Debatte bei der Rallye Dakar: Könnten Zeitboni den "Jo-Jo-Effekt" lösen?
Bei der Rallye Dakar entscheidet oft die Startposition über die Tagesergebnisse - Sollte es Zeitgutschriften wie bei den Motorrädern geben? - Fahrer sind gespalten
Die ersten Autos auf der Strecke haben in der Regel einen Nachteil
Foto: Kin Kin
Die Gesamtwertung der Rallye Dakar blieb in der ersten Woche eng beieinander, denn die ersten sechs Fahrer befanden sich innerhalb von 20 Minuten. Andererseits gab es bei den Tagesergebnissen regelmäßig Überraschungen und einen "Pendeleffekt". Wer eine Etappe auf den vorderen Plätzen beendete, hatte am nächsten Tag kaum eine Chance, es in die Top 10 zu schaffen.
Der Sieger einer Etappe muss am nächsten Tag als Erster starten und damit die Navigation übernehmen. Für die nachfolgenden Starter wird die Navigation einfacher, da sie sich an den Spuren orientieren können und dadurch meist schneller sind.
"Von außen betrachtet machen wir zu Beginn des Rennens eine Strategie, um irgendwo in der Mitte zu liegen und den Jo-Jo-Effekt zu vermeiden", sagt Dacia-Teamchefin Tiphanie Isnard im Gespräch mit Motorsport-Total.com. Sie ist überzeugt: "Das funktioniert."
"Es ist schwierig, zu analysieren, was gerade in der Dakar passiert, aber ich denke, unsere Strategie geht auf. Wir müssen einfach klug mit unserem Management umgehen." Dacia-Fahrer Nasser Al-Attiyah führte nach der sechsten Etappe das Gesamtklassement an.
Al-Attiyah holte in der ersten Woche nur einen Tagessieg. Es gab nur einen Fahrer, der zwei Etappen gewinnen konnte. Das war Ford-Fahrer Mitch Guthrie. Der US-Amerikaner gewann Etappe 3, verlor jedoch anschließend in Etappe 4 44 Minuten.
Mit der späten Startposition gewann Guthrie Etappe 5. Das war ein Beispiel für den "Jo-Jo-Effekt". "Ich glaube", sagt Ford-Teamchef Matthew Wilson gegenüber Motorsport-Total.com, "es braucht einiges, um das Ganze wirklich zu verstehen und zu sehen, wie es sich entwickelt."
"Ich denke, ein Grund, warum dieser Sport so beliebt ist - und warum wir in der Ultimate-Klasse so viele Teilnehmer haben - liegt wahrscheinlich in der Art, wie das Reglement aufgebaut ist. Es sorgt dafür, dass es praktisch an jedem Tag einen anderen Etappensieger geben kann."
"Für einen Fahrer, den man als Semi-Profi bezeichnen würde, ist ein Etappensieg bei der Dakar ein riesiger Erfolg." Beispielsweise erzielte Ford-Privatfahrer Martin Prokop zwei dritte und einen zweiten Platz. Das ist für Sponsoren und die Nachrichten in seiner Heimat extrem wichtig.
Die Ultimate-Klasse T1+ boomt. Per Reglement sind die Autos von Toyota, Ford, Dacia, X-raid und Century praktisch auf einem Level. Die vorgegebene Drehmomentkurve und die maximale Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h balancieren die Performance aus.

Sebastien Loeb wäre offen für eine Debatte über ein Bonussystem
Foto: Marcelo Maragni / Red Bull Content Pool
Deshalb können praktisch 15 Autos oder mehr eine Etappe gewinnen. "Die Startposition macht einen großen Unterschied", hält Sebastien Loeb gegenüber Motorsport-Total.com fest. "Früher waren wir drei, vier Autos, die um die Spitze kämpften."
"Das war okay, wir blieben alle relativ beieinander. Selbst wenn einer die Strecke öffnete, war der Letzte vielleicht Vierter. Aber jetzt sind es 15, teilweise 20 schnelle Autos. Und die Zeitunterschiede entstehen heute mehr durch die Position auf der Strecke als durch den Fahrer selbst."
Sollte es Zeitgutschriften wie bei den Motorrädern geben?
"Das macht es schwierig, wenn man eine ungünstige Startposition hat", so der Franzose. Bei den Motorrädern gibt es seit einigen Jahren ein Bonussystem. Fahrer, die an der Spitze des Feldes fahren und die Navigation übernehmen, erhalten Zeitgutschriften.
Mit diesem System wird der Nachteil ausgeglichen, an der Spitze des Feldes zu fahren. Es stellt sich die Frage, ob ähnliche Zeitgutschriften auch für die Automobile Sinn ergeben würde. Die Meinungen im Biwak sind diesbezüglich gespalten.
"Könnte sein, aber das macht es noch komplizierter zu verstehen", findet Loeb. "Schon jetzt haben die Leute, die nicht wirklich in unserem Sport drin sind, manchmal Mühe, unsere Regeln zu begreifen. Wenn man dann so etwas einführt, wird es noch komplexer."
Dennoch wäre Loeb offen für eine Adaptierung der Zeitboni ähnlich wie bei den Motorrädern: "Ein Bonussystem könnte eine Lösung sein. Ich bin aber nicht der Veranstalter, ich entscheide da nichts, aber möglich wäre es."

Die ersten Motorradfahrer erhalten für die Navigation Zeitgutschriften
Foto: Florent Gooden / DPPI / Red Bull Content Pool
Auch sein Dacia-Teamkollege Al-Attiyah wäre prinzipiell nicht dagegen: "Wenn du zum Beispiel die Strecke öffnest, könntest du einen Bonus bekommen - warum nicht? Dann würden plötzlich alle gern eröffnen."
Etwas differenzierter sieht die Sache Ford-Fahrer Carlos Sainz, der gegenüber Motorsport-Total.com einen wesentlichen Punkt anspricht. "Ich bin nicht so sehr dafür. Was mir nicht gefällt: Solange die Motorräder vor uns fahren, ist alles okay."
"Der starke Jo-Jo-Effekt entsteht erst, wenn keine Motorräder mehr voraus sind. Ich würde vielleicht sagen: etwas mehr Abstand wäre gut, aber wahrscheinlich brauchen wir das Bonussystem nicht."
Denn in der Regel starten die Autos nach den Motorrädern und können sich an den Spuren orientieren. Nur bei den vier Marathon-Etappen gibt es getrennte Routen und die ersten Autos müssen die Navigation komplett selbst übernehmen und haben keine Orientierungsspuren.
"Bei Motorrädern ist es jeden Tag und bei uns wäre es im Prinzip nur für zwei oder vier Stages", sagt X-raid-Chef Sven Quandt im Gespräch mit Motorsport-Total.com. "Und da ist dann die Frage, macht das Sinn, dass man für wenige Stages so ein Bonussystem macht oder nicht."

X-raid setzt einen Mini mit Benzinmotor für Guillaume De Mevius ein
Foto: Marcelo Maragni / Red Bull Content Pool
"Am schönsten wäre, wenn die Strecken immer getrennt wären, denn dann wäre es fair. Wenn man es für vier Strecken macht, dann ist die Frage, macht das Sinn? Das ist eigentlich die Hauptfrage, die man sich stellen muss, ob das im Endeffekt dann rechnerisch in Ordnung ist."
"Das Thema wird sicher wieder nach der Dakar kommen, weil es auch für jemanden Außenstehenden sehr schwer zu verstehen ist, wieso hat der jetzt verloren nur weil er vorne gefahren ist."
"Das macht eigentlich keinen Sinn und man kann im Prinzip nur sehr schwer zweimal hintereinander gewinnen. Das ist nur möglich, wenn es wirklich eine Strecke ist, wo man die ganze Zeit sehen kann, wohin man fahren muss. Wenn es viel Navigation gibt, wird es schwierig."
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