Selbstversuch: Wie fährt sich der neue BMW M6 GT3?

Motorsport.com-Redaktionsleiter Stefan Ehlen nahm Platz im neuen BMW M6 GT3 und wagte den Selbstversuch. Hier sind seine Eindrücke nach einigen fliegenden Runden am Bilster Berg!

Liebe Leser von Motorsport.com,

alles, nur nicht abwürgen! Das ist mein Motto an jenem sommerlichen Mittwoch am Bilster Berg. Denn meine Probefahrt im neuen BMW M6 GT3 hat tatsächlich viel mehr mit dem Erwerb des Führerscheins gemein als man vielleicht glauben mag. Und so stelle ich mir kurz vor dem Beginn meines Abenteuers die Frage: Habe ich bei der Theorie gut genug aufgepasst?

Das zehnseitige Dossier, das technische Briefing zu meiner Testfahrt, war schließlich mit allerlei Daten, Abläufen und Hinweisen versehen, die ich jetzt verinnerlicht und auswendig parat haben sollte.

Wie lasse ich das Auto an? Was ist beim Anfahren zu beachten? Wie schalte ich korrekt? Was lasse ich besser bleiben? Und wie verhalte ich mich im Notfall?

Erst die Theorie, dann die Praxis

Mit diesen und weiteren Themen habe ich vor meinem Einsteigen ins Fahrzeug ausgiebig befasst. Theoretisch. Und zunächst im Selbststudium, ehe mir ein BMW-Instruktor zur Seite gestellt wurde, um noch einmal alles und ganz genau mit mir durchzugehen.

Das dauert seine Zeit, denn der über 500 PS starke M6 GT3 ist das mit Abstand stärkste und auch komplexeste Rennauto, das ich bisher bewegt habe. Entsprechend viel gilt es zu beachten. Doch immerhin kann ich auf die Erfahrung früherer Probefahrten mit Tourenwagen zurückgreifen.

Der M6 spielt allerdings in einer ganz anderen Liga. Was alleine schon daran festzustellen ist, wie akribisch ich als Laie auf meinen Einsatz vorbereitet werde.

Da wäre zum Beispiel das „Extraction Training“, das ich durchlaufen muss, um überhaupt zur Testfahrt zugelassen zu werden. Das bedeutet: rein in die Maschine in voller Montur. Und auf Kommando wieder raus und an der Motorhaube abklatschen.

Klingt einfach, wird mit Helm, HANS, Fünfpunktgurt, eingestecktem Funk, Sicherheitsnetz an der Türe und den Streben des Überrollkäfigs zwischen dir und dem Freien aber durchaus zu einer Herausforderung. Zumal in nur sieben Sekunden!

Aber Übung macht den Meister: Dank guter Erläuterungen und einigen Probeläufen qualifiziere ich mich gleich beim ersten Versuch. Meine Erleichterung ist groß. Und meine Rennausrüstung schon jetzt durchgeschwitzt…

Erste Runden am Bilster Berg

Doch es geht weiter mit der Adrenalin-Ausschüttung, denn sofort folgt die erste Fahraktivität. Als Beifahrer von DTM-Profi Martin Tomczyk steige ich in den BMW 235i, den ich vor zwei Jahren schon mal probeweise fahren durfte. Aber jetzt zeigt mir Martin, womit ich es an diesem Nachmittag zu tun bekomme: mit der Ostschleife des Bilster Bergs.

Auch das ist neu für mich: Diese Teststrecke kenne ich bisher nur vom Hörensagen – und von den Bildern und Videos, die ich mir in Vorbereitung auf meine Probefahrt angesehen habe. Aber die Realität ist immer wieder verblüffend anders. Das stelle ich auch dieses Mal fest. Und ich versuche, mir möglichst vieles vom Kursverlauf einzuprägen.

Denn als nächstes bin ich dran: Martin räumt den Fahrersitz und steigt um ins Schwesterauto. Ich übernehme das Steuer und erhalte einige geführte Runden, um mich auf das Fahren am Bilster Berg einzustellen, ein Gefühl für die Kurven zu bekommen und Sicherheit zu gewinnen.

Anschließend darf ich mich auch auf eigene Faust und ohne Führungsfahrzeug versuchen, ehe es über die Westschleife zurück zur Boxengasse geht.

Viel Zeit zum Durchschnaufen (ja, Rennfahren ist anstrengend!) bleibt mir nicht: Ich steige direkt um in das „Biest“, wie es Martin nennt. Und ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich an diesem Punkt nicht aufgeregt gewesen wäre!

Den M6 habe ich wenige Tage zuvor schließlich noch beim 24-Stunden-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife beobachtet. Jetzt sitze ich selbst hinter dem Lenkrad eines solchen Fahrzeugs, das noch dazu das gleiche Farbdesign besitzt. Wenn da kein Rennfeeling aufkommt!

Der entscheidende Moment: das Anfahren im M6

Doch während ich im Auto festgeschnallt werde, kreisen meine Gedanken eigentlich nur um eines: das Anfahren! Und ob ich will oder nicht, natürlich kommt die Erinnerung an meinen Test im Opel Astra TCR hoch. Dieses Sportgerät habe ich gleich mehrmals abgewürgt…

Dieses Mal will ich es besser machen. Und ich bin froh über die Unterstützung per Funk durch „meinen“ Renningenieur Jeroen Den Boer, der mich durch die Abläufe leitet: Main-Schalter an, Ignition an, dann Startknopf. Und auf einmal rumpelt es in der Bude, der Twinturbo-Motor erwacht zum Leben!

Und schließlich der große Moment: Ich erhalte das Zeichen zum Losfahren, also versuche ich mein Bestes. Die Kupplung kommen lassen, den Schleifpunkt erahnen, leicht aufs Gas steigen – und innerlich Daumen drücken.

Dann aber passiert, was ich nicht erwartet hätte: Das Fahrzeug kommt ruckelnd in Fahrt! Ich habe es tatsächlich geschafft!

Doch auskosten kann ich diesen Moment nicht, weil Martin im 235i schon auf mich wartet, um mich auf die Rennstrecke zu geleiten. Also folge ich ihm im ersten Gang mit unter 60 km/h durch die enge Boxengasse. Und am Schütteln im ganzen Auto merke ich: Für so langsame Geschwindigkeiten ist dieses Fahrzeug ganz sicher nicht gemacht…

Doch zunächst bleibt es bei gebremstem Schaum: Erneut gibt Martin den Tour-Guide und ich fahre ihm im M6 hinterher. Erst einmal ein Gefühl für dieses größere, stärkere Auto entwickeln. Und wie anders die Eindrücke in diesem Auto doch sind!

Vieles macht natürlich die Maschine aus: So seriennah der 235i ist, so serienfern ist der M6, so wuchtig, so laut – aber erstaunlich agil und leicht zu kontrollieren. Das stelle ich fest, als ich nach wenigen Umläufen meine erste freie Runde fahren darf. Niemand mehr vor mir, nur das Auto und ich!

Alleine mit dem M6

Und es ist ein durchaus erhebendes Gefühl, als ich das erste Mal auf der längsten Geraden das Pedal voll durchtrete und bis in den vierten Gang beschleunige. Bei jedem Gangwechsel schüttelt es mich durch!

Es geht auf über 220 Sachen, dann hinein in die schnelle Links und hinaus auf die nächste, kürzere Gerade, hinein in das Kurvengeschlängel und nach links den Hügel hinauf.

 

Ich bin erstaunt: Der M6 macht alles ganz easy mit, liegt satt auf der Strecke und vermittelt mir ein gutes, ein sicheres Gefühl. Auch in der harten Bremszone nach der Bergauf-Gegengeraden kann ich mich auf meine Abläufe konzentrieren, bremsen und schalten, ohne dass das Fahrzeug nervös werden würde.

In Hochstimmung geht’s nach einigen Runden zurück zur Box. Zum Briefing mit Renningenieur Jeroen, der meine Leistung einordnen wird.

Also raus aus dem Auto und runter mit dem Helm, sobald der M6 unter den Augen der Mechaniker abgestellt ist. Und nichts wie ran an den Laptop zur Datenauswertung!

Was sagen die Daten?

Was folgt, ist die Ernüchterung. Denn da ist noch viel Luft nach oben! Immerhin: In den meisten Kurven habe ich den richtigen Gang erwischt, kann aber ausgangs einiger Ecken noch viel früher wieder aufs Gas steigen. Und vor allem soll ich noch stärker bremsen.

„Du bremst mit einem Druck von 35 Kilogramm“, sagt mir Jeroen und zeigt auf die Referenzrunde von BMW-Werkspilot Lucas Luhr auf dem Bildschirm. „Er bremst mit 70 Kilogramm.“ Also doppelt so hart! Und vor allem nicht so zaghaft wie ich, sondern kurz und knackig. Was wiederum mein größtes Manko ist. Ich sollte mich also mehr trauen – im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Und darin liegt das Problem: Einerseits ist die Versuchung groß, diesen Sportwagen richtig flott zu bewegen. Andererseits ist da die Hemmschwelle, die dir sagt: Übertreib es bitte nicht! Und mach‘ um Himmels Willen nichts kaputt! Aber so ein bisschen schneller sein, wäre natürlich schon ganz cool…

Also wieder rein in die Rennfahrerkluft und zurück ins Cockpit „meines“ M6. Der zweite Stint wartet!

Nachlegen im zweiten Stint

Wieder das gleiche Prozedere wie vorhin. Doch als ich den Startknopf drücke, tut sich nicht viel. Während ich noch Fragezeichen im Kopf habe, funkt mir Jeroen bereits: „Ignition, Stefan. Du musst erst die Zündung einschalten.“ Ups…

Beim zweiten Versuch rumpelt der Motor planmäßig an und auch das Anfahren gelingt. Erneut eine Mischung aus Hochgefühl und Erleichterung, als ich die Boxengasse entlangfahre und hinter Martin auf die Strecke einbiege. Dieses Mal aber fährt er gleich zur Seite und winkt mich durch: Vor mir liegen fünf fliegende Runden im BMW M6 GT3!

Und meine Mission ist klar: Diesen Sportwagen im Rahmen meiner Fähigkeiten genießen – und die von Jeroen angesprochenen Punkte verbessern.

Daher fasse ich mir ein Herz. Und fahre gleich mal im vierten Gang durch die schnelle Links am Ende der Geraden. Ich schaffe es ausgangs gerade so in den fünften Gang, ehe ich für das Kurvengeschlängel am Fuße des Hügels herunterbremse. Aber den zweiten Bremspunkt vor der finalen Linkskehre erwische ich trotzdem nicht so gut.

Dafür trete ich am Ende der Gegengeraden richtig stark aufs Bremspedal und hänge erstmals in den Gurten, obwohl da natürlich nicht viel Spiel ist. Anker werfen und rum um die Rechtskurve, gleich wieder links, kurz in den dritten Gang, zurück in den zweiten, rechts, links und noch einmal ganz kurz geradeaus.

Und da ist er wieder, der Bremspunkt, den ich bisher nie richtig getroffen habe. Dabei ist die Einfahrt in die Links-Rechts-Links-Schikane vor der Hauptgeraden doch so wichtig für die Rundenzeit! Doch in diesem Umlauf schieße ich gleich mal zu weit geradeaus und muss meine Arme beim Einlenken bis an den Anschlag überkreuzen, damit der M6 die Kurve kriegt… Mist!

Aber wenigstens ist mir aufgefallen, dass die Sicht durchs Fahrerfenster links vorn im M6 zumindest für mich deutlich besser ist als im 235i. Ich habe den Scheitelpunkt der Kurven besser im Blick, obwohl die Bewegungsfreiheit mit Helm und HANS logischerweise genau gleich eingeschränkt ist.

Doch all das wird mir erst im Nachhinein bewusst. Auch, dass ich die lange Gerade mit etwa 230 km/h in der Spitze befahre, ehe ich in die schon mehrfach angesprochene lange Linkskurve eintauche, in der das Auto wie auf Schienen fährt. Der riesige Heckflügel am M6 leistet wirklich ganze Arbeit! Und ich bin schon nach nur einer schnellen Runde bereits wieder total verschwitzt.

Aber es geht immer flüssiger: In der dritten Runde fahre ich meine persönliche Bestzeit – gefühlt und auch tatsächlich. Und es macht so viel Spaß, dieses Fahrzeug zu bewegen!

Am persönlichen Limit

Dieser Rausch verleitet aber auch zu immer kühneren Manövern. Was mir klar wird, als ich in Runde vier erneut den Bremspunkt vor der finalen Schikane verpasse und eine sehr weite Linie nehmen muss. Nichts passiert, kein Problem. Aber…

Da ist es, mein ganz eigenes Limit. Sagt der Hasenfuß in mir. Und irgendwie ist der Bann damit gebrochen: Mehr traue ich mich an diesem Tag nicht mehr, fahre die beiden letzten Runden etwas vorsichtiger, erfreue mich noch einmal an dieser herrlichen Gelegenheit in diesem gutmütigen Fahrzeug.

Dann ist meine Spritztour vorbei und ich muss die Rennstrecke verlassen. Und so rumpelnd, wie die Fahrt begonnen hat, so endet sie auch in der Boxengasse: Nein, für Langsamfahren ist dieses Geschoss zweifelsohne nicht gebaut worden!

Ein letztes Mal steige ich – wenig elegant, aber zweckmäßig – aus. Und bin selbst erstaunt: Dieses GT3-Teil, das leise knisternd vor mir steht, habe ich gerade einfach so bewegt? Schon verrückt!

Aber das Beste kommt zum Schluss: Nochmals bittet mich Jeroen vor den Datenmonitor. Und er verkündet: viel knackiger gebremst, früher herausbeschleunigt, bessere Gangwahl. Und fünf Sekunden schneller als im ersten Stint war ich auch noch. Klingt gut!

Was mir zeigt: Ein bisschen Coaching schadet ganz sicher nicht. Und: Der M6 ist auch für Einsteiger ein echtes Erlebnis und vermittelt Rennfeeling pur.

Und damit zurück an die Tastatur…

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Über diesen Artikel
Rennserien Langstrecke , GT , Sportwagen
Veranstaltung Motorsport.com testet BMW M6 GT3
Unterveranstaltung Testtag
Rennstrecke Bilster-Berg
Fahrer Stefan Ehlen
Artikelsorte Feature
Tags bilster berg, bmw, bmw m6 gt3, stefan ehlen