Kolumne: Deutscher Motorrad-Nachwuchs (fast) schlechter als der von Sri-Lanka

Die Sichtungen und Auswahlverfahren zum Red Bull MotoGP-Rookies-Cup 2017 stehen an. Und Deutschland steht wieder einmal fast gar nicht da.

Nächste Woche stehen vom 18. bis 20. Oktober 2016 in Guadix, Spanien, die Auswahlsichtungen für den Red Bull MotoGP-Rookies-Cup 2017 an. Ein Event, bei dem man als ambitioniertes Nachwuchstalent dabei sein sollte: Momentan sind zwei ehemalige Cup-Piloten Weltmeister! Brad Binder holte den Moto3-Titel 2016 gerade in Aragon, Johan Zarco will seinen Moto2-Titel aus 2015 dieses Jahr noch verteidigen, ehe es in die MotoGP geht.

Heute wurden die Teilnehmer für das Sichtungsevent in Guadix bekannt gegeben. Dabei kann auch auf Facebook abgestimmt werden, wer es unbedingt ins Fahrerfeld 2017 schaffen soll. Klar, heute kommt es längst nicht mehr darauf an, nur schnell zu sein, sondern man muss auch vermarktbar sein, mit Social Media können – und, und, und.

Der Deutsche Motorradrennsport bekommt mit dieser Liste einmal mehr einen Spiegel vorgehalten: Er ist quasi nicht einmal mehr wirklich existent. Das zeigt sich auch dabei, dass niemand wirklich weiß, ob es nächstes Jahr noch eine Internationale Deutsche Motorradmeisterschaft – IDM – geben wird, denn die bisherigen Promoter von Motors Events haben hingeschmissen. Zu viel Verband, zu viel Industrie, zu viele Interessengemeinschaften etc. sind verwickelt.

Deutschland hat viele Probleme, im Sport gesprochen aber vor allem eins: Zweiter ist scheiße. Besonders in einer Randsportart wie Motorrad-Rennen. Aber auch mal im Fußball. Gewinnt die National-Elf – dann sind WIR Weltmeister. Werden sie Zweiter, dann sind SIE es, die Zweiter wurden. Und so zieht sich das...

In Spanien steht die MotoGP auf einem ähnlichen Level wie Fußball und Formel 1, wenn nicht gar höher. Von den 116 Piloten aus 32 Nationen in Guadix verwundert es daher nicht, dass deren 22 von der Iberischen Halbinsel kommen.

In Italien weiß man, dass nach Valentino Rossi gerade nicht viel unterwegs ist gerade. Die Andreas Iannone und Dovizioso vielleicht noch. Franco Morbidelli in der Moto2 hat nicht den klassischen GP-Weg genommen. Die Moto3 ist gerade voll mit Talenten, viele im 1., 2. Oder 3. Jahr. Und Italien schickt 16 weitere Piloten zur Sichtung im Rookies-Cup.

Ja, selbst Großbritannien, die die beste und wirtschaftlich funktionierendste nationale Meisterschaft der Welt haben, schicken nun auf einmal 10 Fahrer in Richtung GP-Fahrerlager. Und dabei ist das Königreich eigentlich das klassische Superbike-WM-Land.

Was also wird bei den Nationen passieren? Aus den 22, 16 und 10 Fahrern, werden es die Besten in den Rookies-Cup schaffen – und die besten sicher irgendwann in der WM landen. Man braucht Quantität, um die Qualität zu kreieren und zu finden.

"Ohne Holland, fahr'n wir zur WM" – Im Verspotten gegen alles, was den Niederländer angeht, da ist der Deutsche schnell. Aber liebe Motorradfreunde: Die Oranjes werden mit 7 Fahrern beim Sichtungsevent dabei sein. Frankreich auch. Südafrika, die mit Brad Binder gerade einen Weltmeister gefeiert haben, der aus diesem Cup kommt, und die zu den ärmeren Ländern der Welt zählen, kommen mit 6 Fahrern. Übrigens: Der Live-Stream zur Südafrikanischen Meisterschaft ist besser als er es bei der IDM (ohne DTM-Anbindung) je war.

In den USA lag der Motorradrennsport mächtig am Boden und seit Nicky Hayden ist nicht wirklich irgendwer Großes nachgerückt. Vorbei die Zeiten von legendären US-Boys wie Colin Edwards, Ben Bostrom. Man hat dort bei null begonnen – und schickt schon für die Cup-Auswahl 2017 vier Fahrer. Genauso viele wie Österreich!

Australien, Brasilien, Tschechische Republik, Deutschland, Sri-Lanka, Schweiz & Türkei: 3!

Auf den Quantitäts-Plätzen 9 bis 15 liegen, alphabetisch: Australien, Brasilien, die Tschechische Republik, Deutschland, Sri-Lanka, die Schweiz und die Türkei.

Kurz mal sacken lassen.

Brasilien hat sicher große Motorrad-Rennsportler hervorgebracht, einer davon ist auch den jüngeren Generationen noch im Gedächtnis: Alexandre "Alex" Barros. Aber gerade in den letzten Jahren ist wohl auch keiner darum gekommen, welch Missstände und Armut in Brasilien herrschen – in Zusammenhang mit Fußball-Weltmeisterschaft und Olympischen Spielen. Von dort sind auch nur wenige Rennstrecken tatsächlich bekannt. Aber man kommt mit genau so vielen Sportlern wie Deutschland.

Die Schweiz, rund 9 Mal kleiner als Deutschland; 8,1 Millionen Einwohner – gegen 80,8 Bundesbürger. Rundstreckenverbot! Im eigenen Land dürfen die Eidgenossen gar nicht der Leidenschaft des Racing frönen. Aber man kommt mit genau so vielen Sportlern wie Deutschland.

Die Türkei. Putsch, Terror, Krieg, westlich orientierter, orientalischer Staat. Urlaubsland. Alles, aber kein klassisches Motorsport-Land. Einer der größten Nationalhelden aber ist Kenan Sofuoglu, der dieses Wochenende in Jerez einen Rekord von fünf Supersport-WM-Titeln einfahren kann. Er hat seine Karriere zwar in Deutschland begonnen, kümmert sich in seiner Heimat nun aber intensiv um den Nachwuchs. Die Türkei ist beim Sichtungsevent mit genau so vielen Sportlern wie Deutschland dabei.

Jetzt aber kommt der Hammer: Sri Lanka schickt 3 Fahrer zum Sichtungsevent. Ich verfolge neben den ganzen, hier bekannten, Rennsportserien zum Beispiel auch die Moto1000 in Brasilien, die südafrikanische Meisterschaft, die Japanische Superbike. Aber von Motorradsport auf, in und aus Sri Lanka, da habe ich nun wirklich noch nichts gehört. Jedenfalls kommen von da 3 Fahrer zum Sichtungsevent. Genauso viele wie aus Deutschland.

Weitere Exoten: El Salvador, Iran, Philippinen, Venezuela – alle jeweils einen Fahrer.

Noch Mal. Iran. Philippinen. El Salvador. Venezuela.

Bitte nicht falsch verstehen: Es ist mega-genial, dass der Motorrad-Rennsport noch globaler wird, die Familie noch größer, noch mehr Nationen an diesem Spektakel teilnehmen und teilhaben wollen.

Und dann kommt Deutschland.

Das Land von BMW Motorrad. Von Niklaus August Otto, der 1862 den Viertakt-Motor erfand. Von Gottlieb Daimler – der mit dem Reitwagen das erste Motorrad konstruierte – und Carl Friedrich Benz.

Nun, die Fassungslosigkeit über die Bedeutungslosigkeit des Motorradrennsportes in Deutschland dürfte weder gespielt, noch eine Überraschung sein.

Aber wo fängt es an, und wo hört es auf? Für mich weder bei DMSB oder Politik und Befindlichkeiten. Sondern dabei, dass manchen "Fans" schon 6,99 Euro im Monat für alles, was an zwei Rädern im Kreis fährt, an den Allerwertesten gebacken sind.

Der Deutsche war schon immer vom Sofa aus der bessere Schiedsrichter. Hoffen wir – lieber Philipp, nimm es nicht persönlich, du hättest es verdient – dass Öttl nie Weltmeister wird, denn dann ruhen sich hier noch lange alle auf Lorbeeren aus, die es gar nicht gibt...

Zur Auswahl antretende Teilnehmer nach Nationen:

 Pos.

NAT

Riders

1

Spanien 

22

2

Italien 

16

3

Großbritannien 

10

4

Frankreich 

7

5

Niederlande 

7

6

Süd-Afrika 

6

7

USA 

4

8

Österreich 

4

9

Australien 

3

10

Brasilien 

3

11

Tschechische Republik 

3

12

Deutschland 

3

13

Sri-Lanka 

3

14

Schweiz 

3

15

Türkei 

3

16

Polen 

2

17

Russland 

2

18

Belgien 

1

19

Kolumbien 

1

20

Dänemark 

1

21

El Salvador 

1

22

Finnland 

1

23

Ungarn 

1

24

Indien 

1

25

Iran 

1

26

Irland 

1

27

Mexico 

1

28

Philippinen 

1

29

Portugal 

1

30

Slowenien 

1

31

Schweden 

1

32

Venezuela 

1

 

 

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