, ein Gespräch mit jemandem über den Klimawandel zu führen. Es wird einfach abgeschaltet," sagt Di Caprio, der Mitbesitzer des Venturi Formel-E-Teams, während des Films. "Wenn die UN wirklich wüsste, wie ich mich fühle, wie pessimistisch ich unsere Zukunft sehe, dann haben sie sich vielleicht den Falschen ausgesucht", so der Hollywood-Star.

Die missionierenden Elemente von Di Caprios Einstellung sind beeindruckend. In der Welt des Motorsports trägt die Formel E viel dazu bei, die Betonung auf die wachsende Notwendigkeit zu legen, etwas für die Umwelt zu tun, während sie gleichzeitig etwas verfolgt, das wichtige Nachrichten rund um die Welt senden kann.

Vorigen Sommer reisten Formel-E-Chef Alejandro Agag, der Meisterschaftszweite der 2. Saison, Lucas di Grassi und einige andere in die Arktis auf Grönland, um vor Ort zu sehen, wie die Umwelt in dieser Region leidet.

Lucas di Grassi and Alejandro Agag, Formula E CEO
Lucas di Grassi und Alejandro Agag, Formel-E-Chef
Photo by: FIA Formula E

An diesem Wochenende findet in Marrakesh in Marokko das 2. Rennen der 3. Saison der Elektrorennserie statt. Das Rennen findet am selben Wochenende wie die COP22-Veranstaltung statt.

COP steht für “Conference of the Parties” (Konferenz der Parteien). Sie ist das oberste beschlussfähige Gremium der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) und hat einen Handlungsrahmen, die globale Erwärmung zu bekämpfen.

Wie Di Grassi später in diesem Artikel erklärt, sind elektrische Beförderungsmittel effizienter, sowohl ökonomisch als auch für die Umwelt. Die große Frage ist: Werden neue Generationen, Autos und Automobilkultur "verstehen"?

Während die Elektrotechnologie zunehmend an Tempo aufnimmt, gibt es bedeutende Herausforderungen. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht von Amnesty International steht zum Beispiel, dass Lithiumgewinnung (ein wichtiges Mineral für die Produktion von Batterien) mit Wasserverschmutzung und Raubbau in Verbindung gebracht wird, besonders in Südamerika.

Diese und andere Probleme müssen angesprochen werden, wenn Elektroautos wie erhofft angenommen werden sollen. Bloomberg New Energy Finance sagte kürzlich voraus, dass bis zum Jahr 2040 41 Millionen Elektroautos verkauft werden sollen. Die Auswirkung auf den Motorsport, ein zentrales Marketinginstrument für Hersteller und Elektrotechnikgiganten, ist dabei enorm.

Am Tag nach dem Rennen in Marrakesh wird der Film des Besuchs der Formel E auf der Eiskappe und wie sie auf das Anliegen aufmerksam machte, vor einer Gruppe von Politikern, Wissenschaftlern, Umweltexperten und anderen Würdenträgern gezeigt werden.

Motorsport.com wird bei der Vorführung dabei sein, im Vorfeld wollten wir aber einen Eindruck bekommen, was diverse Schlüsselpersonen der Formel E darüber denken, welchen Beitrag die Formel E für die Umwelt leistet und wie sie den Sport für die kommenden Jahrzehnte fit machen wollen.

Nick Heidfeld, Mahindra

Nick Heidfeld, Mahindra Racing
Nick Heidfeld, Mahindra Racing

Photo by: Spacesuit Media

"Ich denke, junge Leute werden von der Formel E immer mehr inspiriert, weil sie in ihre Art zu leben passt. Als ich in den 1990er-Jahren im Motorsport angefangen habe, war alles ganz anders. Ein Bewusstsein von sauberer Technik und Technologien war so gut wie nicht vorhanden, es stand erst am Anfang."

"Niemand wusste, dass Rennsport auch anders sein könnte. Jetzt wird dieser sauberere Weg der Technik in Schulen und an Universitäten gelehrt, denn das passt besser zum Lebensstil künftiger Generationen. Also ergibt es perfekten Sinn, dass sie von der Formel E und dieser Art des Rennsports mehr angezogen werden."

"Die Formel E in die Städte zu bringen, war ein fundamentaler Ausgangspunkt, um den Rennsport zu den Fans zu bringen. Die Formel E ergibt in den Städten und für die Menschen, die in großen, modernen Städte leben, viel Sinn. Das 1. Rennen in Peking war wichtig, weil die Luftverschmutzung sehr hoch ist."

"Wenn man sich die Fans bei der Formel E anschaut, unterscheiden sie sich von Formel-1-Fans. Sie sind jünger und ich denke, dass die Tatsache, dass diese Rennserie nicht so laut ist, dabei hilft. Es sind mehr Familien, die mit dem Zug oder der U-Bahn hinkommen können. Sie müssen keine lange Reise unternehmen oder übernachten. Sie bekommen für ihr Geld etwas geboten und es ist effizient, da man nur einen einzigen Tag dafür ansetzen muss."

"Die Zeiten ändern sich sehr, sehr schnell. Es geht nur um das Timing. Ich denke, das Timing der Formel E vor 3 Jahren war perfekt. Einige Leute dachten, dass es nicht funktionieren würde. Einige dachten, dass es funktionieren würde. Es hat geklappt und jetzt sind auch die Hersteller dabei und engagiert."

"Motorsport sollte neue Dinge immer früher aufnehmen – wie die Roborace-Pläne. Vielleicht ist es für einige Leute zu früh, das zu verstehen, aber ich bin ziemlich sicher, dass es in naher Zukunft zumindest irgendeine Rolle im Motorsport spielen wird."

Mark Preston, Teamchef Techeetah

Mark Preston, Techeetah Team Principal
Mark Preston, Techeetah, Teamchef

Photo by: Techeetah

"Wenn ich darüber nachdenke, wie es war, als ich die Universität verließ, bis jetzt, da die neue Generation junger Ingenieure ankommt, dann muss man sich die Frage stellen: 'Würde ich die Funktionsweise des Verbrennungsmotors für meine künftige Arbeit studieren?' Als ich zur Universität ging, war das das Einzige, woran ich dachte – natürlich V8-Motoren, da ich aus Australien komme."

"All die klugen jungen Leute, die ich getroffen habe, die sich für Ingenieurskunst interessieren, konzentrieren sich darauf, was in 30 Jahren passieren wird. Vorhersagen zufolge wird Öl in der Automobilbranche überflüssig sein. In Deutschland sollen Verbrennungsmotoren bis 2030 verboten werden und es gibt am Horizont so viele andere Dinge, die sich definitiv ändern."

"Das Tempo der Veränderungen ist so rasant. Als wir 2013 mit Super Aguri in der Formel E anfingen, wussten wir nicht genau, was passieren würde. Ich würde sagen, dass die Technologie und die Art, wie sie die moderne Technik bestimmen wird, nun selbstverständlich sind. Sie wird von den Herstellern akzeptiert. Die Katze ist aus dem Sack und geht nicht mehr zurück."

"Die Öffentlichkeit hat ihre Ansicht auch geändert. Die geistigen Einstellungen haben sich geändert und die autonomen Transportmittel werden immer mehr. Elektrotechnik auf dem Automarkt und im Motorsport schreitet mächtig voran, weil sie für die Mobilität der Zukunft und die Art, auf die die Menschen reisen und in den kommenden Jahren reisen werden, so wichtig ist."

"Wenn Freunde zu Formel-E-Rennen gekommen sind und ihre Kinder mitgebracht haben, war es klar, dass es ihnen die Augen geöffnet hat. Das ist die Art Rennsport, bei der 6-Jährige nahe am Zaun stehen können und die Autos anschauen können, ohne einen Gehörschutz zu tragen. Sie können sich auch unterhalten und darüber diskutieren, was sie sehen. Das klingt vielleicht nicht nach viel. Wenn man aber darüber nachdenkt, ist traditioneller Motorsport wahrscheinlich die einzige Sportart, bei der man das Erlebte mit niemandem in einem Gespräch teilen kann, während man es erlebt."

"Wenn Kinder nach Hause gehen und sich über das unterhalten, was sie erlebt haben und beginnen, ihren Eltern Fragen zu stellen, dann bringt das einen großen Ball ins Rollen. Als ich ein Kind war, ging es um Wiederverwertung und die Ozonschicht und dergleichen. Jetzt beginnen sie, die Formel E anzuschauen und eine Verbindung zu Straßenautos mit Elektrotechnologie herzustellen. Das ist gut für die Umwelt und eine viel effizientere Art, sein Leben zu leben."

Oliver Turvey, NextEV

Oliver Turvey, NEXTEV TCR Formula E Team
Oliver Turvey, NEXTEV TCR Formula E Team

Photo by: Andy Chan

"Die Formel E bietet viele Möglichkeiten für junge Ingenieure, den Weg des Sports jetzt zu diktieren und zu entwickeln. Es gibt bei der Formel E so viele Gebiete, die weiterentwickelt werden können und sie bietet so viele Möglichkeiten, dass sie natürlich jüngere Leute anzieht."

"Sie ändert deine Sichtweise der Dinge, denn sie zeigt, dass man Motorsport auf zukunftsträchtige Art und Weise ausüben kann. Ich denke, sie bringt die Menschen dazu, in ihrem Leben generell effizienter zu sein. Die Menschen leben auf eine viel strukturiertere und organisiertere Art und das zeigt sich in der Art, wie unser Sport in Zukunft immer mehr operieren wird."

"Unterm Strich müssen wir uns um den Ort kümmern, an dem wir leben. Wir sollten alle etwas dazu tun, bei diesem Prozess mitzuhelfen. Die Art Technologie, die wir in der Formel E sehen, wird künftig allen Menschen bei der Entwicklung von Elektro-Staßenautos zugute kommen."

"Bei künftigen Transportmitteln scheint es so, als ob die Elektrotechnik eine viel sauberere Lösung darstellen wird."

Lucas di Grassi, Abt

Lucas di Grassi, ABT Schaeffler Audi Sport
Lucas di Grassi, ABT Schaeffler Audi Sport

Photo by: Andy Chan

"Als wir nach Grönland gefahren sind, gab es eine klare Botschaft und die war, zu verstehen, wie wichtig es ist, auf der Straße mehr Elektroautos einzusetzen."

"Als ich meinen 1. Formel-1-Test fuhr, war ich 19 Jahre alt und der Motor war ein normaler V10-Saugmotor. Die Leistung und der Sound waren phänomenal. Für mich ist es aber ebenso erstaunlich, wie sich der Motorsport in den vergangenen 10 Jahren verändert hat."

"Es ist schwer für die Menschen, sich anzupassen und zu sehen, wie wichtig Änderungen sind. Deshalb haben wir diesen Stunt vollführt, um hervorzuheben, dass Elektromobilität die Zukunft ist und es wichtig ist, dass sich die Menschen so schnell wie möglich darin engagieren."

"Fakt ist, dass Elektrotechnologie so viel effizienter ist als der Verbrennungsmotor. Es ist ökonomisch und für die Umwelt besser, elektrisch zu fahren. Das ergibt auf so vielen Ebenen Sinn."

"Es brauchte jemand wie Tesla, um zu zeigen, wie schnell sich Elektrotechnologie entwickeln kann. Sie wurde weit vor ihrer Zeit ins Leben gerufen, ebenso wie die Formel E gewissermaßen kam, bevor sie akzeptiert wurde. Das traf damit zusammen, dass die Menschen zu glauben begannen, dass Elektrotechnik der Weg nach vorne ist."

"Die Fans werden sich nicht sofort in die Formel E verlieben. Das braucht seine Zeit und es müssen erst Hersteller in die Formel E kommen, bevor eine große Zahl an Zuschauern sie verfolgen und ihnen klar wird, wie gut sie ist. Es braucht Zeit, bis traditionelle Hardcore-Motorsportfans die Formel E mögen. Das ist klar."

"Viel wichtiger ist es, die aktuelle Generation zu gewinnen, die nicht mit Autos verbunden ist und keine tiefen Beziehungen dazu hat, weil sich ihre Art der Fortbewegung durch Ding wie Uber ändert. Es wird keine Priorität mehr sein, ein Auto zu besitzen und darunter wird der Motorsport bis zu einem gewissen Grad leiden. Was wir also tun müssen, ist, das Interesse der neuen Generationen zu wecken um sicherzustellen, dass das Interesse am Rennsport dauerhaft bestehen bleibt."

"Die größte Herausforderung bei einer neuen Technologie ist es, die Gewohnheiten der Menschen zu ändern. Für den Großteil der Menschen, die ein Auto mit Verbrennungsmotor besitzen, wird es eine lange Zeit dauern, bis sie zu einem Elektroauto wechseln und bis es zum notwendigen kulturellen Wandel kommt."

"Man kann es bei jeder zerstörerischen Technologie, die es bereits gibt, sehen, aber es dauert lange, es zu akzeptieren. Wie lange hat es gedauert, bis die meisten Haushalte Computer hatten? Es hat Jahre gedauert. Ich denke, dass das schneller geht, aber es gibt keine Garantien."

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Über diesen Artikel
Rennserien Formel E
Fahrer Nick Heidfeld , Lucas di Grassi , Oliver Turvey
Artikelsorte Feature
Tags elektro, formel e, leonardo di caprio, mark preston, motorsport, perspektive, rennsport, zukunft