Kolumne von Randy Mamola: Aggressivität oder Show?

In seiner neuen Kolumne für Motorsport.com schreibt der ehemalige Motorrad-Rennfahrer Randy Mamola über den Misano-Grand-Prix der MotoGP und über den Streit zwischen Valentino Rossi und Jorge Lorenzo.

Liebe Leser von Motorsport.com,

der Große Preis von San Marino war ein Rennen, das man nicht so schnell vergisst. Das vergangene Rennwochenende hatte wirklich alles. Zum Beispiel die große Freude bei Dani Pedrosa, der endlich wieder seine Form gefunden hat. Dann gab es das Drama um Andrea Iannone, dem als Ducati-Fahrer ein Abschied von den italienischen Fans verwehrt blieb. Und dann war da noch der öffentlich ausgetragene Zwist der beiden Yamaha-Piloten.

In der Pressekonferenz nach dem Rennen lieferten sich Valentino Rossi und Jorge Lorenzo ein schnippisches Wortgefecht. Meine Meinung dazu: Bei diesem Streit ging es nicht so sehr um die Aggressivität, mit der Rossi auf der Strecke an Lorenzo vorbeigegangen ist. Die beiden trennt viel mehr. Und da kam zur Sprache, was sie schon seit vielen Monaten mit sich herumschleppen: Jeder will ständig zeigen, dass er der Beste und die Nummer 1 im Team ist.

Dieser Streit fand auf der Strecke seinen Ausdruck im harten Duell in Runde zwei. Und so sehe ich diesen Zweikampf: Rossis Überholmanöver war so aggressiv, wie es sein musste, um angesichts der WM-Situation einen Topfahrer der MotoGP zu überholen. Nicht mehr, nicht weniger.

Da zeigte sich eine der Schwächen von Lorenzo, wenngleich ich ihn noch immer für den Schnelleren der beiden halte. Er mag denken, Rossi sei zu aggressiv gewesen. Aber dann gilt das auch für das Manöver von Dani gegen Rossi im Kampf um die Führung.

Lorenzo sagt: Wenn er sein Bike nicht aufgerichtet und Platz gemacht hätte, dann wäre es zum Crash gekommen – oder Rossi hätte ihn über den Haufen gefahren. Da mag er richtig liegen. Aber das Motorrad aufzurichten ist einfach ein Reflex, wenn man ein anderes Bike kommen sieht – mit einem Fahrer, der schneller ist und attackieren kann.

Wir dürfen nicht vergessen: Dieser Sport lebt vom Positionskampf. Da macht keiner freiwillig Platz für einen Gegner. Niemand will es einem anderen leicht machen, ein Überholmanöver zu schaffen.

Zuletzt gab es viele Manöver dieser Art. Zu meiner Zeit war der Unterschied zwischen den Bikes noch viel größer. Deshalb musste man sich nicht derart an einem Konkurrenten vorbeipressen. Doch inzwischen trennt die schnellsten Fahrer oft gerade mal eine Zehntelsekunde. So gewaltig sind die Fortschritte auf technischer Seite. Das Feld liegt nun deutlich enger beisammen.

Und damit zurück zur Situation zwischen Rossi und Lorenzo. Wenn zwei Fahrer auf der Strecke aufeinander treffen und der Unterschied zwischen ihnen ist so gering, dann dürfen sie nicht eine Sekunde lang zögern, wenn sie überholen wollen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man auf einmal Verrücktes miteinander anstellen und rücksichtslos fahren kann. In Argentinien ist Iannone bespielsweise ein großer Fehler unterlaufen und er schoss Dovizioso ab. Das alles geschah aufgrund einer Fehleinschätzung, die vermeidbar gewesen wäre.

Ein Überholmanöver ist nicht in Ordnung, wenn ein Fahrer zum Beispiel einen anderen Fahrer dazu benutzt, Geschwindigkeit abzubauen und nicht abzufliegen.

Und ich weiß nicht, was Ihr alle darüber denkt, aber ich meine: Wo andere zu viel Aggressivität sehen, sehe ich einfach nur eine gute Show! Und wenn ich mich nicht irre, war's das noch lange nicht. Also macht Euch bereit für das, was uns noch bevorsteht!

Euer
Randy Mamola

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Über diesen Artikel
Rennserien MotoGP
Veranstaltung GP San Marino
Rennstrecke Misano
Fahrer Valentino Rossi , Jorge Lorenzo
Teams Yamaha Factory Racing
Artikelsorte Kommentar
Tags aggressivität, attacke, duell, motogp, show, streit, vr46, wortgefecht, yamaha, zweikampf