DTM-Wirbel um Manthey: Forderung nach harten Strafen bei BoP-Bluff
War Manthey absichtlich langsamer? Nach einem auffälligen Zeitensprung von 1,280 Sekunden werden in der DTM harte Strafen diskutiert: Wie sich das Team rechtfertigt
Als es im Qualifying drauf ankam, war Manthey um 1,280 Sekunden schneller
Foto: ADAC Motorsport
Könnte es in Zukunft in der DTM drakonische Strafen geben, wenn Teams Leistung verschleiern, um eine günstigere Balance of Performance (BoP) herauszuholen? In der US-amerikanischen IMSA-Serie ist das bereits gelebte Praxis - und auch in der DTM gibt es laut Informationen von Motorsport-Total.com diesbezüglich Forderungen von Teams und Herstellern.
Im Zentrum der Debatte steht das beim DTM-Auftakt in Spielberg am Samstag siegreiche Manthey-Team, das mit Thomas Preining im Qualifying um 1,280 Sekunden schneller war als am Vortag bei der Qualifying-Simulation in einer speziell anberaumten BoP-Session. Das kam bei der Konkurrenz nicht gerade gut an.
"Wir haben in den Trainingssessions und in der Qualifying-Simulation gezeigt, was wir können, sind total transparent, legen alles offen und geben Gas. Und das machen andere nicht", ärgert sich Thomas Jäger, der als Sportlicher Leiter des DTM-Projekts von Mercedes-AMG fungiert.
Mercedes-AMG sieht klaren Fall von "Sandbagging"
"Das ist ein bisschen enttäuschend, denn wir haben alle das Ziel, dass sich diese Plattform gut entwickelt. Das wird nur funktionieren, wenn wir möglichst wenig Diskussionen um das Thema haben", so der Ex-DTM-Pilot.
"Deshalb bin ich der Meinung, dass jeder mitspielen sollte, wenn man solche BoP-Runs macht. Wenn man sieht, wie groß der Unterschied zwischen den BoP-Runs und dem Qualifying-Ergebnis ist, brauchen wir sowas nicht zu machen." Denn um eine faire Einstufung zu ermöglichen, sollte man "nicht versuchen, irgendwas wegzucovern, um irgendwann den Vorteil daraus zu ziehen", sieht Jäger einen klaren Fall von "Sandbagging".
Er nennt Manthey zwar nicht direkt beim Namen, aber der Verdacht liegt nahe, zumal andere im Fahrerlager deutlicher werden. "Wie kann das sein, dass Manthey beim BoP-Run hinten ist, und am nächsten Tag qualifiziert man sich weit vorne?", wundert sich HRT-Teamchef Ulrich Fritz.
HRT-Teamchef Fritz: "Manthey hat nichts im Griff, oder sie spielen"
"Und was am nächsten Tag passiert ist, versteht auch keiner mehr", verweist er auf die mangelnde Manthey-Performance am Sonntag nach Thomas Preinings Samstag-Sieg. "Entweder sie haben gar nichts im Griff, oder sie spielen", sagt er. "Und gar nichts im Griff hat Manthey nicht."
Wie er zu drakonischen Strafen bei einem BoP-Bluff steht? "Ich bin absolut dafür", antwortet Fritz. "Ich kann nicht beurteilen, ob Manthey eine Strafe verdient hätte, denn ich kenne die Daten nicht, aber diese zusätzliche Session hat zu viel Geld, zu viel Aufmerksamkeit und zu viel Zeit gekostet."
Aber nun zu den Fakten: Die Qualifying-Runs, die kurzfristig am Freitag in einer 20-minütigen Session mit einem neuen Reifensatz und technischer Abnahme danach einberufen wurden, wurden von Mercedes-AMG dominiert: Lucas Auer fuhr in 1:28.204 Bestzeit - und lag 0,002 Sekunden vor Jules Gounon und 0,006 Sekunden vor Maro Engel (Ergebnis).
Dem auf Platz acht liegenden Preining (1.28.731) fehlten als bestem Piloten mit der neuen Evoversion des Porsche 0,527 Sekunden. Das war auffällig, denn schon beim offiziellen Test in Spielberg war der Manthey-Pilot eine 1:28.351 gefahren und fast vier Zehntel schneller gewesen. Beim Samstags-Qualifying gelang dann Pole-Setter Engel in 1:27.403 ein neuer Rundenrekord, Preining fuhr auf Platz drei eine 1:27.451 und war um 1,280 Sekunden schneller als beim BoP-Run am Freitag.
EWG-Wert und Streckentemperatur? So erklärt Manthey den Sprung
Wie Manthey den Sprung erklärt? Patrick Arkenau, der bei Manthey als Renneinsatzleiter agiert, verweist auf die Bedingungen an der Rennstrecke und den EWG-Korrekturfaktor. Dabei handelt es sich um das Standardverfahren zur Normierung von Leistungsprüfstands-Messungen, mit dem Umwelteinflüsse wie Luftdruck und Temperatur eliminiert werden sollen.
Der EWG-Wert sei "am Freitag zu dieser Zeit um zwei Prozent schlechter als beim Test und beim realen Qualifying" gewesen, erklärt Arkenau. "Das sind am Ende relativ genau zwei Prozent Motorleistung." Bei einer Leistung von 500 PS seien das zehn PS. "Allein dadurch ist ein Großteil der Differenz erklärbar."
Aber spielt das nicht auch beim Mercedes-AMG GT3 eine Rolle? "Wir hatten am Freitag um 13 Grad mehr Streckentemperatur als im Qualifying", ergänzt Arkenau. "Wir wissen, dass unser Auto darauf anfällig ist - das ist auch ein Teil der Erklärung. Und wir lernen auch noch mit dem neuen Reifen."
Arkenau in Richtung AMG: "Würde vor eigener Türe kehren"
Wie er über drakonische Strafen denkt, sollte jemand bei der BoP bluffen? "Ich würde mich auch über mehr Transparenz freuen, aber es gibt zwei Seiten der Medaille", sieht er das kritisch. "Wie kann ich überhaupt differenzieren, was normale Weiterentwicklung und was Sandbagging ist? Will ich einen Fahrer bestrafen, der einen schlechten Tag hatte und dann einen guten Tag hat? Ich kann nichts bestrafen, was ich nicht beweisen kann."
Auch einen kleinen Seitenhieb auf Mercedes-AMG kann sich Arkenau nicht verkneifen: "Wenn in dem Run drei Autos eines Herstellers innerhalb von sechs Tausendstel liegen, könnte man auch sagen, dass sie vielleicht wissen, wie schnell sie fahren müssen. Bevor ich mich als Hersteller aus dem Fenster lehne, würde ich vielleicht vor meiner eigenen Türe kehren."
Sind die neuen Sensoren nutzlos?
Was einigen Teams zusätzlich sauer aufstößt: Vor der neuen Saison mussten verpflichtend neue einheitliche Sensoren in die Boliden eingebaut werden, die unter anderem Reifendruck, Reifentemperatur, Bodenabstand und Benzindurchflussmenge messen, damit die BoP-Einstufung treffsicherer wird und die Teams besser überwacht werden können.
Das verursachte bei älteren Modellen wie dem Mercedes-AMG GT3 Kosten an die 100.000 Euro pro Team. "Das war komplett unnötig, wenn man sieht, dass bei diesem BoP-Run Daten genommen wurden - und dann ein Teilnehmer, der anschießend fast eineinhalb Sekunden schneller ist, nicht bestraft wird", sagt ein Teammitglied, das namentlich nicht genannt wird.
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