BoP-Ärger und kuriose Reifentaktik bei BMW: "Es wird künstlich eingegriffen"
Nach der Norisring-Pleite war der Ärger bei Marco Wittmann groß, aber warum übt sein BMW-Team mit ihm trotz katastrophaler Startplätze nicht für das Qualifying?
Heimspiel zum Vergessen: Welche Rolle spielte Wittmanns kuriose Reifentaktik?
Foto: ADAC Motorsport
Nicht nur bei Manthey und Porsche, sondern auch im BMW-Lager herrscht nach dem Norisring-Wochenende schlechte Stimmung: Während Kelvin van der Linde nach dem Samstagscrash am Sonntag nicht starten konnte und punktelos blieb, war bei Lokalmatador Marco Wittmann der Frust über die Balance of Performance (BoP) enorm.
"Ich glaube, wir haben alles gegeben - mal wieder maximiert", sagt er nach Platz zehn am Sonntag bei ran.de. "Aber meiner Meinung nach muss es jetzt drastische Konsequenzen geben, weil hier wird künstlich eingegriffen, und wir werden extrem langsam gemacht."
Das sei bereits am Wochenende vor dem Norisring der Fall gewesen. "Es sind jetzt vier Rennen", sagt er. "Wir hatten auch am Lausitzring eigentlich keine Chance, mussten von hinten starten - jetzt wieder."
"Irgendwann muss man doch mal eine richtige Aktion tätigen"
Gleichzeitig seien manche Rivalen viermal in Folge in der Lage, "maximale Punkte mitzunehmen", wodurch ihm in der Meisterschaft die Felle davonschwimmen. "Wir sind hier mit sieben Punkten Rückstand angekommen", sagt Wittmann. "Ihr könnt selbst nachschauen, wie viel Rückstand wir jetzt haben."
Da Wittmann auf dem Norisring nach dem Ausfall am Samstag mit Platz zehn nur sechs Punkte holte, ist der Rückstand des bestplatzierten BMW-Piloten in der Gesamtwertung von sieben auf satte 40 Punkte angewachsen.
Der auf Platz fünf liegende Franke versteht nicht, warum der BMW M4 GT3 bei den beiden BoP-Änderungen am Samstag nach dem Qualifying und nach dem Rennen nur geringfügig mehr Ladedruck erhielt. Am Sonntag wurde das Fahrzeug auch um zehn Kilogramm leichter.
"Wir waren ab Training 1 sieben Zehntel dahinter", fällt ihm auf. "Das hat sich das ganze Wochenende so bestätigt. Das war am Lausitzring so - und irgendwann muss man dann doch mal eine richtige Aktion tätigen, damit es fair bleibt für alle."
So katastrophal sind aktuell die BMW-Startplätze
Offenbar ist die Einstufung des BMW auch dieses Jahr mit dem neuen Turbolader nicht ganz einfach: Das hat damit zu tun, dass das Fahrzeug - wie man hört - im Laufe des Wochenendes überproportional schneller wird als die Boliden der Konkurrenz.

Schlechte Stimmung bei Marco Wittmann: Der Rückstand in der Meisterschaft ist groß
Foto: ADAC Motorsport
Auffällig sind aktuell die katastrophalen Startplätze der BMW-Piloten: Am Samstag kamen Kelvin van der Linde und Wittmann im Norisring-Qualifying auf die Ränge 17 und 18, am Sonntag startete Wittmann erneut von Rang 18. Auch auf dem Lausitzring lief es zwei Wochen davor nur unwesentlich besser: Am Samstag starteten Wittmann und van der Linde auf den Plätzen 18 und 19, am Sonntag von acht und elf.
Was bei der Konkurrenz für Verwunderung sorgt: Wittmann verzichtete in Nürnberg am Freitag im Freien Training komplett auf eine Qualifying-Simulation. Und das, obwohl das Überholen auf dem Stadtkurs schwierig ist und das Qualifying aktuell als die Schwäche des BMW gilt. Und dann wäre da noch der neue DTM-Spezialreifen, von dem es auf dem Norisring keine Erfahrungswerte gab.
Warum verzichtet Wittmann auf eine Qualifying-Simulation?
Bei Wittmann war der neue Reifensatz, den jeder Fahrer am Freitag erhält, im zweiten Freien Training sogar schon angeschraubt. Er wurde dann aber nach nur einer Runde durch einen gebrauchten Reifensatz ersetzt.
Was dahinter steckte? "Marco hat während des freien Trainings am Norisring keine Qualifikationssimulation absolviert, da wir nach Kelvins Qualifikationssimulation aus strategischen Gründen beschlossen hatten, diesen Reifensatz für das Rennen zu verwenden", erklärt eine BMW-Sprecherin die Herangehensweise.
Das klingt ungewöhnlich, denn die beiden Reifentöpfe sind in der DTM streng getrennt: Ein Kontingent ist für die Freien Trainings und Tests vorgesehen, das andere, das am Norisring aus nur drei Sätzen bestand, für beide Renntage. BMW spricht aber davon, den Freitagssatz "für das Rennen" aufgespart zu haben. Wie ist das möglich?
Verdacht der Konkurrenz auf BMW-Trick
Tatsächlich darf ein Freitags-Reifensatz als sogenannter "Puncture Set" eingesetzt werden - also wenn es während des Rennens außerhalb des Boxenstopp-Fensters zu einem Reifenschaden kommt und für den zweiten Stopp ein zusätzlicher Satz benötigt wird. Dann wäre allerdings die Chance auf ein gutes Ergebnis ohnehin sehr gering.
"Das ergibt für mich keinen Sinn", meint ein führendes Teammitglied der Konkurrenz, das namentlich nicht genannt werden will. "Warum sollte ich dafür einen Reifensatz sparen, wenn ich stattdessen eine Qualifying-Simulation absolvieren könnte, auf die ich gerade auf dem Norisring nicht verzichten will?"
Ein anderes Teammitglied sieht hingegen im Reglement eine Chance, einen so gut wie neuen Reifen ins Kontingent zu bringen: Um zu verhindern, dass ein Team beim Zwei-Stopp-Rennen am Sonntag durch beschädigte Reifen nicht genügend Reifensätze zur Verfügung hat, dürfen diese sogar vor dem Rennstart laut einer Reglementklarstellung durch "Reifen aus den Freien Trainings" ersetzt werden. Das muss vom Technischen Delegierten abgesegnet werden.
Die Tatsache, dass Wittmann mit dem neuen Satz am Freitag nur eine Runde absolvierte, würde für diese Theorie sprechen, denn ein angefahrener Reifen kommt im Rennen schneller auf Temperatur als ein kompletter neuer Reifen. "Das wäre optimal, aber dann müsste man darauf spekulieren, dass ein Satz kaputt geht - das wäre sehr unüblich", sagt das Teammitglied, das ebenfalls anonym bleiben will.
"Würde auf dem Norisring niemals auf Quali-Run verzichten"
Man würde es seiner Meinung nach "schon irgendwie hinbekommen", dass Reifen wegen einer Beschädigung ausgetauscht werden dürfen, Zweifel an der Strategie bleiben aber auch bei ihm. "Für den Norisring macht das für mich in Summe wenig Sinn. Ich würde dort niemals auf einen Quali-Run verzichten", spielt er auch auf den geringen Abbau auf dem Stadtkurs an.
Der Verzicht auf eine Qualifying-Simulation macht auch die Arbeit für die BoP-Verantwortlichen nicht einfacher: Denn die Fahrzeuge werden bereits am Freitag nach schnellen Runden oft in die Dekra-Box geholt, um Gewicht und Spritmenge zu überprüfen. Diesmal hatte man nur die Daten von van der Lindes Boliden.
Das kommende Wochenende in Oschersleben (alle Infos zu TV-Zeiten, Stream etc.) wird für BMW nun besonders wichtig: Denn beim Schubert-Heimrennen muss ein starkes Ergebnis her, obwohl der Kurs dem M4 GT3 Evo eigentlich nicht liegt, damit man in der Meisterschaft nicht komplett den Anschluss verliert.
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