Analyse: Warum die Initiative von Jean Todt ein wichtiges Signal ist

Seit seinem Amtsantritt als Präsident des Automobil-Weltverbands (FIA) hat Jean Todt die Sicherheit im Straßenverkehr zu seiner Priorität gemacht. Damit setzt Todt ein wichtiges Signal, meint Kate Walker.

Todt wurde in der Vergangenheit oft für sein Engagement in dieser Sache kritisiert. Und das vorrangig von den Personen, die glauben, die Formel 1 müsse der Fixpunkt seiner Aufmerksamkeit sein. Dabei würden viele, die mit dem Formel-1-Zirkus um die Welt reisen, bestätigen, dass Sicherheitsstandards im Straßenverkehr oft mehr ein Privileg als eine Selbstverständlichkeit sind.

Auf meinen vielen Reisen zu Grands Prix rund um die Welt habe ich beispielsweise gesehen, wie getrocknete Kürbisse als Motorrad-Helme genutzt wurden. Manche Fahrer verwenden schon mal die falsche Fahrtrichtung, um zu der ihnen nächstgelegenen Ausfahrt im Kreisverkehr zu gelangen. Ganze Konvois an Lastwagen befahren Autobahnen bei Nacht ohne Licht und entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung. Dergleichen ist praktisch überall illegal, aber in manchen Ländern an der Tagesordnung.

Deshalb kommt es nicht überraschend, dass Statistiken zu Unfällen im Straßenverkehr ein erschreckendes Bild abgeben: 1,3 Millionen Menschen sterben jedes Jahr auf den Straßen dieser Welt. Darunter befinden sich im Schnitt 500 Kinder – pro Tag. Oder: Alle drei Minuten stirbt ein Kind. Unfälle im Straßenverkehr zählen zu den acht häufigsten Todesursachen und belegt Platz eins in der Statistik über junge Menschen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren.

Eine Pandemie, die heilbar ist

Als SARS im Jahr 2003 in die Schlagzeilen geriet, fielen dieser Krankheit weltweit 8.098 Menschen zum Opfer. Die mediale Berichterstattung war gigantisch. Seit ihrem erstmaligen Auftreten 1997 hat die Vogelgrippe nur etwa 200 Menschenleben gefordert, wohingegen die Schweinegrippe ab 2009 etwa 203.000 Tote zur Folge hatte.

Diese Epidemien haben dazu geführt, dass sich die Forschung rund um die Welt mit der Bekämpfung dieser Krankheiten befasst. Es gibt eine globale Kooperation. Tote im Straßenverkehr, eine viel gefährlichere Pandemie, wird dagegen nach wie vor als ein Kampf gesehen, den wir nicht gewinnen können.

In seiner Kolumne für die Webseite der Huffington Post hat Todt nun seine Agenda für die Verbesserung der Sicherheit im Straßenverkehr dargelegt und über deren Herausforderungen geschrieben. Laut dem FIA-Präsidenten laufen wir Gefahr, die Zielvorgaben der Vereinten Nationen meilenweit zu verfehlen – jetzt, wo wir die Hälfte des Jahrzehnts der Initiative für Sicherheit im Straßenverkehr erreicht haben.

In seinem Aufruf appelliert Todt, sich die weltweite Plattform der Vereinten Nationen zunutze zu machen, um eine Anlaufstelle für Bürgern und Regierenden zu schaffen, die gemeinsam für mehr Sicherheit im Straßenverkehr, sicherere Fahrzeuge und bessere Verkehrsregeln eintreten sollten.

Todt erklärt: „Wir haben alle Werkzeuge, die wir brauchen, schon an der Hand. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Vereinten Nationen unter dem Banner von UNECE insgesamt 58 Maßnahmen entwickelt, die sich mit dem internationalen Automobilgeschehen befassen. Einige dieser Ansätze regeln eine große Vielzahl von Sicherheitsbelangen wie Verkehrsregeln, die Standardisierung von Straßenschildern oder Fahrzeugstandards.“

„Es gibt diese Konventionen bereits. Wir wissen, wie wir sicherere Fahrzeuge oder sichere Straßen bauen können. Wir kennen die Vorzüge von modernen und konstanten Verkehrsregeln und Straßenschildern, damit die Menschen die Straßen noch sicherer nutzen können.“

Es ist an der Zeit für Änderungen

Das Problem ist also nicht, dass die Welt nicht über die nötigen Mittel verfügen würde, um die notwendigen Änderungen umzusetzen, damit weltweit höhere Sicherheitsstandards erreicht werden. Das Problem ist vielmehr: Verkehrstote werden einfach hingenommen. Wir scheinen zu denken, dass tödliche Unfälle ein Kollateralschaden unserer Abhängigkeit vom Automobil geworden sind.

Doch diese Einstellung kann und muss sich verändern. Indem wir unsere Regierungen öffentlich unter Druck setzen, können wir einen Kurswechsel erzwingen und so neue Regelungen herbeiführen. Wo betrunkenes Autofahren früher ein Kavaliersdelikt war, hat ein Umdenken der Öffentlichkeit dazu geführt, dass sich sowohl Gesetzgebung als auch Verhalten verändert haben. Und inzwischen sind sich fast alle darin einig: Wer nach einer durchzechten Nacht hinters Steuer sitzt, handelt unverantwortlich und inakzeptabel.

Die Finanzierung von Sicherheitsprogrammen in Entwicklungsländern, wo sich 91 Prozent der weltweiten Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang ereignen, kann gelingen, indem bereits existierende Maßnahmen gezielt eingesetzt werden. Todt schlägt vor, ein Model „nach dem Vorbild von UNITAID“ einzuführen, wonach Flugtickets einen Teil der Gelder beitragen könnten.

„Das käme einem kleinen Aufschlag auf die Verkaufspreise im Automobilsektor gleich“, meint er. „Ein solcher Mechanismus könnte rasch viel Geld einbringen. Und diese Gelder könnten dann wiederum direkt an einen weltweiten Fond der Vereinten Nationen weitergeleitet werden. Am Ende würde damit den Entwicklungsländern beim Verbessern der Straßenverkehrssicherheit geholfen.“

Schlussfolgerung

Eine Kombination aus Fürsprache, Lobbyismus und verbesserter Finanzierung kann dabei helfen, die tödlichen Unfälle im Straßenverkehr zu reduzieren – lokal, national oder weltweit.

Aber der erste Schritt muss sein, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen. Die Verbesserung der Sicherheit im Straßenverkehr muss ein ebenso großes Thema in der Politik werden wie es Vogelgrippe, Schweinegrippe oder SARS waren.

Todts Ausführungen, um diesen Missstand ins Rampenlicht zu stellen, waren ein guter erster Schritt. Nun sind wir Menschen gefragt. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, diese Botschaft um den Erdball zu tragen.

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