"Geht ihm nicht gut": Wieso Paul beim Horrorcrash nicht bremsen konnte
Nach dem DTM-Horrorcrash gibt es neue Erkenntnisse: Wie es Maximilian Paul und Kelvin van der Linde geht und warum der Lamborghini-Pilot nicht bremsen konnte
Die Front von Maximilian Pauls Lamborghini Temerario war völlig zerstört
Foto: Christian Christian
Der Horrorunfall zwischen Grasser-Lamborghini-Pilot Maximilian Paul und Schubert-BMW-Fahrer Kelvin van der Linde hat das Samstagsrennen der DTM auf dem Norisring (Rennbericht) überschattet. Nach dem Rennen wurde bekanntgegeben, dass Paul, bei dessen Temerario GT3 fast die gesamte Front fehlte, mit dem Verdacht auf einen Unterschenkelbruch ins Krankenhaus eingeliefert wurde.
Wie es dem 26-jährigen Dresdner geht? "Nicht gut", antwortet ein sichtlich geschockter Gottfried Grasser auf Nachfrage von Motorsport-Total.com. "Wir müssen schauen." Er stehe mit seinem Piloten im Austausch, es sei aber zu früh, um genaueres zu sagen. "Es laufen einige Untersuchungen."
Auch er wisse nicht mehr, als dass Paul, der nach dem Unfall laut Augenzeugenberichten lange im Auto saß und abgeschirmt wurde, einen Unterschenkelbruch erlitten habe. Bei Kelvin van der Linde sieht es hingegen etwas besser aus: Der BMW-Werksfahrer hatte nach dem Unfall Schmerzen am linken Bein und am linken Arm, den er nach dem Aussteigen hielt.
Trotz Bemühungen: Kelvin van der Linde startet am Sonntag nicht
Nach der Untersuchung im Medical Center wurde van der Linde auf eigenen Wunsch ebenfalls ins Krankenhaus gebracht, um auf Nummer sicherzugehen. "Er ist jetzt nochmal bei einer weiteren Untersuchung im Krankenhaus", erklärte Teamchef Torsten Schubert, der laut eigenen Angaben noch nicht mit seinem Piloten gesprochen hat.
"Er bekommt jetzt noch ein MRT - wir müssen abwarten, was dabei herauskommt", sagt Schubert. Kurz vor 21 Uhr gibt es dann eine positive Nachricht von BMW. "Kelvin geht es soweit gut, keine ernsthaften Verletzungen, einige Prellungen", teilt eine BMW-Sprecherin mit.
Dennoch werde er am Sonntag nicht starten: "Er wird morgen nicht fahren. Das Auto ist nicht mehr einsetzbar." Dabei hatte Teamchef Schubert einen Start seines Piloten zunächst nicht ausgeschlossen - und dafür bereits alles in die Wege geleitet.
"Es ist bereits ein neues Auto hierher unterwegs, dann werden wir einen Antrag stellen", kündigte er an, dass man den Schubert-BMW aus dem ADAC GT Masters in der DTM zum Einsatz bringen wollte. Das ließ sich am Ende doch nicht realisieren. Bei Grasser war ein Start des zweiten Autos am Sonntag ohnehin kein Thema.
Warum Paul nicht mehr bremsen konnte
Aber wie kam es überhaupt zum wilden Crash in der Grundigkehre, der an das Drama von Mike Rockenfeller und Gary Paffett aus dem Jahr 2017 erinnerte? Der Grasser-Lamborghini von Paul, der seinen Stopp noch nicht absolviert hatte, bog beim Anbremsen, vermutlich mit über 250 km/h, plötzlich nach rechts ab und donnerte in die Leitplanke.
Das war verheerend, denn danach konnte Paul seinen Temerario nicht mehr steuern. "Das Problem war: Durch den Einschlag hat es die Hinterachse ausgerissen", erklärt Grasser. "Und mit drei Rädern kannst du kaum noch bremsen." Der Lamborghini donnerte ungebremst in die linke Tür von van der Linde, der gerade in die Grundigkehre einlenkte.
Schubert: "Können froh sein, dass es kein Auto mit Frontmotor war"
Die Wucht war so groß, dass es die Tür bei van der Linde BMW herausriss - und das Chassis zerstört wurde. "Die seitlichen Rohre sind kaputt", bestätigt Schubert. "Wir können froh sein, dass uns kein Auto mit Frontmotor reingefahren ist. Dann wäre es wahrscheinlich noch tiefer durchgegangen", verweist er darauf, dass beim Frontmittelmotor-Lamborghini das Gewicht nicht an der Vorderachse liegt.
Pauls Anprall in die Reifenstapel war dann nicht mehr so schlimm, da das Fahrzeug durch den BMW massiv verzögert worden war. Während zunächst die Bremse des neuen Temerario GT3, die die Teams seit Saisonbeginn vor eine Herausforderung stellt und am Norisring überhitzt, als Unfallursache im Verdacht war, dürfte eine Ölspur von Timo Glock Auslöser des Unfalls gewesen sein.
Daten beweisen: Es war kein Lamborghini-Bremsdefekt
"Die Daten sind ausgewertet - und bis zum ersten Einschlag in die Leitplanken war beim Auto nichts", bestätigt Grasser. An den Bremsen habe es also "definitiv" nicht gelegen. "Es war ganz sicher die Ölspur", ist der Österreicher überzeugt. Außerdem habe man bei Glocks McLaren nach dem Abbruch gesehen, "dass da sehr viel Öl heruntergeronnen ist".
Tatsächlich musste auf der Start-Ziel-Geraden sogar Bindemittel verwendet werden, um das Öl von Glocks Auto zu beseitigen, der das Rennen nicht mehr aufnehmen konnte. Grassers Vermutung war, dass eine Berührung zwischen Glock und Verfolger Ben Dörr, dessen Front nach dem teaminternen Duell ebenfalls ölverschmiert war, zum Problem geführt hat.
Was führte zu Glocks folgenschwerem Ölverlust?
Das schließt Dörr-Teammanager Axel Funke aus. "Die beiden haben sich nicht berührt. Es sah nur so aus, weil Timo einen Rutscher hatte", sagt er.

Die ölverschmierte Front von Ben Dörrs McLaren nach dem Rennen
Foto: Sven Haidinger/smg
Glock selbst stellt im Nachhinein klar, dass das Problem gar nicht auf eine Berührung zurückzuführen war. "Es lag an einem Fehler, wie die Leitung vom Ölkühler zum Getriebe verlegt war." Glock musste das Rennen wegen zu wenig Öldruck beenden.
Interessant ist, dass kaum andere Piloten Probleme mit der Ölspur hatten. Selbst Manthey-Pilot Ricardo Feller, der direkt hinter Paul lag, hat laut eigenen Angaben nichts von der Ölspur gemerkt. Das könnte aber auch daran gelegen haben, dass er den Wrackteilen auswich und daher nicht auf der Ideallinie fuhr.
Grasser auch in Oschersleben ohne zweites Auto?
Während bei Schubert nun ein neues Chassis aufgebaut wird, ist die Lage beim Grasser-Team - abgesehen von Pauls Verletzung - noch heikler. "Wir schauen gerade, welche Möglichkeiten es gibt", sagt Grasser. "Ersatzauto, Reparatur und so weiter. Da sind 1.000 Fragen in meinem Kopf."
Selbst beim kommenden DTM-Wochenende in drei Wochen ist der Einsatz des zweiten Autos nicht gesichert. "Wir reden darüber, ob wir es in Ostersleben überhaupt schaffen, denn Teile sind schwierig zu bekommen", spielt er auf die Ersatzteil-Knappheit beim neuen Temerario an.
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