"Um zu gewinnen, braucht man auch Glück": Loeb vor seinem 10. Dakar-Start
Sebastien Loeb jagt weiter seinem ersten Dakar-Sieg nach - Im Interview spricht der Dacia-Fahrer über Erwartungen, Probleme - und warum man auch Glück braucht
Sebastien Loeb jagt weiter seinem ersten Dakar-Sieg nach
Foto: Dacia Dacia
Neunmal wurde Sebastien Loeb Rallye-Weltmeister. Ein Rekord, der jüngst von Sebastien Ogier egalisiert wurde. Seit 2016 tritt Loeb bei der Rallye Dakar an, 2020 ausgenommen. Ein Gesamtsieg fehlt ihm bislang.
Seine Konkurrenten Nasser Al-Attiyah und Carlos Sainz kommen auf fünf beziehungsweise vier Siege. Loeb wurde bisher dreimal Zweiter und zweimal Dritter. Nun startet er zum zweiten Mal für Dacia in Saudi-Arabien.
Außerdem hat Loeb einen neuen Beifahrer. In den vergangenen vier Jahren war es Fabian Lurquin. Nun sitzt Edouard Boulanger, der 2021 mit Stephane Peterhansel den Gesamtsieg errungen hat.
Im Vorfeld der Rallye hat Motorsport.com Frankreich, eine Schwesterplattform von Motorsport-Total.com im Motorsport Network mit Loeb gesprochen. Er blickt auf seine Erwartungen vor seinem zehnten Dakar-Start.
Frage: "Sebastien, wie blicken Sie Ihrer zweiten Dakar mit Dacia entgegen?"
Sebastien Loeb: "Insgesamt gesehen ist das Auto konkurrenzfähig, das ist positiv. Allerdings sind alle sehr nah beieinander. Die technischen Regeln halten die Leistungen der Autos extrem eng zusammen. Wir sind nicht haushoch überlegen, aber wir stecken mittendrin und stehen ziemlich gut da."
"Die letzten Rennen sind gut gelaufen. Persönlich hatte ich mit der Dakar 2025 und Abu Dhabi einen schwachen Saisonstart, aber danach kamen drei Podestplätze, darunter ein Sieg [Marokko-Rallye]. Das war ein starker Saisonabschluss, der natürlich Selbstvertrauen für die kommenden Monate gibt."
"Vergangenes Jahr kamen wir nicht zu 100 Prozent vorbereitet zur Dakar. Ich glaube, dieses Mal sind wir besser gerüstet, und wir müssen alles optimal umsetzen."
Frage: "Der Dacia Sandrider hatte zu Beginn einige Kinderkrankheiten. Worauf lag der Schwerpunkt in diesem Jahr, und was hat sich am Auto geändert?"
Loeb: "Schwierig war es, die elektronischen Probleme am Lüfter zu lösen, weil wir mit 48-Volt-Systemen arbeiten, die das ganze Zusammenspiel offenbar komplizierter machen. Bei einem Lüfter denkt man, der läuft oder er läuft nicht, das wirkt nicht kompliziert, aber die Regelung mit 48 Volt ist komplexer."
"Man braucht dafür auch Strategien, weil der Lüfter ab und zu eine Ladung Sand abbekommt und dann anhalten können muss, automatisch wieder starten muss und nicht zu stark dagegenarbeiten darf. Das sind viele Dinge dieser Art, die etwas schwierig zu handhaben waren, und das war wirklich die größte Sorge."

Zum zweiten Mal tritt Dacia mit dem Sandrider in Saudi-Arabien an
Foto: Dacia
"Dann gab es auch Schwachstellen bei den Dreiecks- und Querlenkern. Einer unserer ersten Entwicklungsschwerpunkte war außerdem, die Zahl der Plattfüße zu begrenzen. Beim vorherigen Auto, das uns als Referenz diente, als wir den Dacia entwickelt haben, hatten wir hinten oft Reifenschäden."
"Wir mussten analysieren und verstehen, warum, um es beim neuen Auto anders zu machen. Wir hatten Auspuffanlagen, die die Reifen aufgeheizt haben, und wir glauben, das war eine der Ursachen."
"Zudem wurde viel an den hinteren Dämpfern gearbeitet, um den Reifen auf steinigem Untergrund etwas zu entlasten. Ich hoffe, die Lüfterprobleme sind endgültig gelöst, und beim Rest sieht es ebenfalls so aus, als würde es ziemlich gut funktionieren."
Prodrive hat an Erfahrung gewonnen
Frage: "Und was das Team selbst angeht und die Organisation des Einsatzes: Was hat sich seit der Dakar 2025 verändert?"
Loeb: "Nicht viel, denn Prodrive baut das Auto. Das ist ein sehr erfahrenes Motorsport-Team. Sie wissen, wie man ein Rallyeauto im Wettbewerb betreibt. Bei der Dakar gibt es vielleicht Besonderheiten, aber wir fahren jetzt seit fünf Jahren mit Prodrive die Dakar, also sind sie in den Abläufen sehr gut eingespielt."
"Wo man immer besonders genau hinschauen muss, das sind die Car Chiefs, also das Zusammenspiel zwischen dem Ingenieur, der für das Auto verantwortlich ist, und dem Chefmechaniker, der für seine Leute verantwortlich ist. In dieser Gruppe braucht es wirklich Zusammenhalt."
"Sie sind es zum Beispiel, die wissen, ob der Turboschlauch, der am Vortag abgebaut wurde, korrekt mit dem richtigen Drehmoment wieder angezogen wurde. Schon eine nicht richtig angezogene Schraube kann dazu führen, dass in der Wertungsprüfung alles vorbei ist, wenn im Motorraum etwas nachgibt, weil man da nicht drankommt."
"Einen Dreieckslenker, eine Spurstange oder ein Rad können wir wechseln. Aber es braucht echten Zusammenhalt und echtes Vertrauen in den Ingenieur, der für das Auto verantwortlich ist, und in das Mechanikerteam, das drumherum arbeitet."
Frage "Dacia wird bei der Dakar 2026 vier Autos statt drei einsetzen. Neben Nasser Al-Attiyah und Cristina Gutierrez ist Lucas Moraes neu im Team. Was ändert das?"
Loeb: "Das ändert bei den Ambitionen nicht viel, auch ganz allgemein nicht. Klar ist das ein zusätzlicher Rivale im eigenen Team. Gleichzeitig: Wäre er nicht in unserem Team, wäre er ein Gegner. Es ist ein Auto mehr in der Mannschaft, das macht uns etwas stärker."
"Es ermöglicht uns vielleicht, jeden Tag mehr Feedback zu bekommen, weil ein Problem an einem Auto schnell alle warnt. Alle Informationen werden immer geteilt, damit es sich am nächsten Tag bei den anderen nicht wiederholt. Das bringt insgesamt mehr Erfahrung."

Prodrive hat den Dacia Sandrider in Details überarbeitet
Foto: Dacia
"Für den Rest des Rennens gilt: Solange wir um den Sieg kämpfen können, gibt es keine Strategie-Spielchen für den einen oder den anderen. Ab dem Moment, in dem ein Auto komplett raus ist und andere um den Sieg kämpfen, muss man den anderen helfen. Aber das gehört bei einer Rallye wie der Dakar dazu."
"Vor zwei Jahren gewann Sainz, weil er zwei Teamkollegen hatte, die in jeder Etappe hinter ihm starteten. Das war eine Soforthilfe, die ihn die ganze Etappe begleitet hat. Aber darauf musst du dich verlassen können, denn wenn er das nicht gehabt hätte, hätte er nicht gewonnen."
"Bei Cristina müssen wir abwarten, aber wir anderen drei sind potenziell drei Sieganwärter. Solange ich also nicht mindestens 1:30 Stunden hinter der Rallye-Spitze liege, werde ich nicht anhalten. Klar, mehr Autos auf der Strecke kann helfen, wenn es um Reifen oder solche Dinge geht."
Stallduell mit Nasser Al-Attiyah?
Frage: "Wird man Sie bis zum Schluss ohne Stallorder kämpfen lassen, wenn es zu einem engen Duell mit Nasser Al-Attiyah kommt?"
Loeb: "Ich denke schon. Wenn wir Kopf an Kopf sind und bis zum Schluss kämpfen, dann kämpfen wir bis zum Schluss. Solange wir glauben, dass wir eine Chance haben, lassen wir nicht locker."
Frage: "Wie geht man mental an so eine Rallye heran, wenn man nach dem Sieg jagt, nachdem man mehrmals Zweiter war, ohne dass es zur Obsession wird?"
Loeb: "Denken Sie, was Sie wollen, und ich denke, was ich will! Ich bleibe mit beiden Füßen auf dem Boden und ich weiß, dass ein Dakar-Sieg nicht nur eine Frage des Wollens und des richtigen Handelns ist. Man braucht auch ein bisschen Glück."

Nasser Al-Attiyah ist erneut Teamkollege von Sebastien Loeb
Foto: Dacia
"Es gab Rallyes, die ich durch eigene Fehler verloren habe, und es gab Rallyes, die wir wegen fehlendem Glück verloren haben. Es ist auch nicht nur Glück, da sind wir uns einig, aber ein kleiner Glücksfaktor muss trotzdem auf deiner Seite sein, damit es klappt."
"Klar wäre es schön, sie zu gewinnen, aber es gibt nur einen Sieger pro Jahr, und ich bin nicht der Einzige, der das will. Wir werden sehen!"
Frage: "Ein Wort zur Strecke dieser Ausgabe 2026 in Saudi-Arabien?"
Loeb: "Man kennt die Etappen sowieso nicht, weil das Roadbook bis zum Start geheim ist. Ich habe gesehen, dass wir nicht ins Empty Quarter fahren, aber die schwierigsten Dünen sind nicht unbedingt dort. Sie können sehr gut große Sand- und Dünenetappen finden, ohne dorthin zu gehen."
"Ansonsten wird es vermutlich mehr Pisten geben, aber ich hoffe, es gibt nicht unbedingt mehr Steine wegen der Plattfüße, denn es ist manchmal frustrierend, mit zwei km/h zu fahren und trotzdem einen Platten zu haben."
Frage: "Zum Schluss: Wie ist Ihre Einstellung vor dem Start?"
Loeb: "Ich habe Vertrauen in unsere Vorbereitung, aber ich bin mit diesem Vertrauen auch vorsichtig, weil ich weiß, dass das eine Rallye ist, in der jederzeit alles passieren kann. Das ist jedem schon passiert, dass er irgendwann mal ein Problem hatte, deshalb ist es für mich schwer, bei einer 15-Tage-Rallye wirklich zuversichtlich zu sein. Das ist unmöglich."
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