Wittmann: Warum Zanardi "Schumi" als Idol ablöste

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Wittmann: Warum Zanardi "Schumi" als Idol ablöste
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22.11.2019, 13:15

BMW-Ass Marco Wittmann erklärt, wie sehr ihn Alex Zanardi mit verblüffenden Aussagen inspirierte und wieso Michael Schumacher nicht mehr sein großes Idol ist

BMW-Ass Marco Wittmann steht vor einem außergewöhnlichen Wochenende: Er darf nicht nur als einziger DTM-Stammpilot der Münchner beim Dream-Race gegen die Super-GT-Serie antreten und feiert am Sonntag seinen 30. Geburtstag. Er kommt auch noch in den Genuss, sein großes Idol als Teamkollegen zu haben: Alex Zanardi.

"Er ist mein großes Idol und ein großartiger Sportler. Es ist unglaublich, wozu er imstande ist", streut Wittmann dem 53-jährigen Ex-Formel-1-Piloten Rosen, dem nach einem ChampCar-Crash auf dem Lausitzring 2001 beide Beine amputiert werden mussten. Dabei war der Fürther damals noch großer Fan von Rekordweltmeister Michael Schumacher und hatte wenig Bezug zum Italiener.

"Ich glaube, in der Kindheit hat doch jeder Michael Schumacher die Daumen gedrückt - vor allem als Deutscher", sagt er im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. "In meiner Kindheit war der Boom natürlich gerade groß. Über die Jahre hat sich das ein bisschen geändert. Da ist auch das Vorbild ein anderes geworden. Jeder weiß, dass mein Vorbild mittlerweile Zanardi ist."

Wieso Zanardi "Schumi" ablöste

Ein Wandel, den Wittmann als "normalen Reifeprozess" sieht, "den du mit den Jahren durchläufst. Bei Zanardi geht es nicht nur um den Erfolg, sondern auch um den Menschen und die Lebenseinstellung."

Marco Wittmann, Alex Zanardi

DTM-Champion Marco Wittmann und sein Idol Alex Zanardi (li.)

Foto: BMW

Dabei kann sich auch die Erfolgsbilanz Zanardis absolut sehen lassen: Der Mann aus Bologna war schon vor seinem Unfall ChampCar-Meister und ist vielen noch mit seinem unglaublichen Manöver gegen Bryan Herta 1996 in der Mutkurve Cork Screw in Laguna Seca in Erinnerung.

Nach dem Schicksalsschlag auf dem Lausitzring kämpfte er sich zunächst ins Leben und dann mit einem eigens an ihn angepassten BMW in die Tourenwagen-WM zurück, in der er sogar dreimal siegte. In den vergangenen Jahren verschrieb er sich dem Paracycling - und schaffte es dort in ungeahnte Dimensionen: Zanardi ist inzwischen mit dem Handbike zwölfmaliger Weltmeister und auch Olympiasieger.

So verblüffte Zanardi Wittmann im persönlichen Gespräch

Und im Vorjahr verblüffte er dann auch noch die DTM mit seinem sensationellen fünften Platz in Misano. So gut wie der BMW-Gastfahrer war davor noch keiner.

Alex Zanardi, Handbike, Paracycling

Zanardi ließ es sich nicht nehmen, den Fuji-Kurs mit dem Handbike zu umrunden

Foto: BMW

Wittmann beeindruckt aber vor allem der Mensch Zanardi. "Jeder, der ihn kennt und ihn auch schon vor größerer Kulisse sprechen sah, merkt, wie viele Leute er motivieren kann und welche Standing Ovations kriegt. Das ist sehr selten."

Der BMW-Pilot kennt sein Idol aber auch aus persönlichen Gesprächen. Und traute teilweise seinen Ohren nicht: "Wenn du mit ihm redest, dann sagt er dir: 'Das ist eigentlich das Geilste, was mir je passiert ist. Denn all die Dinge, die ich jetzt mache, hätte ich mit zwei Beinen nicht machen können.' Da denkst du dir auch: 'Was zum Teufel!?' So musst du erst einmal denken. Das ist einfach erstaunlich, und er sollte ein Vorbild für jeden sein - ob mit Handicap oder ohne."

Zanardi und Indien als Inspiration

Zanardis Schicksal und vor allem dessen Umgang damit dienen Wittmann als Inspiration - und relativieren die täglichen Herausforderungen. "Ich glaube, man muss sich generell immer mal wieder vor Augen führen, wie gut es uns geht", sagt der zweimalige DTM-Champion. "Dabei geht es nicht nur um Alex und sein Schicksal."

Marco Wittmann, Alex Zanardi

Beim Dream-Race in Fuji sind Wittmann und Zanardi gemeinsam im Einsatz

Foto: BMW

Der BMW-Pilot verweist auf seine Indien-Reise Ende 2018, als er im Rahmen einer PR-Aktion Mumbai besuchte: "Dort habe ich gesehen, wie schlecht es den Menschen teilweise geht. Da kommst du nach drei, vier Tagen zurück und denkst: Uns geht es so gut, und wir jammern auf so hohem Niveau. Wir haben Essen, Trinken, ein warmes Zuhause im Winter. Da weiß man erst einmal für ein paar Wochen wieder zu schätzen, was man eigentlich daheim hat."

Dabei erlebte Wittmann in Indien nicht nur Leid. "Was mich erstaunt hat: Den Menschen geht es teilweise so schlecht, aber sie sind trotzdem so herzlich und haben so viel Spaß", erzählt er. "Ich habe sie auch in den größten Slums noch Federball spielen sehen - Mutter und Kind mit Grinsen im Gesicht. Dort im Alltag noch so eine Freude an den Tag zu legen ist schon erstaunlich."

Die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen war Wittmann teilweise sogar unangenehm, gibt er zu. "Da war einer, der war so gut drauf, dass er mir die Schuhe bindet. Ich habe noch gesagt: 'Alles gut!' Aber er war einfach so drauf."

Mit Bildmaterial von BMW.

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Urheber Sven Haidinger