Gerhard Berger im Interview zum DTM-Verkauf: "Es hat kein Geld gefehlt"

Gerhard Berger nimmt erstmals seit dem DTM-Verkauf Stellung: Woran die Finanzierung scheiterte, was er dem ADAC rät und ob er mit Audi in die Formel 1 geht

Gerhard Berger im Interview zum DTM-Verkauf: "Es hat kein Geld gefehlt"
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In den vergangenen Wochen hielt sich Gerhard Berger, der im Hintergrund mit dem ADAC über einen DTM-Verkauf verhandelte, bedeckt. Doch jetzt gibt der 63-jährige Österreicher sein erstes Interview seit der Schließung der DTM-Dachorganisation ITR und der Bekanntgabe am vergangenen Freitag, dass er die DTM-Vermarktungsrechte an den größten deutschen Automobilclub verkauft hat.

Im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' erklärt Berger ausführlich, wie es jetzt mit der DTM weitergeht, warum er als DTM-Besitzer 2023 deutlich mehr Budget als in den vergangenen zwei Jahren gebraucht hätte und welche Empfehlung er beim ADAC für die Zukunft der Serie platziert hat.

Außerdem reagiert er auf die harte Kritik von Ralf Schumacher und stellt klar, was an den Gerüchten dran ist, dass er in Zukunft Berater bei Audi für den Formel-1-Einstieg wird.

Frage: "Gerhard, die DTM-Zukunft ist mit der Übernahme der Vermarktungsrechte durch den ADAC gesichert. Was sagen Sie zu dieser Lösung und war eine Lösung mit dem ADAC bereits in der Vergangenheit Thema?"

Gerhard Berger: "Ich bin zufrieden mit dem Ausgang der Verhandlungen. Die DTM ist beim ADAC langfristig in den richtigen Händen. Der ADAC verfügt nicht nur über die Erfahrung, sondern auch über etablierte, funktionierende Strukturen im Bereich Motorsport und das nötige Know-how, um Synergien bestmöglich zu nutzen."

"Soweit ich weiß, hat es schon vor meiner Zeit (Berger war von 2017 bis 2022 DTM-Chef; Anm. d. Red.) Gespräche mit dem ADAC gegeben. Allerdings wurde erst jetzt ein Ergebnis erzielt. Die Folgen von fast zweieinhalb Jahren Pandemie und die allgemeine wirtschaftliche Gesamtsituation hat die Notwendigkeit, Synergien zu heben, noch deutlicher gemacht."

"Deshalb waren die Gespräche von beiden Seiten auch sehr konstruktiv - abgesehen davon, dass jetzt auch andere Leute am Verhandlungstisch saßen. Darüber hinaus hat es seitens der Partner, Sponsoren, Teams und Hersteller immer wieder die Aufforderung gegeben, in den Dialog mit dem ADAC zu gehen, um Kräfte zu bündeln und eine Anlaufstelle zu schaffen."

Frage: "Wie lang haben Sie selbst geglaubt, die Finanzierung für die Saison 2023 noch mit der ITR stemmen zu können und was hat schließlich dazu geführt, dass das nicht möglich war?"

Berger: "Die letzten Jahre waren pandemiebedingt für jeden Sportpromoter eine besondere Herausforderung. Angesichts dieser Gegebenheiten haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ITR aber besser gewirtschaftet als erwartet."

"Für die Saison 2023 ist leider eine zusätzliche Hürde in der Budgetierung dazugekommen. Denn: Nachhaltigkeit ist für viele Unternehmen eine notwendige Voraussetzung für eine Beteiligung an der DTM geworden. Daher stand bei den Gesprächen nun auch die DTM Electric im Mittelpunkt."

"Die Verknüpfung mit diesem Projekt war die Voraussetzung dafür, die vollen Sponsoringbudgets zu erhalten. Parallel gestaltete sich die Finanzierung der DTM Electric selbst schwieriger als gedacht. Das hat in Summe dazu geführt, dass das wirtschaftliche Risiko für 2023 zu groß wurde."

Frage: "Wie viel Geld hat am Ende gefehlt?"

Berger: "Es hat kein Geld gefehlt. Die vergangenen Jahre liefen planmäßig beziehungsweise besser als erwartet. Die Zukunft kann man nur abschätzen. Daher kann man im Vorhinein nicht sagen, wie viel Geld gefehlt hätte. Was ich aber sagen kann: Ich habe als Unternehmer verantwortungsvoll nach vorne geschaut und die notwendigen Maßnahmen ergriffen."

Mussten Audi und BMW das ITR-Minus begleichen?

Frage: "Sie haben nach unseren Informationen mit den Herstellern darüber verhandelt, dass diese die ITR ab 2023 mit einem Geldbetrag etwas unter einer Million Euro pro Hersteller unterstützen sollen. Hätte das für eine Durchführung der Saison gereicht?"

Berger: "Nein, das hat damit nichts zu tun gehabt. Die Hersteller haben die Plattform immer wieder für Aktivitäten und zur Aktivierung genutzt. Wir haben auf Basis der Hersteller-Bedürfnisse maßgeschneiderte Pakete für 2023 und darüber hinaus entwickelt und den Herstellern vorgeschlagen, um Einnahmen zu generieren. Alle Plattformen leben von den Möglichkeiten, die die Plattform bietet."

Frage: "Es kursieren Gerüchte, wonach die Hersteller Audi und BMW Ihnen 2020 das Versprechen abgegeben hatten, 2021 und 2022 das finanzielle Minus pro Saison auszugleichen. Und dass es daher absehbar gewesen wäre, dass das Finanzmodell 2023 nicht mehr funktioniert. Was sagen Sie zu diesem Gerücht?"

Berger: "Das stimmt auch nicht. Audi und BMW haben sich bei den Gesprächen im Rahmen meiner Fortführung verpflichtet, Autos in die Startaufstellung zu bringen."

"Das ist passiert und dank der erfolgreichen letzten zwei Jahre wird es auch in Zukunft so sein. In der Saison 2021 und 2022 haben die beiden Hersteller vereinbarungsgemäß Vermarktungspakete abgenommen. Diese beinhalteten beispielsweise Bandenwerbung, VIP-Packages und so weiter. Die meisten anderen Hersteller haben sich in Folge auch daran bedient, darum wäre das ganz klar ein Angebot für 2023 gewesen."

Frage: "Sie haben Investoren gesucht. Welche Kandidaten gab es und wie weit fortgeschritten waren die Gespräche?"

Berger: "Im Fokus der Investoren-Gespräche stand die DTM Electric, bei der wir kurz vor dem Prototypenbau stehen. Wir haben einige Gespräche mit internationalen Interessenten geführt. Unter anderem waren wir neben Schaeffler und Mahle mit Varta als Batteriepartner schon sehr weit gekommen. Dort wurde uns aber letztendlich eine Absage erteilt."

"Aus den Gesprächen mit dem ADAC haben sich im Vergleich dazu ganz andere Perspektiven ergeben: nämlich, die Möglichkeit, die langfristige Zukunft der DTM sicherzustellen, was mir ein wichtiges Anliegen war. Darüber hinaus verfügt der ADAC über langjährige Motorsport-Erfahrung im deutschsprachigen Raum. Das war auch ein entscheidender Vorteil, der für den ADAC gesprochen hat."

Frage: "Die Gespräche mit dem ADAC waren sehr langwierig. Was waren die größten Hürden?"

Berger: "Die Gespräche selbst waren nicht wirklich langwierig. Sie haben vor allem bedingt durch die Prozesse und Strukturen innerhalb des ADAC etwas länger gedauert als bei inhabergeführten Unternehmen. Inhaltlich waren wir uns relativ schnell einig. Beide Parteien wussten um die Notwendigkeit und haben sachlich verhandelt. Die finale Entscheidung fiel dann erst im ADAC-Gremium Ende letzter Woche."

Frage: "Wäre es eine Option gewesen, dass der ADAC auch die ITR übernimmt? Warum ist das nicht geschehen?"

Berger: "Nein, der ADAC hat eine Übernahme der ITR im Rahmen der Verhandlungen abgelehnt, weil er über eigenes Personal und eigene Strukturen verfügt."

Frage: "Wurden die 17 ITR-Mitarbeiter fristlos gekündigt?"

Berger: "Da wir die ITR geordnet auflösen, haben wir alle bestehenden Arbeitsverträge entsprechend der vertraglichen Fristen gekündigt."

Frage: "Was wird nun aus den Serienpartnern und Verträgen wie mit TV-Partner ProSieben? Sind die durch die Auflösung der ITR alle hinfällig?"

Berger: "Ich bitte um Verständnis, dass vertragliche Vereinbarungen der Vertraulichkeit unterliegen. Aber selbstverständlich werden wir mit jedem unserer Vertragspartner die nächsten Schritte besprechen. Ich gehe davon aus, dass es wahrscheinlich für die meisten ausreichend Optionen geben wird."

Berger reagiert auf harte Kritik von Ralf Schumacher

Frage: "Ralf Schumacher hat Sie auf Instagram mit folgendem Posting hart kritisiert: 'Was da hinter den Kulissen der DTM los ist, ein absoluter Witz! Man spielt hier mit Existenzen und Arbeitsplätzen um fünf nach zwölf!! Manchmal frage ich mich ob die ITR weiß was sie da anrichtet. Eine große Enttäuschung lieber Gerhard. Die Fahrer und Teams haben dir vertraut!'" Was sagen Sie dazu?"

Berger: "Obwohl ich meine eigene Meinung zu Ralf Schumacher habe, gefällt mir die Reaktion von Günther Steiner, der kürzlich nach langer und harter Kritik am Haas-Team geäußert hat, dass er keine Zeit für einen Kommentar zu Ralf Schumacher hat. So geht es mir auch (grinst)."

Frage: "Fühlen Sie sich ungerecht behandelt, weil Sie die Serie Ende 2020 gerettet haben?"

Berger: "Nein. Es gibt ein paar Parteien, darunter übrigens auch ausgewählte Medienvertreter, die der Meinung sind, man müsste sie über jeden Schritt der Verhandlungen informieren. Das entspricht nicht meiner Vorstellung. Ich habe entschieden, die Marke dem ADAC zu verkaufen, weil ich überzeugt davon bin, dass die DTM dort langfristig in den richtigen Händen ist und die Fans so noch viele Jahre erfolgreichen Motorsport sehen können."

"Bei der Entscheidung haben natürlich auch meine wirtschaftlichen Interessen eine Rolle gespielt und meine persönliche Lebensplanung. Ich hatte verschiedene Optionen vorliegen und habe mich für eine Möglichkeit entschieden, die nicht nur mein Interesse bedient, sondern auch im Sinne des deutschsprachigen Motorsports ist."

"Aber selbstverständlich wird auch der ADAC künftig gefordert sein, das ein oder andere Thema angesichts der zahlreichen wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen zu verändern."

Frage: "Teamchefs kritisieren, dass ihnen beim Saisonfinale Hockenheim 2022 noch der Eindruck vermittelt worden wäre, alles sei in Ordnung, was die Saison 2023 angeht. Danach habe es Vertröstungen und kaum Kommunikation gegeben. Der Schock war groß, als sie quasi aus dem Nichts von der ITR-Auflösung erfuhren. Können Sie das verstehen?"

Berger: "Nein, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich war immer im Austausch mit den Teams und Herstellern. Diejenigen, die Interesse hatten, waren ausreichend darüber informiert, was im Hintergrund läuft. Es war auch das explizite Anliegen der Teams, in den Dialog mit dem ADAC zu gehen, um Synergien und eine Anlaufstelle zu schaffen."

"Dass bei einer Zusammenführung eine Organisation aufgelöst wird, ist in der Regel leider nicht zu vermeiden. Aber es ist auch nicht auszuschließen, dass der oder die ein oder andere im neuen Set-up wieder gebraucht wird. Und für das ITR-Team gibt es über mein Netzwerk und meine anderen Unternehmen möglichweise auch Optionen für die Zukunft."

"ADAC hat nicht gekauft, um DTM verschwinden zu lassen"

Frage: "Ist die Zukunft der DTM beim ADAC in guten Händen? Was versprechen Sie sich vom neuen Promoter?"

Berger: "Die DTM ist beim ADAC in guten Händen. Ich habe die Marke dem ADAC verkauft, weil ich überzeugt bin, dass er Synergien bestmöglich nutzen kann und das Produkt unter den gegebenen Rahmenbedingungen weiter stärken wird."

Frage: "Angeblich haben Sie sich bei den Verhandlungen entgegen der ursprünglichen Pläne des ADAC dafür eingesetzt, dass das Ein-Fahrer-pro-Auto-Konzept auch in Zukunft Bestand hat. Warum ist Ihnen das so wichtig?"

Berger: "Meine Empfehlung ist, das aktuelle Konzept, Format und Reglement beizubehalten, da es auch bei den Fans sehr gut ankommt. Das habe ich auch so platziert."

Frage: "Droht Ihrer Meinung nach Gefahr, dass die DTM langfristig verschwindet, weil das ADAC GT Masters für den ADAC einen Sonderstatus haben könnte? Und es schwierig werden könnte, zwei GT3-Serien durchzuführen?"

Berger: "Der ADAC hat nicht die Markenrechte an der DTM gekauft, um sie verschwinden zu lassen, sondern, um von ihrer Stärke zu profitieren."

Frage: "Würden Sie es für den richtigen Weg halten, wenn die zwei Serien am gleichen Rennwochenende stattfinden?"

Berger: "Was künftig der richtige Weg ist, wird der ADAC entscheiden."

Frage: "Wie sehen Sie die Idee einer Karrierepyramide im deutschen GT-Sport mit GT4 als Einstiegsklasse, ADAC GT Masters als Talenteserie und der DTM als Profiserie für Werksfahrer?"

Berger: "Das ist jetzt die Aufgabe des ADAC, diese Themen richtig einzuordnen."

Frage: "Unter Ihrer Führung wurde die DTM Electric ins Leben gerufen. 2023 hätte der gemeinsam mit Schaeffler und Mahle entwickelte Prototyp erstmals auf die Strecke gehen sollen. Was wird nun aus dem Projekt?"

Berger: "Das Projekt ist nicht Teil der Markenrechtsübergabe. Daher werden wir uns dazu in den nächsten Wochen mit unseren Partnern zusammensetzen und die weiteren Schritte diskutieren."

Frage: "Was wird aus der DTM-Trophy?"

Berger: "Das liegt im Entscheidungsbereich des ADAC."

Mit Audi in die Formel 1? Berger dementiert Gerücht

Frage: "Ein Schlüsselaspekt für die erfolgreiche Neuausrichtung der DTM im Jahr 2021 war, dass Sie mit Ihrem Netzwerk Red Bull und Ferrari an Bord gebracht haben. Red Bull hätte auch 2023 weitergemacht, das Engagement steht jetzt aber unter dem ADAC auf der Kippe. Was sagen Sie dazu?"

Berger: "Red Bull ist über die fast vierzigjährige Partnerschaft sehr mit meiner Person verknüpft. Daher kann das durchaus so kommen. Diese Entscheidung liegt jetzt bei Red Bull."

Frage: "Wie sieht Ihre Zukunft aus? Haben Sie vor, sich jetzt komplett aus der DTM zurückzuziehen?"

Berger: "Am Ende des Tages war und bin ich Unternehmer. Ich habe die DTM in einer sehr schwierigen Zeit übernommen, sie weitergeführt, aufgebaut und jetzt verkauft. Dieser Schritt kommt auch meiner persönlichen Lebensplanung entgegen, die in meinem Alter mehr Zeit für andere Aktivitäten und meine Familie vorsieht als für den Motorsport."

Frage: "Man hört aus unterschiedlichen Quellen, dass Sie in Zukunft Berater von Audi für die Formel 1 werden. Was sagen Sie dazu? Wäre so eine Aufgabe für Sie von Interesse oder können Sie ausschließen, dass es dazu kommt?"

Berger: "Aus der Formel 1 werden immer wieder interessante Projekte an mich herangetragen. Aber: Angesichts meiner persönlichen Lebensplanung kann ich ausschließen, dass ich noch einmal so eine zeitintensive Aufgabe übernehme."

Mit Bildmaterial von DTM.

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