20 Jahre GT3: Wie der Welterfolg selbst Stephane Ratel überrascht
GT3-Erfinder Stephane Ratel blickt auf sein mittlerweile 20 Jahre altes Baby - Wie die GT3-Klasse seine kühnsten Erwartungen übertraf
Stephane Ratel erschuf 2006 die GT3-Klasse
Foto: SRO/JEP SRO/JEP
Als im Mai 2006 beim Auftakt der FIA-GT3-Europameisterschaft in Silverstone 44 Fahrzeuge in der Startaufstellung standen, sah das schon nicht verkehrt aus. Doch ahnte wohl kaum jemand, welchen Siegeszug diese neue Kategorie in den folgenden 20 Jahren antreten würde.
Geplant war eine kostengünstige Plattform für Privatteams und Gentlemen-Fahrer jenseits der teuren FIA-GT-Serie. Doch zwei Jahrzehnte später hat sich die GT3-Klasse zur absoluten Benchmark im weltweiten Sportwagensport entwickelt. Selbst ihr Schöpfer Stephane Ratel zeigt sich von der Dynamik überrascht.
In einem Interview mit Motorsport.com Global, der englischsprachigen Schwesterplattform von Motorsport-Total.com im Motorsport Network, blickt der SRO-Chef auf die beachtliche Entwicklung zurück.
"Es ist kein Erfolg, der über Nacht kam", betont Ratel. "Dahinter stecken über 30 Jahre tiefes Engagement im GT-Sport und 20 Jahre in der GT3. Aber es war ein konstantes Wachstum. Es lief über viele Jahre hinweg immer besser."
"Wir haben für dieses Jubiläum recherchiert und ich habe eines meiner ersten Interviews aus dem Jahr 2005 gefunden, als wir die Kategorie vorgestellt haben. Damals sagte ich, dass ich eine helle Zukunft für die Klasse sehe. Aber es ist über meine kühnsten Erwartungen hinausgewachsen."
Die Kategorie entstand in einer Phase des Umbruchs. Die GT1-Klasse war bereits auf dem Weg in Richtung Finanz-Kollaps und die GT2-Kategorie (ab 2011 GTE) wurde für reine Kundenteams zu teuer und zu werkslastig.
Ratels Ansatz basierte auf der damals noch neuen und unerhörten Balance of Performance (BoP) und Kostenkontrolle. Dass das Konzept aufging, zeigt der direkte Vergleich: Damals wie heute faszinieren riesige Starterfelder von rund 45 Autos im Sprint-Cup die Fans. Ab 2011 folgte dann noch die Endurance-Serie (heute Endurance-Cup in der GTWC Europe), die zum Dauerbrenner mit über 50 Autos wurde.
Globaler Siegeszug durch alle Serien
Zunächst verblieb die größtenteils Klasse im hauseigenen SRO-Universum. Die 2010er-Jahre waren geprägt von starkem Wachstum, immer mehr Herstellern, die über Kundenprogramme die GT3-Welt professionalisierten. Es gab aber bereits "Early Adopters", etwa auf der Nürburgring-Nordschleife, in der Super GT oder der GT Open.
Ab 2020 geschah dann das vorher Undenkbare: Die GT3-Klasse füllte nach und nach Lücken, die das Sterben anderer Kategorien hinterließ. Sie löste die GTE-Klasse in der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) und der IMSA SportsCar Championship ab und übernahm schließlich sogar das Fundament der DTM.
Stephane Ratel gibt zu, dass er damit nie gerechnet habe: "Die Klasse ist ein Weltherrscher. Das hätte ich mir anfangs natürlich nicht vorstellen können. Die Fundamente waren richtig, weil die Autos spektakulär, schnell genug und sehr kosteneffizient waren. Und am Ende ist der Preis im Motorsport eben der Schlüsselfaktor. Aber das alles ist über meine kühnsten Erwartungen hinausgewachsen."

Die GT3-Klasse fand sehr schnell zu hoher Popularität, z.B. im ADAC GT Masters
Foto: ADAC Motorsport
Heute bilden die GT3-Fahrzeuge das Rückgrat der größten Langstreckenrennen der Welt, darunter die 24 Stunden von Le Mans, Spa-Francorchamps, Daytona und am Nürburgring. Schon früh löste sich die Kategorie von ihren Amateur-Wurzeln, obschon diese das Rückgrat der Klasse bis heute bleiben, und lieferte den professionellen Spitzensport, den wir heute im GT-Sektor als selbstverständlich hinnehmen.
Der "Rossi-Effekt" und neue Zuschauermassen
Ein wesentlicher Treiber für die Popularität in den vergangenen Jahren war der Umstieg von Hochkarätern aus anderen Disziplinen. Allen voran MotoGP-Legende Valentino Rossi, der neue Fangruppen in die Fahrerlager der GTWC Europe und der WEC brachte. Ratel zieht eine positive Bilanz aus dem Engagement des Italieners, da die Wirkung nachhaltig bleibt.
"Valentino Rossi war unglaublich wichtig für uns", erklärt Ratel. "Wir haben einen wirklich erheblichen Anstieg der Zuschauerzahlen erlebt. Valentinos Fans kamen zu den GT-Rennen, es gefiel ihnen und sie blieben. Monza erlebte einen riesigen Boom, als Valentino ankam." Beim jüngsten Wochenende im Autodromo Nazionale wurde über 43.000 Zuschauer gemeldet.
"Vergangenes Jahr hat er uns dann für eine Saison verlassen, um hauptsächlich WEC zu fahren, aber man konnte sehen, dass die Zuschauerzahlen gleichgeblieben sind. Die Fans, die ursprünglich wegen Valentino kamen, sind wegen des GT-Sports geblieben."

Valentino Rossi brachte den GT-Sport Millionen von Fans näher
Foto: SRO/JEP
Zuletzt sorgte Formel-1-Superstar Max Verstappen für einen neuen Zuschauerrekord bei den 24 Stunden am Nürburgring. Gerade im Zuge der Diskussionen um die aktuellen Formel-1-Autos war der Imagegewinn für die GT3-Klasse enorm, denn sie unterstrich ihren Status, für pures Racing ohne Künsteleien zu sorgen.
GT-Sport nach wie vor Nische, aber wachsend
Trotz voller Startfelder und Rekordkulissen bei den Saisonhighlights bleibt der GT-Sport im Vergleich zum globalen Boom der Formel 1 ein Nischenprodukt. Unter der Führung von Liberty Media agiert die Königsklasse in einer eigenen Liga, was die mediale Reichweite angeht. Ratel sieht sein Produkt dennoch auf einem hervorragenden Weg.
"Ja, es ist eine Nische, aber eine wachsende Nische", hält Ratel fest. "Wenn man sich heute die Kombination in der WEC mit acht großen Herstellern ansieht, oder die Zuschauerzahlen der GT World Challenge beim Saisonauftakt in Le Castellet und in Brands Hatch, dann ist das eine schnell wachsende Nische."
"Natürlich bewegt sich die Formel 1 für die breite Öffentlichkeit auf einem anderen Planeten. Aber im reinen Motorsport erlebt der Sportwagen-Sport gerade eine ganz bedeutende Ära."
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