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"Bräuchten gar nicht antreten": Wieso die DTM die Boxenstopp-Pläne überdenkt

Warum sich vor allem Mercedes-AMG gegen die geplante Einführung der günstigeren Elektro-Schlagschrauber starkmachte und die Boxencrew nun wieder größer wird

"Bräuchten gar nicht antreten": Wieso die DTM die Boxenstopp-Pläne überdenkt

Eigentlich wollte die DTM dieses Jahr die Boxenstopps radikal umstellen: Auf die Performance-Stopps wie in der Formel 1 will man zwar trotz des Wechsels auf GT3-Autos auf keinen Fall verzichten, statt den Luftdruck-Schlagschraubern sollten aber kostengünstigere Elektro-Schlagschrauber zum Einsatz kommen. Dadurch wären die sogenannten "Galgen" - Führungsstreben über dem Auto für die Pressluftschläuche - überflüssig gewesen, außerdem wollte man die Boxencrew von neun auf sechs Leute reduzieren.

Doch beim Test in Hockenheim gab es vor allem beim Mercedes-AMG GT3 Probleme: Stopps unter zehn Sekunden waren mit dem Elektro-Schlagschrauber undenkbar, auf die Konkurrenz von Audi würde man pro Stopp mindestens drei Sekunden verlieren.

Auch beim BMW M6 GT3 kam man auf keine schnellen Stoppzeiten. "So bräuchten wir gar nicht antreten", seufzt ein Mitarbeiter eines Teams.

Mercedes-AMG fordert "adäquates Equipment"

Mercedes-AMG-Kundensport-Koordinator Thomas Jäger forderte daraufhin ein Umdenken: "In einer topprofessionellen Rennserie, die die schnellste GT3-Serie sein möchte und die schnellsten Stopps macht, muss man auch adäquates Equipment einsetzen. Würden wir Luft-Schlagschrauber nehmen, dann wären die Stopps trotz unterschiedlicher Fahrzeuge mehr oder weniger gleich schnell. Das sehen wir ja in anderen Rennserien."

Nun rückt die DTM-Dachorganisation ITR laut Informationen von 'Motorsport.com' vom ursprünglichen Plan ab: Der Einsatz des Elektro-Schlagschraubers der italienischen Firma Paoli ist für die Saison 2021 nun doch nicht verpflichtend. In Gesprächen mit den Teams will man nun gemeinsam eine Lösung finden.

Warum der Elektroschrauber nicht mit Mercedes harmoniert

Doch warum gab es vor allem bei Mercedes-AMG solche Probleme? Beim homologierten System befindet sich zwischen Radmutter und Felge ein Reibring, damit die Mutter beim Stopp nicht verlorengehen kann. Dieser Sicherheitsmechanismus wirkt sich auf die Geschwindigkeit der Stopps aus, was aber in den meisten anderen GT3-Serien durch die Mindeststandzeit kein Problem ist.

Schlagschrauber

Der Elektro-Schlagschrauber von Paoli harmoniert nicht mit allen GT3-Autos

Foto: DTM

"Da nimmst du das alte Rad mit der Mutter runter - und wenn du das neue draufsteckst, ist die Mutter drin fixiert", erklärt Mercedes-Kundensport-Koordinator Thomas Jäger. "Das ist ein Vorteil. Der Nachteil daran ist, dass unsere Radnabe und unser System auf Endurance ausgelegt ist. Und eben mehr Gewindegänge hat als andere Systeme."

Mercedes-AMG hat also, was die Stoppgeschwindigkeit angeht, von Vornherein einen kleinen Nachteil, der aber im Normalfall durch das höhere Drehmoment der Luftdruckschrauber kaschiert wird. Wenn man dann aber Elektroschrauber verwendet, potenziert sich dieser Nachteil durch das geringere Drehmoment.

"Würde einer Premiumserie nicht gerecht werden"

Daraus ergibt sich laut Jäger auch ein Sicherheitsrisiko. "Wenn du mit weniger Drehzahl und Drehmoment als bei anderen Systemen anziehst ,dann musst du länger draufbleiben. Und dann ist immer die Frage, wer als erster abzieht und ein loses Rad riskiert."

Zudem bestehe die Gefahr, dass sich Räder nicht lösen lassen. "Wenn da richtig Temperatur reinkommt, dann klemmt es ja auch im normalen Betrieb hier und da mal. Das würde ja nicht nur bei uns passieren. Und wenn dann einer 15 Sekunden steht - und das passiert nicht nur einmal, sondern zweimal oder dreimal -, dann würde das einer Premiumserie, die man ja anstrebt, nicht gerecht werden."

Warum das beim BMW M6 GT3 homologierte System ebenfalls Probleme macht, obwohl man keinen Sicherheitsring verwendet? "Beim Audi werden zwischen 450 und 500 Newtonmeter Drehmoment benötigt, um ein Rad festzubekommen und die Mutter anzuziehen", erklärt Hans-Peter Naundorf vom Rowe-Team.

Andere Radnaben für Mercedes und BMW undenkbar

"Bei unserem BMW sind es 750 Newtonmeter. Unser Hersteller gibt also das höchste Drehmoment vor, noch deutlich mehr als AMG. Audi hat vor einem halben Jahrzehnt mehr Wert drauf gelegt, die Räder schnell wechseln zu können. Der Sicherheitsaspekt wäre bei uns gegeben, da man die Muttern auf und wieder zubekommt, aber die Konstanz in den Zeiten nicht."

Eine Änderung der Systeme ist kein Thema, da die GT3-Boliden von der FIA homologiert wurden und kein Hersteller daran Interesse hat, für eine Rennserie Sonderentwicklungen durchzuführen. "Das Auto ist homologiert", bestätigt Jäger. "Man kann es in der Kürze der Zeit nicht mit anderen Radnaben ausstatten." Also muss die ITR vom ursprünglichen Plan, Elektro-Schlagschrauber einzusetzen, abweichen.

Damit zeigt sich auch Thomas Biermaier vom Audi-Team Abt einverstanden. "Bei uns hat es funktioniert, aber natürlich ist man mit einem Elektro-Schlagschrauber ein bisschen langsamer, weil man ein paar Schläge mehr braucht als mit einem Druckluft-Schrauber. Es soll die schnellste GT-Serie sein, also gehört für mich auch ein ordentlicher Boxenstopp dazu. Ich würde aber nicht sagen, dass man das mit dem Elektro-Schlagschrauber nicht machen kann."

DTM erlaubt Lollipop-Mann beim Boxenstopp

Doch das ist nicht die einzige Änderung, die bevorsteht: Ursprünglich war angedacht gewesen, ab diesem Jahr nur sechs statt neun Leuten für die Boxencrew zu erlauben. Doch auch das erwies sich aus Sicherheitsgründen nicht als optimale Lösung, da man den Teams abgesehen vom Funk auch die Möglichkeit geben wollte, dem Piloten beim Anfahren und Verlassen der Box ein Signal zu geben.

Jamie Green

DTM-Stopps: Bislang wurde neben dem Funk ein elektronischer Lollipop genutzt

Foto: ITR

Daher wird nun eine siebte Person zugelassen, die den Lollipop hält und somit dem an die Box kommenden Piloten mit einem Schild (Lollipop) signalisiert, wo er anhalten muss und wann er wieder aufs Gas steigen darf. Die für den Lollipop zuständige Person darf beim Stopp keine zusätzlichen Tätigkeiten übernehmen.

Abt-Sportdirektor Biermaier begrüßt die Änderung. "Der Fahrzeug-Release hat schon etwas mit dem Thema Sicherheit zu tun", stellt er klar. "Du kannst den Fahrer nicht anhalten, weil der links vorne seine Hand raushält. Das hat für mich etwas mit Professionalität zu tun, gerade wenn viel los ist." Zusätzliche Kosten fürchtet er nicht: "Die eine Person ist ohnehin mit am Rennplatz. Daher war das ein vernünftiger Lösungsansatz."

Mit Bildmaterial von DTM.

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Urheber Sven Haidinger