Rene Rast: Mit Vettel aufgewachsen und mit Rosberg zum DTM-Titel

DTM-Champion Rene Rast klärt im Interview über seine Freundschaft zu Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel auf und verrät, dass er Titelgewinn noch nicht realisiert hat

Für den amtierenden DTM-Champion Rene Rast gibt es 2018 nur eine Mission: die Titelverteidigung. Der Audi-Pilot gewann im Vorjahr in seinem ersten Jahr in der deutschen Tourenwagenserie die Meisterschaft und setzte die Latte für sich und die nach ihm in die DTM kommenden Rookies sehr hoch. Doch der 31-jährige Familienvater musste zunächst einige Hindernisse überwinden bevor er es an die Spitze der DTM schaffte. Im exklusiven Interview mit 'Motorsport.com' spricht Rast über das Gefühl nach dem Titelgewinn, die Stimmung im Audi-Lager am Finaltag in Hockenheim 2017 und sein freundschaftliches Verhältnis zu Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel.

Frage: "Wie schwierig wird es in diesem Jahr den Titel zu verteidigen? Gehen Sie ganz entspannt in die Saison, weil sie den Titel schon gewonnen haben?"
Rene Rast: "Grundsätzlich gehe ich relativ entspannt an die Sache. Nicht, weil ich schon den Titel gewonnen habe, sondern eher, weil alle bei null anfangen und keiner so wirklich weiß, wie das Kräfteverhältnis sein wird. Bei den ersten Testfahrten gab es ein kleines Abtasten. Aber ich denke nicht, dass jeder schon die Karten auf den Tisch gelegt hat. Die Hosen werden wohl erst im Qualifying heruntergelassen. Nach dem ersten Rennen werden wir dann sehen, wie stark jeder Hersteller ist. Wenn das erste und zweite Rennwochenende vorbei sind, dann kann man sagen, wo die Reise hingeht. Vorher kann man nur Wünsche äußern. Der Wunsch ist natürlich wieder gute Rennen zu fahren und immer zu punkten. Und wenn es gut läuft, wieder den Meistertitel zu holen. Wir sagen nicht, wir wollen wieder Meister werden, weil wir im vergangenen Jahr Meister waren. In der DTM ist es so eng und so schwierig, dass man es nicht planen kann. Deshalb gehen wir ganz entspannt ran, arbeiten genauso wie im vergangenen Jahr und versuchen wieder einen guten Job zu machen. Und wenn es am Ende reicht, dann sind natürlich alle glücklich."

Frage: "Nach Ihrem Titelgewinn hatten Sie viele Termine und waren viel unterwegs. Wann haben Sie so richtig realisiert, dass sie DTM-Champion geworden sind?"
Rast: "Der Punkt ist noch nicht wirklich gekommen, an dem ich gesagt habe: Ah je, jetzt bin ich DTM-Meister. Dieser Punkt kam nie, und ich glaube, der wird auch nicht mehr kommen, weil es einfach schon zu lange her ist. Es gab kein Aufwachen, wo ich daran gedacht habe, was ich erreicht habe. Natürlich war es gigantisch und ein irrsinniges Gefühl nach dem Rennen. Aber es kam nie der Punkt, an dem ich gesagt habe: Wow, jetzt bin ich DTM-Meister! Vielleicht vergisst man das auch. Das ist schwierig zu beantworten."

Frage: "Nach dem Titelgewinn haben Sie in Hockenheim mit Nico und Keke Rosberg gefeiert. War Mattias Ekström auch bei der Meisterfeier dabei? Er war sehr enttäuscht nach dem Rennen, dass er nicht Champion wurde."
Rast: "Mattias ist ein fairer Sportsmann. Er hat mir gratuliert und wir haben direkt nach dem Rennen miteinander gesprochen. Natürlich kann ich es verstehen, dass man da niedergeschlagen ist. Das ist nachvollziehbar. Wir sind alle Rennfahrer und Sportler, wir wollen alle gewinnen. Wenn man so kurz vor Schluss das Ziel vor Augen dann doch verliert, das ist sehr frustrierend und niederschmetternd. Da wäre jeder traurig. Aber Mattias hat ganz fair gratuliert und er war auch kurz auf der Feier. Es ist verständlich, dass er nicht lange mit uns gefeiert hat, das würde ich in dem Moment auch nicht wollen. Da ist man einfach zu frustriert und möchte man nur für sich sein."

Frage: "Vor dem letzten Rennen in Hockenheim konnten vier Audi-Fahrer den Titel gewinnen, unter anderem Ihr Teamkollege Jamie Green. Wie war die Atmosphäre bei den Meetings? Konnte man den Konkurrenzkampf spüren, wurde überhaupt noch miteinander gesprochen?"
Rast: "Eigentlich sehr gut. Bei den Meetings gingen alle relativ offen miteinander um. Vor dem Sonntagsrennen, als wir wussten, dass nur noch ein Audi-Fahrer Meister werden kann, war das Meeting genauso wie es immer war: Sehr offen, jeder hat seine Strategie präsentiert, und die ist dann auch so eingetreten. Keiner hat irgendwelche Spielchen gespielt, sondern jeder hat mit offenen Karten gespielt, sodass sich jeder darauf einstellen konnte. Was natürlich auch in unserem Sinne ist, dass keiner versucht, dem anderen ein Schnippchen zu schlagen. Es war alles super fair. Natürlich gibt es einen Konkurrenzkampf unter den Fahrern. Das ist ganz normal. Gerade, wenn es zum letzten Rennen geht. Da kann man nicht erwarten, dass man sich vor dem Rennen nochmal umarmt. Da merkt man schon, dass kurz vorher jeder seinen eigenen Weg geht. Im Endeffekt geht es um Alles. Deshalb kann man schon verstehen, dass die Fahrer in ihrer eigenen Welt leben und sich voneinander abschotten. Aber danach, jetzt vor der Saison, ist alles so, wie es immer war. Alle gehen kameradschaftlich miteinander um und reden offen miteinander."

Frage: "Wie war die Reaktion der anderen Fahrer, als Sie in die DTM gekommen sind? Gab es jemanden, der Sie nicht ernst genommen hat und Ihnen nicht viel zugetraut hat als DTM-Rookie?"
Rast: "Ich denke, es ist ganz normal, wenn man als Neuling in eine Serie kommt, dass man von den anderen nicht so wahrgenommen wird, dass man um die Meisterschaft fahren kann. Das habe ich auch schon oft erlebt in den Meisterschaften, in denen ich dominiert habe. Als da jemand neu kam, der musste sich erstmal anpassen. Genauso war es bei mir auch. Ich musste mich auch erst einmal anpassen und habe versucht, mir in der Serie Respekt zu verschaffen - durch gute Leistung. Und das Thema war nach dem ersten, zweiten Rennwochenende relativ schnell gegessen. In Hockenheim stand ich an meinem ersten Wochenende in der ersten Startreihe und am zweiten Wochenende stand ich das erste Mal auf dem Podium. Da hat man sich relativ schnell Respekt verschafft bei den Gegnern."

Frage: "Sie sind früher bei der Audi-Sichtung für die DTM durchgefallen. Ist es jetzt eine Genugtuung für Sie, dass Sie den anderen sagen können: Ich habe es geschafft und bin sogar Meister geworden!"
Rast: "Eigentlich habe ich wenig daran gedacht. Natürlich überlegt man im Nachhinein, was damals falsch gelaufen ist und warum ich nicht genommen wurde. Darüber habe ich schon nachgedacht und das kann man relativ leicht erklären. Ich denke, dass die Verantwortlichen damals einfach nach ihrem besten Wissen gehandelt haben und in dem Moment einfach kein Risiko eingehen konnten. Bei diesen Sichtungen sieht man nur eine Momentaufnahme von einem Fahrer. Man sieht ihn nur für zwei oder drei Stunden und dann ist schon der nächste Fahrer dran. So eine kurze Momentaufnahme zeigt nicht das ganze Potenzial eines Fahrers, so wie es bei mir vielleicht erst der Fall ist, wenn ich mich mit der Materie auseinandersetze und entwickle. Manche sind da ein bisschen schneller und können das volle Potenzial schneller zeigen. Ich bin vielleicht etwas langsamer, aber dafür dann halt intensiver später raus. Ich denke, dass die Verantwortlichen damals nach bestem Wissen gehandelt haben und man niemandem einen Vorwurf machen kann. Vielleicht war es sogar positiv für mich, dass ich ein bisschen mehr Zeit hatte, um zu reifen und mehr zu lernen vorher."

Frage: "Sie sind relativ schnell vom Formelsport zu den Tourenwagen gewechselt. War die Formel 1 jemals ein Ziel für Sie?"
Rast: "Als junger Bursche natürlich schon. Als ich Formel gefahren bin, war die Formel 1 natürlich das Ziel. Aber dann hat man relativ schnell gemerkt, dass die Formel 1 mit wenig Budget außer Reichweite ist. Und dann mussten wir schnell umdenken und haben an den Tourenwagenbereich gedacht. In Endeffekt war es auch der richtige Schritt."

Frage: "Sie sind im Porsche-Supercup im Rahmenprogramm der Formel 1 gefahren. Hat es Sie nicht gejuckt, in die Boxen reinzuschauen und dort mitzufahren?"
Rast: "Doch klar! Es wäre nicht richtig, wenn ich das verneinen würde. Natürlich schaut man auf die Formel 1 und man möchte das Auto gerne mal fahren. Ich habe auch nach dem DTM-Titel gesagt, dass ich gerne mal so ein Auto testen möchte um zu sehen, wie das Auto fährt. Ich habe immer noch den Wunsch, dass ich mich mal reinsetzen und ein paar Runden drehen darf. Aber nicht, als Rennfahrer in dem Sinne, sondern eher als jemand, der das Auto mal erleben möchte - als normaler Mensch. Nicht, um Rennen zu fahren."

Frage: "In der Formel BMW sind Sie gegen Sebastian Vettel gefahren? Wie war Ihr Verhältnis zu ihm damals? Sind Sie noch mit Vettel in Kontakt?"
Rast: "Unser Verhältnis war damals gut. Wir haben unsere ganze Kindheit und Jugend zusammen verbracht und haben zusammen im Kartsport angefangen - in der kleinsten Klasse, der Bambinis. Dann sind wir zusammen zu den Junioren und dann in die Formel BMW. Wir hatten immer ein enges und gutes Verhältnis. Als er in die Formel 1 kam und ich im Supercup war, haben wir uns noch öfter getroffen und gesehen. Aber als ich dann das Formel-1-Umfeld verlassen habe, ist es relativ wenig geworden. Mittlerweile haben wir keinen Kontakt mehr, weil wir zu unterschiedliche Wege gegangen sind und auch beide wahrscheinlich viel zu viel um die Ohren haben."

Frage: "Hat er Ihnen zum Titelgewinn in der DTM gratuliert?"
Rast: "Er war an diesem Tag sogar in Hockenheim und ich habe ihn kurz gesehen."

Frage: "2015 waren sie als Audi-Werksfahrer in der WEC und in Le Mans. Kann man sagen, dass Sie damals am Ziel Ihrer Träume waren?"
Rast: "Es war mit Sicherheit eines meiner großen Ziele, die ich immer hatte und auch eines der schönsten Erlebnisse - ein großes Highlight in meiner Karriere. Ich bin dankbar, dass ich es ein Jahr miterleben durfte. Davon träumt jeder Rennfahrer - in einem so großen Programm und Rennen dabei zu sein."

Frage: "Wie war es für Sie, als Sie vom Audi-LMP1-Rückzug erfahren haben? Kurz vor Ihrem Geburtstag. Sind Sie danach in ein Loch gefallen?"
Rast: "Es war sogar an meinem 30. Geburtstag, das war kein schöner Geburtstag, als ich den Anruf bekommen habe. Da fällt man natürlich in ein Loch. Das war sehr traurig für alle Beteiligten. Man musste sich schnell wieder aufrappeln und nach Alternativen suchen. Audi war so lange im Langstreckenbereich in der LMP1 unterwegs. Wenn man so einen Anruf bekommt, kann man wohl nachvollziehen, dass dieser Traum, dieses Rennen zu gewinnen, relativ schnell geplatzt ist und es sehr ernüchternd war."

Frage: "Haben Sie nach diesem Rückschlag mit dem Gedanken gespielt, den Helm an den Nagel zu hängen und mit dem Rennfahren aufzuhören?"
Rast: "Soweit war es zum Glück noch nicht. Es gab noch genug Alternativen. Ich habe nicht an einen Rücktritt gedacht. Wir haben das eine Jahr gut überbrückt und dann zum Glück den Platz in der DTM bekommen. Was passiert ist, ich denke, das war alles gut so, wie es für mich gelaufen ist mit der DTM."

Frage: "Mattias Ekström bekommt in Hockenheim ein Abschiedsrennen. Wenn Sie eines Tages - der vermutlich noch in weiter Ferne ist - Ihre Karriere beenden, wie würden Sie sich verabschieden wollen: Heimlich, still und leise oder mit einer großen Show?"
Rast: "Um ehrlich zu sein, habe ich noch nie daran gedacht. Es ist schwer zu sagen. Dafür habe ich noch keine Pläne und das muss man auch situationsbedingt entscheiden, wenn es dann mal soweit ist."

Frage: "Haben Sie einen Traum im oder außerhalb des Motorsports, den Sie sich gerne erfüllen möchten?"
Rast: "Ich würde gerne noch Le Mans gewinnen. Ich würde auch gerne noch in Daytona gewinnen, den Gesamtsieg. Aus privater Sicht bin ich mega glücklich. Ich habe alles, was ich brauche. Es gibt keine Wünsche. Nur, dass alle gesund und glücklich sind, und dann ist alles gut."

Frage: "Wie findet Ihr Sohn es, dass sein Papa ein Champion ist? Spielt er zuhause mit dem Pokal oder bekommt er das noch nicht so richtig mit?"
Rast: "Das bekommt er noch nicht mit, zum Glück. Er spielt lieber mit dem Traktor und dem Bagger. Das ist eher an der Tagesordnung und weniger die Rennautos. Ich bin ganz froh, dass es noch nicht so ganz in seinem Kopf angekommen ist."

Frage: "Sie fahren in diesem Jahr nicht mit der Startnummer 1 des Champions, sondern weiterhin mit der 33. Warum haben Sie sich gegen die 1 entschieden?"
Rast: "Zum einen, weil die Startnummern zum Erkennungsmerkmal der Fahrer geworden sind. Dafür wurden sie eingeführt, dass die Fahrer anhand ihrer Startnummer erkannt werden. Die 33 gehört einfach zu mir und die möchte ich nicht mehr abgeben. Sie hat mir im vergangenen Jahr Glück gebracht und wurde mein Erkennungsmerkmal. Die Fans können mich dadurch identifizieren. Das war der eine Punkt. Außerdem hat die 1 Marco Wittmann in der Vergangenheit auch kein Glück gebracht, hat er gesagt. Deshalb dachte ich, probiere ich es gar nicht erst, sondern bleibe bei der 33."

 

Einen Kommentar schreiben
Kommentare anzeigen
Über diesen Artikel
Rennserien DTM
Fahrer René Rast
Artikelsorte Interview
Tags audi, dtm, rene rast, rosberg, vettel