"Magnete hin- und hergeschoben": Wie AF Corse auf geniale DTM-Stopps kam

AF-Corse-Sportdirektor Ron Reichert erklärt, wie die geniale Choreographie bei den Stopps entstand und wieso man glaubte, möglicherweise den falschen Weg zu gehen

"Magnete hin- und hergeschoben": Wie AF Corse auf geniale DTM-Stopps kam

Die Boxenstopps waren das heiße Thema der DTM-Saison 2021. Denn das Ferrari-Team AF Corse überraschte die Konkurrenz beim Saisonauftakt mit einer ungewöhnlichen Choreographie der Boxencrew und blitzschnellen Stopps, die danach von den Mercedes-AMG-Teams übernommen wurde. Das sorgte für Diskussionen, weil der Ablauf bei den anderen Boliden wegen der Radmuttern nicht umsetzbar war.

Doch wie kam das italienische Team auf die geniale Idee, zuerst beide Radmuttern zu lösen, ehe man die Räder wechselt? "Man fängt ja nicht an, einfach zu probieren, sondern wir haben uns ans Zeichenbrett gestellt und haben Laufwege aufgezeichnet", erklärt AF-Corse-Sportdirektor Ron Reichert im Gespräch mit 'Motorsport.com'.

"Dafür haben wir Magnete genommen und haben das dann hin- und hergeschoben. Damit haben wir viel Zeit verbracht." Laut dem 29-jährigen Deutschen habe es nicht nur die konventionelle und die innovative Choreographie gegeben, die - so eine Analyse der DTM-Dachorganisation ITR - eine Sekunde bringt, sondern viele unterschiedliche Varianten.

"Jeder durfte seine Idee sagen, ohne die anderen zu kennen"

"Das war für uns ein Boxenstopp, den wir so noch in keiner anderen Meisterschaft gemacht haben. Daher haben wir gesagt: Es ist wichtig, dass wir nicht mit der ersten Idee direkt losrennen, sondern weitere Ideen sammeln. Wir haben auch die Ingenieure dazugenommen und so weiter. Jeder durfte seine Idee sagen, ohne dass er die anderen Ideen gehört hatte. Und dann haben wir evaluiert, was am besten funktioniert."

Dabei war dem Team am Anfang weder bewusst, dass man als einzige Mannschaft auf diesen Ablauf setzt noch dass man dadurch gegenüber der Konkurrenz einen großen Vorteil hat. "Wir haben uns das angeschaut und kamen im Prinzip sofort auf unsere Choreografie", sagt er. "Dann kamen die Testfahrten, und die anderen hatten die andere Choreographie."

AF Corse zweifelte nach Tests an eigener Lösung

Bei AF Corse war man dadurch laut Reichert verunsichert, weil man glaubte, möglicherweise einen falschen Weg eingeschlagen zu haben. "Wir haben umgestellt, weil wir dachten, dass da irgendetwas dahinter stecken muss", so der AF-Corse-Sportdirektor. "Und dann sind wir wieder zurückgegangen und haben tagelang Back-to-Back-Boxenstopps trainiert und geschaut, was am schnellsten ist."

Die Konkurrenz bekam beim Testen aber nicht Wind davon, dass AF Corse einen anderen Weg gefunden hatte. Wie das möglich war? "Als wir gesehen haben, dass das so keiner macht, haben wir es für am logischsten gehalten, keine Boxenstopps zu üben", erklärt Reichert.

AF-Corse-Sportdirektor Ron Reichert und Motorsport-Total.com- und Motorsport.com-Reporter Sven Haidinger

AF-Corse-Sportdirektor Ron Reichert (re.) im Gespräch mit Reporter Sven Haidinger

Foto: Motorsport Images

Zudem sei bei den Tests noch nicht ganz klar gewesen, ob die Stopps mit Elektroschraubern oder mit konventionellen Druckluft-Schraubern durchgeführt werden müssen. "Deswegen war das für uns auch noch nicht der Zeitpunkt, um alles zu investieren, neu aufzubauen und so weiter. Das war einer der Gründe, warum wir gesagt haben: 'Wir sind hier zum Testen und nicht, um Boxenstopps zu machen'."

Kuriosität um Stoppregeln: Abt war dafür, AF Corse skeptisch

Die AF-Corse-Choreographie wurde dadurch begünstigt, dass sich die Teams vor der Saison gemeinsam mit der ITR relativ spät darauf einigten, die Stopps im Vergleich zum Vorjahr trotz der Personalreduktion nicht grundlegend zu ändern. Ursprünglich war geplant gewesen, dass die Crew nicht wie gewohnt auf beiden Seiten des Boxenstopp-Platzes auf das Fahrzeug wartet, sondern erst bei Stillstand des Boliden aus der Box laufen darf.

Was besonders kurios ist: Während sich das Abt-Team - später einer der größten Kritiker des Boxenstopp-Reglements in der DTM - dafür einsetzte, dass die Crew auf beiden Seiten warten darf, wollte AF Corse eigentlich die andere Lösung sehen.

"Für uns war das ein ungewohntes Boxenstopp-Konzept", so Reichert. "Wir wären eigentlich am liebsten mit allen hinter der Linie innerhalb der Box gewesen, wären am liebsten rausgerannt. Die alten DTM-Teams wollten aber, dass es DTM-ähnlich bleibt."

Warum am Ende auch AF Corse damit leben konnte, obwohl man es aus Le Mans und anderen Serien gewohnt war, hinter der Linie zu warten? "Wir haben relativ simpel gerechnet und dann gesagt: 'Okay, wenn es der kürzeste Stopp ist, dann können wir am wenigsten Zeit verlieren - also ist es auch in Ordnung für uns'", erklärt Reichert. "Das war eine simple Prozentrechnung."

Mit Bildmaterial von Red Bull.

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