Kolumne: Nur ein Stallorder-Verbot kann die DTM retten!

Die DTM muss das Herstellerschach verbieten, sonst steht die Zukunft erneut auf dem Spiel: Was am Norisring wirklich los war und wie ein Verbot aussehen könnte

Kolumne: Nur ein Stallorder-Verbot kann die DTM retten!

Liebe Leserinnen und Leser,

das diesjährige DTM-Finale hatte alle Zutaten, um ein absoluter Klassiker zu werden. Vier Fahrer von vier unterschiedlichen Marken - und ein Finalrennen auf dem legendären Norisring. Doch das Ergebnis ist ein Imagedesaster par excellence, das einen Social-Media-Shitstorm auslöste. Und nun dafür sorgen könnte, dass es mit der Markenvielfalt in der DTM bald wieder vorbei ist.

Monatelang hat DTM-Boss Gerhard Berger nach dem Ende der Hersteller-DTM und dem Wechsel auf GT3-Boliden wiederholt, er bürge dafür, dass die DNA der DTM weiterlebt. Und jetzt ist genau das passiert, allerdings mit dem eher hässlichen Teil der DNA.

Statt einem sportlichem Wettkampf gab es am Norisring unfaire Fouls wie durch Abt-Pilot Kelvin van der Linde der sich inzwischen für sein Verhalten entschuldigt hat. Und mit Mercedes-AMG einen Hersteller, der wie in alten Zeiten Herstellerschach spielte.

Winward-Team als Mercedes-AMG-Spielfigur

Nein, das Problem ist nicht, dass Winward-Mercedes-Pilot Lucas Auer am Ende seinem HRT-Mercedes-Markenkollegen Maximilian Götz zum Titel verholfen hat. Sondern die Art und Weise, wie das geschehen ist.

Denn Mercedes-AMG hat sich schon beim Samstagsrennen beim Winward-Team eingemischt: Winward-Mercedes-Pilot Philip Ellis musste Götz nicht nur den Sieg schenken. Das Team erhielt nach der Kollision zwischen Ellis und Liam Lawson und der ausgebliebenen Strafe für den AF-Corse-Ferrari-Titelfavoriten auch die Anweisung, Protest gegen die Entscheidung der Rennleitung einzulegen.

Der DTM-Verantwortliche von AMG, Thomas Jäger, stellte das so dar, als wäre der Protest vom Team selbst ausgegangen, weil man in der Teammeisterschaft noch gegen Abt um Platz zwei kämpfte. Doch dieses Argument ergibt keinen Sinn.

Mercedes riskierte Titelentscheidung am grünen Tisch

Denn eine Zeitstrafe für den drittplatzierten Lawson hätte in jedem Fall den direkt hinter ihm liegenden Abt-Audi-Piloten van der Linde aufs Podest gebracht - und Abt somit vermutlich einen größeren Punktezuwachs ermöglicht als den auf den Plätzen sechs und zehn ins Ziel gekommen Winward-Piloten Auer und Ellis. Man hätte sich also selbst geschadet.

Als dann die Sportkommissare den Protest gegen die Entscheidung wegen Formfehlern - unter anderem wurde der Name der Veranstaltung nicht korrekt eingetragen - abwiesen, kündigte das Team Berufung an. Laut Informationen von 'Motorsport.com' erneut auf Anweisung von Mercedes-AMG.

DTM wäre beinahe zur Lachnummer geworden

Damit hätte man riskiert, dass die Titelentscheidung frühestens Ende Oktober gefallen wäre. Und die DTM wäre nach dem Saisonfinale womöglich ohne Champion dagestanden und zu einer Lachnummer verkommen.

Erst am Sonntagvormittag und nach zahlreichen kritischen Artikeln wurde den AMG-Entscheidungsträgern bewusst, dass es bei der Strategie, um jeden Preis gewinnen zu wollen, nur Verlierer gegeben hätte: Man zog den Protest zurück und gab sich als "Sportsmänner". Eine Entscheidung, die man gemeinsam mit dem Team getroffen habe.

Für Winward muss sich das wie blanker Hohn angehört haben.

Zumal es nicht lange dauerte, ehe Mercedes-AMG erneut seine Macht ausspielte. Denn Auer war der große Nutznießer der Startkollision zwischen Kelvin van der Linde und Liam Lawson und setzte sich an der Spitze um bis zu 15 Sekunden ab, während dahinter die Fetzen flogen. Als der Abt-Audi-Pilot nach Lawson auch sich selbst aus dem Titelrennen crashte, hatte Götz alle Trümpfe in der Hand.

Tränen bei Auers Renningenieur

Einziges Problem: Er musste gewinnen und hatte noch Auer und Ellis vor sich. Der Schweizer war wegen seiner Fünf-Sekunden-Strafe keine große Hürde, aber beim Neffen von Gerhard Berger lief der Platztausch nicht so problemlos, wie es nach außen den Anschein machte.

In der Endphase des Rennens stellten gleich drei AMG-Entscheidungsträger - darunter Kundensportchef Stefan Wendl - in der Winward-Box sicher, dass der Mercedes-Masterplan auch umgesetzt wird.

Auers portugiesischer Renningenieur Mauricio Moreno kämpfte mit den Tränen, als er seinem Schützling die Anweisung geben musste, Götz den für den Titel notwendigen Sieg zu schenken. Der Wortlaut: "Your Teammate is faster". Die Empörung bei den Fans war groß und viele fühlten sich an das Hersteller-Schachspiel aus der Vergangenheit erinnert.

Warum die Zukunft der DTM erneut auf dem Spiel steht

Dass DTM-Boss Berger nun sagt, er wolle der Teamorder in der DTM den Kampf ansagen, hat zwar auch damit zu tun, dass er den Fans puristischen Sport versprochen hat.

Doch der Hauptgrund ist ein anderer: Es geht um das Überleben seiner Rennserie. Mit dem Ausstieg der Hersteller als Mitbesitzer schien es der DTM gelungen zu sein, den Nimbus abzustreifen, dass nur deutsche Marken in der Traditionsserie eine Chance haben und es sich untereinander richten.

Der Einstieg von AF Corse mit Red-Bull-Unterstützung und zwei Ferrari 488 GT3 Evo war das Signal, das diesbezüglich für echte Aufbruchsstimmung sorgte. Doch die ist jetzt verflogen, denn die Quasi-Werksmannschaft kassierte beim Norisring-Finale ordentlich Prügel, wodurch das Projekt jetzt wackelt.

Vertreibt die Norisring-Schande Aston Martin und Co.?

Denn wie will man mit zwei Fahrzeugen eine Chance haben, wenn Mercedes-AMG mit sieben Spielfiguren und dem sogenannten "One-Team-Approach" ins Rennen geht? Das ist am Norisring mit Sicherheit auch Herstellern wie Audi oder BMW bewusst geworden, die diese Saison ihre Teams mit deutlich weniger Geld oder gar nicht finanziell unterstützt haben. Sie könnten nun zu Nachahmungstätern werden.

Und es kann gut sein, dass auch DTM-Kandidat Aston Martin nach dem Wochenende genug gesehen hat und sich distanziert - und die DTM wieder zu dem wird, was sie bislang war: Eine teure, zu deutsche Serie, die von den Eigeninteressen der Hersteller kaputtgemacht wird. Nun halt nicht mehr mit Class-1-Boliden, sondern mit GT3-Autos.

Was man gegen Teamorder oder eine Herstellertaktik machen kann? Eine schwierige Frage, denn selbst bei einem Verbot wäre es schwierig, diese nachzuweisen. Eine Rückkehr des von Berger Anfang 2020 eingeführten und aus Naivität am Ende des Jahres wieder gestrichenen Teamorder-Verbots und des Funkverbots wären aber ein erster Schritt.

So könnte ein Teamorder-Verbot aussehen

Denn aktuell sind die Mercedes-AMG-Teams, die im Vergleich zu den anderen in der DTM vertretenen Marken die größte finanzielle Unterstützung erhalten und auch auf die Set-up-Daten der anderen Rennställe zugreifen dürfen, als Gegenleistung vertraglich dazu verpflichtet, Anweisungen des Herstellers zu befolgen.

Wie ein Verbot aussehen könnte? Jeder Rennstall und jeder Fahrer müsste - so sollte es im Reglement stehen - garantieren können, dass er keine strategischen Anweisungen vom Hersteller entgegennimmt beziehungsweise umsetzt.

Aber könnten die Hersteller nicht auf andere Art und Weise Druck ausüben und zum Beispiel ein Team bestrafen, indem es nicht mehr die gleiche Qualität an Werksfahrern erhält oder technisch benachteiligt wird? Natürlich, aber damit würde sich der Hersteller selbst schaden, da er ja an guten Ergebnissen interessiert ist.

Ein Teamorder-Verbot wäre ein wichtiges Signal nach außen, denn sonst droht die von Berger mühsam wieder aufgebaute Plattform tatsächlich an ihren alten Fehlern zu sterben. Und all die Arbeit wäre umsonst gewesen.

Sven Haidinger

Mit Bildmaterial von Daimler.

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