Links Vorder-, rechts Hinterreifen! Riesiger Fauxpas bremst Thiim aus
Ein folgenschwerer Fehler von Pirelli machte den Aston Martin von Halbzeit-.Meister Nicki Thiim praktisch unfahrbar: Wie es dazu kam und welche Folgen das hatte
Links höher als rechts: Nicki Thiim weiß noch nichts von den falschen Reifen
Foto: ADAC Motorsport
Der Oschersleben-Samstag lief für Nicki Thiim mit Startplatz 18 und Rang zwölf im Ziel bereits katastrophal, was für großen Ärger sorgte, doch am Sonntag kam es für den Halbzeit-Champion der DTM noch dicker: Denn im Qualifying, in dem der Aston-Martin-Pilot trotz einer angepassten Balance of Performance (BoP) sogar nur 19. wurde, passierte Reifenhersteller Pirelli ein folgenschwerer Fehler.
"Heute Morgen, um das professionell anzudeuten, hat uns Pirelli die Vorderreifen auf die hinteren Felgen draufgemacht - und vice versa", offenbart Thiim. "Ich bin froh, dass es zu Ende ist, muss ich ehrlich sagen - ein Wochenende komplett zum Abschreiben."
Bereits am Samstag habe er "keine Chance" gehabt - und heute sei ihm "von Pirelli schön der ganze Tag vermasselt worden", lässt der Däne, der im Rennen noch Platz 13 rettete, Dampf ab. "So ein Fehler darf auf diesem Level einfach nicht passieren. Das hat natürlich große Auswirkungen auf unsere Meisterschaft. Da kann das Team nichts dafür", nimmt er sein Team bei ran.de in Schutz.
"Das Auto ist schief": Wieso Thiim keine Chance hatte
Tatsächlich hat ein derartiger Fauxpas massive Auswirkungen auf die Performance: Thiim hatte im Qualifying beide Hinterreifen rechts und beide Vorderreifen links montiert - und die unterscheiden sich auch in den Dimensionen. Die Hinterreifen sind einen Zentimeter breiter und haben zwei Zentimeter mehr Durchmesser als die Vorderreifen.
"Das Problem ist, dass sich die Reifen in der Höhe und im Abrollumfang unterscheiden. Wenn ich Reifen von hinten auf der Vorderachse habe, funktioniert mein ganzes Auto nicht mehr. Mein Abrollumfang ist anders, ich habe andere Drehzahlen am Rad", erklärt Mario Schuhbauer, der beim Comtoyou-Team als DTM-Sportdirektor fungiert, bei ran.de.
"Am Anfang habe ich gedacht, dass das ein 'Puncture' ist", dachte Thiim zunächst an einen schleichenden Plattfuß. Kein Wunder, wie Schuhbauer klarstellt: "Das Auto ist schief." Und es gibt noch weitere Probleme: "Das ABS-System funktioniert nicht mehr. Mein Differenzial wird zu heiß, weil ich unterschiedliche Geschwindigkeiten an den Rädern habe."
Unterschiedliche Raddrehzahl löste Kettenreaktion aus
Tatsächlich registrierten die Sensoren auf der linken Fahrzeugseite eine um einige km/h höhere Raddrehzahl als auf der rechten. Auch die Balance des Autos war durch den Fehler komplett verschoben und die Elektronik funktionierte nicht mehr wie gewohnt, weshalb das ABS irgendwann ausfiel. Dass das Differenzial ans Limit kam und später kaputt ging, war auch akustisch hörbar. Es musste nach dem Qualifying getauscht werden.
Dennoch ist beeindruckend, dass Thiim trotz des Problems im Qualifying nur 0,773 Sekunden auf die Pole-Zeit von Thomas Preining verlor - und vor allem um 0,124 Sekunden schneller war als Teamkollege Nicolas Baert. "Nicki hat das mit dem Problem wirklich gut gemacht - normalerweise kann man direkt aufhören", meint auch Schuhbauer.
Ex-Meister Götz: "Es kann nicht nur Pirellis Schuld sein"
Aber wie konnte Pirelli ein solcher Fehler unterlaufen? Und hätte das Team erkennen müssen, dass etwas nicht stimmt? "Es kann nicht nur Pirellis Schuld sein", sagt Ex-DTM-Champion Maximilian Götz bei ran.de. "Die Mechaniker haben die Reifen in der Hand. Die müssen sehen, dass da irgendwas nicht stimmt." Man müsse "auch das Team in die Pflicht nehmen, alles zu checken, dass das nicht vorkommt."

Mit einer speziellen Vorrichtung werden die Pirelli-Reifen vor Ort auf die Felge gezogen
Foto: ADAC Motorsport
Die Teams geben ihre vier Felgen bei Pirelli an der Rennstrecke ab und holen diese später mit aufgezogenen Reifen wieder ab. Diese sind zwar mit einem Barcode versehen und werden im System registriert, es ist dabei jedoch nicht ersichtlich, ob es sich um Vorderreifen oder Hinterreifen handelt.
Theoretisch hätte es der Crew rein optisch auffallen können, dass der Reifen und die Felge nicht zusammenpassen, der Fehler lag aber laut Schuhbauer "leider nicht bei uns". Dennoch weiß er, dass auch Pirelli nicht mit Vorsatz agierte. "Wir sind alle Menschen, es kann passieren", sagt der ehemalige SSR-Performance-Teamchef.
Neuer Reifensatz als Kompensation für Aston-Martin-Truppe
Wegen des unglücklichen Fauxpas durfte das Comtoyou-Team vor dem Rennen bei Thiim alle vier Reifen, die beim Qualifying zum Einsatz kamen und in keinem guten Zustand mehr waren, durch einen komplett neun Satz austauschen. Das Team stellte einen Antrag, der vom Technischen Delegierten abgesegnet wurde.
Dank einer guten Strategie gelang es Thiim, der wegen der Rückversetzung von Ben Dörr von Startplatz 18 losfahren durfte, noch auf Platz 13 nach vorne zu kommen. "Die Crew hat die besten Boxenstopps des Tages absolviert", verweist er auf die Reifenwechsel, die in 6,2 beziehungsweise 6,1 absolviert wurden. "Ich liebe diese Crew."
In der Gesamtwertung hat der Halbzeit-Meister durch Maro Engels zwei Podestplätze die Führung verloren und ist nun 21 Punkte hinter dem Winward-Mercedes-Piloten der erste Verfolger.
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