"Soll kein Autoscooter werden": DTM-Crashfestival sorgt für Diskussionen

Das DTM-Sonntagsrennen auf dem Nürburgring wurde von Crashes bei den Re-Starts geprägt: Ist die Gangart zu hart geworden oder tut die Action der Serie gut?

"Soll kein Autoscooter werden": DTM-Crashfestival sorgt für Diskussionen

Das DTM-Sonntagsrennen auf dem Nürburgring erinnerte zweitweise eher an ein Destruction-Derby als an ein Autorennen: Vor allem nach dem Rennstart und den zwei Re-Starts flogen die Fetzen - und insgesamt schieden neun von 23 Piloten aus - sieben davon wegen Unfallschäden. Trotz des Spektakels gab es nach dem Rennen auch kritische Worte.

"Wir wollen harte Zweikämpfe sehen, aber die DTM sollte kein Autoscooter werden", meinte Abt-Sportdirektor Thomas Biermaier, dessen Piloten Kelvin van der Linde und Mike Rockenfeller nach dem zweiten Re-Start Opfer von AF-Corse-Ferrari-Pilot Liam Lawson wurden.

"Das Niveau sinkt immer mehr, muss ich sagen", stimmt Rockenfeller seinem Chef zu. "Die fahren mittlerweile bei den Re-Starts wirklich kreuz und quer und drunter und drüber. Generell im Feld. Es gibt sehr viel durcheinander. Es scheppert wirklich überall - neben einem, ins Auto, hinten drauf."

Ellis wundert sich über Lawson: "Hat er keine Spiegel?"

Dass dies Teil des Spektakels ist, ist dem Routinier bewusst. "Aber wenn du so aus dem Rennen genommen wirst wie ich und Kelvin, dann ist das nicht mehr nur hart."

Tatsächlich gab es nach den Starts zahlreiche Zwischenfälle: Und vor allem AF-Corse-Ferrari-Pilot Liam Lawson war immer wieder darin verwickelt. Beim Start ins Rennen, der in der DTM seit diesem Jahr in engen Zweierreihen durchgeführt wird, prallte zunächst Winward-Mercedes-Pilot Lucas Auer mit Abt-Ersatzmann Markus Winkelhock zusammen, wodurch der seine Spiegel verlor, ehe Lawson Auers Teamkollege Philip Ellis in der Bilstein-Kurve von der Strecke drückte.

"Leider scheint der Ferrari keine Spiegel zu besitzen", übt auch Ellis, der einen Teil seiner Verkleidung verlor, Kritik am Neuseeländer. Das Safety-Car forderte aber wenige Sekunden später GetSpeed-Mercedes-Pilot Arjun Maini heraus: Nachdem ihm Markenkollege Maxi Buhk in der Ziekurve ins Heck gefahren war, schob ihn der Inder bei Start-Ziel in die Mauer.

Zahlreiche Kollisionen gleich nach Re-Starts

Der Mücke-Mercedes war vorne rechts komplett zerstört, Maini erhielt nachträglich für sein "gefährliches Manöver" eine 30-Sekunden-Strafe. Beim Re-Start krachte es dann zwischen BMW-Pilot Marco Wittmann und RSS-Porsche-Gastfahrer Michael Ammermüller in der Mercedes-Arena, ehe HRT-Mercedes-Pilot Maximilian Götz den 911 GT3 R von hinten anschubste und in einen Dreher zwang.

Wegen des Getümmels vor ihm musste Toksport-WRT-Mercedes-Pilot Luca Stolz plötzlich bremsen - Ellis konnte nicht mehr ausweichen und fuhr auf. Erneut krachte es, beide mussten ihre Autos wenig später abstellen. Auer und T3-Lamborghini-Pilotin Esmee Hawkey drehten sich wenig später ohne Fremdeinwirkung.

"Fahrer haben wild und undiszipliniert agiert"

Und beim zweiten Re-Start fuhr zunächst Ammermüller Rowe-BMW-Pilot Sheldon van der Linde ins Heck, wodurch das Rennen für beide beendet war. Und dann kam es zum umstrittenen Harakiri-Manöver durch Lawson, der beide Abt-Audi-Piloten aus dem Rennen räumte.

Maximilian Buhk

Buhk schleppt den zerstörten AMG nach Mainis Attacke durch die Mercedes-Arena

Foto: Motorsport Images

Rosberg-Audi-Ersatzmann Christopher Haase, der eigentlich im ADAC GT Masters startet, fällt auf: "Ich muss sagen, dass die Fahrer teilweise sehr wild und undiszipliniert agiert haben." Und auch Winward-Mercedes-Teamchef Christian Hohenadel übt Kritik: "Wir alle lieben hartes Racing, aber das heute war sicherlich etwas zu viel."

Aber es gibt auch Piloten, die der Action nach den Starts Positives abgewinnen können. Zum Beispiel Walkenhorst-BMW-Pilot Wittmann, der beim zweiten Re-Start von Platz 13 auf Platz sechs nach vorne kam. "Das war das größte Durcheinander, das ich in der DTM je mitgemacht habe", sagt er. "Ich glaube, ich habe in einer Runde sieben Autos überholt. Das war unglaublich."

Wittmann: "Das größte Durcheinander meiner DTM-Karriere"

Für Wittmann war das durchaus unterhaltsam: "Es hat unheimlich Spaß gemacht, aber ich muss sagen, mir ist auch ein wenig die Düse gegangen, weil wir sind in Kurve 1 mit fünf Autos nebeneinander gefahren. Und ich war so mittendrin, ich hatte nur die Hoffnung: nicht crashen, keinen Kontakt."

Der Routinier weiß, dass sich der positive Ausgang auf seine Meinung auswirkt. "Re-Starts sind normalerweise zwar eng und brenzlig, aber heute war es ein bisschen verrückt. Im Nachhinein hat es Spaß gemacht, weil wir es überlebt haben."

Wittmann sieht Layout als Ursache

Aber woran liegt es, dass in der DTM auf dem Nürburgring so hart gefahren wurde und es öfter krachte, als es in der Traditionsserie üblich ist? "Das Streckenlayout lädt ein bisschen dazu ein, vor allem bei den Re-Starts in Kurve 1, dieser engen Haarnadel, aber auch in den Kurven 2 und 3", sieht Wittmann den Grund in den Kurven in der Mercedes-Arena.

Nürburgring

In der Mercedes-Arena sind verschiedene Linienführungen möglich

Foto: DTM

"Die laden zu verschieden Linien und Herangehensweisen ein. Man kann durch mehrere Kurven nebeneinander fahren. In Zolder oder ein paar anderen Strecken ist das nicht möglich. Es kommt also auch auf das Strecken-Layout an. Das hat es heute zeitweise ein bisschen wild und schmutzig gemacht. Aber so lange es fair bleibt und wir nur ein paar Seitenkontakte hier und da haben, macht das die DTM und den Tourenwagensport aus."

Dazu kommt, dass der Indianapolis-Re-Start, der seit dieser Saison DTM Formation Start genannt wird, das Feld noch enger zusammenbringt. "Die neuen Starts machen so viel Spaß in der DTM", findet GruppeM-Mercedes-Pilot Daniel Juncadella, der am Ende hinter Alex Albon Zweiter wurde. "Jedes Mal sind alle so nah dran, das ist komplettes Chaos."

Albon: "Sollten Fahren nicht überregulieren"

Und auch Sieger Albon spricht sich klar dagegen aus, dass die Rennleitung härter durchgreift, um für mehr Ordnung im Feld zu sorgen. "Ich wurde gestern auch umgedreht, und natürlich geht es aggressiv zu", sagt der Thailänder. "Das mag ich aber. Ich denke, wir sollten das Fahren nicht überregulieren."

Das hebe die DTM von anderen Rennserien ab, meint der ehemalige Formel-1-Pilot. "Gerade bei den Re-Starts kann es passieren, dass diejenigen außerhalb der Top 10 vielleicht nicht gerade verzweifelt, aber sehr erpicht darauf sind, nach vorne zu kommen", führt Albon die harte Gangart bei den Re-Starts auch darauf zurück, dass sie eine von wenigen Chancen darstellen, ordentlich Boden gutzumachen.

"Auf den Position sieben bis 14 geht es dabei sehr erbittert zu. Wenn man da drin steckt, ist es sehr schwierig. Ich will aber nichts daran ändern. Es macht Spaß und ist interessant. Man muss halt in seine Spiegel schauen."

Mit Bildmaterial von DTM.

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