Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: BMW
Auch abgesehen vom Crash von Kelvin van der Linde wurde BMW beim Norisring-Heimspiel arg gebeutelt: Warum tut sich der BMW M4 GT3 2026 so schwer?
BMW-Motorsportleiter Andreas Roos: Warum läuft es mit dem M4 GT3 nicht?
Foto: BMW AG
Liebe Leserinnen und Leser,
Rene Rast war am Norisring erstmals seit dem Rücktritt beim bitteren Titelfinale 2025 bei der DTM vor Ort. Und es würde mich nicht wundern, wenn der erfolgreichste DTM-Pilot der aktuelleren Ära froh darüber war, dieses Jahr nicht im Schubert-BMW zu sitzen. Allerdings nicht, weil sein M4 GT3 Evo bei einem Horrorcrash heftig getroffen wurde - und Freund und Nachfolger Kelvin van der Linde ins Krankenhaus musste und am Sonntag nicht fahren konnte.
Sondern weil BMW beim Bayern-Heimspiel trotz Toppiloten im Cockpit chancenlos war, während es für Rast im BMW-Hypercar-Programm, auf das er sich 2026 konzentriert, aufwärts geht: Auch wenn aus dem erträumten Le-Mans-Sieg knapp nichts wurde, fährt der 39-Jährige dieses Jahr in der WEC um den Titel - und holte in Spa nach harten Jahren den ersten Sieg.
Das Norisring-Wochenende war hingegen ein weiterer Tiefschlag für den BMW M4 GT3, mit dem 2026 nicht viel geht: Trotz großer Erwartungen - der Frontmittelmotor-Bolide aus München fuhr 2023 und 2024 insgesamt zwei Siege und drei zusätzliche Podestplätze im "fränkischen Monaco" ein - gab es zwei Ausfälle, einen Totalschaden, einen verletzten Fahrer und einen zehnten Platz durch Lokalmatador Marco Wittmann.
Empfindlicher Dämpfer im DTM-Titelkampf
Vor allem im Qualifying waren die BMW-Boliden mit Platz 17 für van der Linde am Samstag und zwei 18. Plätzen für Wittmann im absoluten Nirgendwo. Besonders bitter war all das für Wittmann und dessen Partner Schaeffler, die beiden aus der Region stammen: Statt dem anvisierten zweiten Heimsieg seit 2018 und der Party in Grün verlor der Fürther in der Gesamtwertung empfindlich an Boden.

Schwierige Ausgangslage: Wittmann startet am Sonntag vom Ende des Feldes
Foto: ADAC Motorsport
Weil die direkten Rivalen in Nürnberg die "big Points" holten, hat der Fünftplatzierte nun bei Saison-Halbzeit statt sieben Punkten satte 40 Zähler Rückstand auf DTM-Leader Nicki Thiim. Kelvin van der Linde, der sich nach einem Jahr DTM-Auszeit beim Schubert-Team rasch zurechtfand und mit zwei Poles und einem Sieg seinen Speed zeigte, fehlen bereits 63 Punkte. Er muss das Unfalldrama nun möglichst schnell aus dem Kopf kriegen und fit werden.
Und in der zweiten Saisonhälfte kommen nun erst die Strecken, die für den langen BMW M4 GT3 Evo Gift sind - wie das Schubert-Heimspiel in drei Wochen in Oschersleben und der Sachsenring, auf dem man sich jedes Jahr schwertut.
Was wurde aus dem früheren Topspeed-Wunder?
Aber woran liegt die BMW-Schwäche? Beim Schubert-Team macht man ganz klar die Balance of Performance (BoP) verantwortlich. Trotz eines am Norisring geringfügig verbesserten Ladedrucks von Samstag auf Sonntag fehlte es dem M4 GT3 Evo, der die Rundenzeit auf den Geraden holt, auch am zweiten Renntag an Topspeed.
Das zeigt das Qualifying: Mit 251,49 km/h war der BMW hinter Ford (256,89 km/h), Ferrari (255,67), McLaren (254,46) und Mercedes-AMG (252,67) nur das fünftschnellste von acht Autos. Und auch bei den bisherigen DTM-Rennen tat sich der BMW schwerer als in den vergangenen Jahren.
Auffällig: Nicht nur in der DTM läuft es dieses Jahr mit dem 2022 eingeführten Frontmittelmotor-Boliden nicht, sondern auch in den SRO-Serien wie der GT-World-Challenge Europe (GTWCE) oder beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, wo man 2025 große Siege einfuhr.
Retourkutsche für "Zauber-Mapping"?
Ist das die Retourkutsche der BoP-Verantwortlichen für die Vorwürfe aus dem Vorjahr, wonach BMW - Zitat Daniel Abt - ein "Zauber-Mapping" habe? Oder der BMW eine "extreme überraschende Beschleunigungsfähigkeit" aufweise, wie Manthey-Geschäftsführer Nicolas Raeder beim DTM-Finale 2025 nach den Vorwürfen der "Grello"-Piloten beim 24h-Rennen nachlegte?
Dafür gibt es keinerlei Beweise, aber es ist interessant, dass die Performance des BMW M4 GT3 2026 ausgerechnet bei diesen Events zu wünschen übriglässt. "Diese Situation ist unhaltbar geworden und wird nicht ohne Folgen bleiben", platzte Vincent Vosse, der das belgische BMW-Topteam WRT in der GTWCE führt, nach den 24 Stunden von Spa der Kragen.
Neuer Turbolader könnte Rolle spielen
Vielleicht ist die Erklärung aber auch viel einfacher: Der BMW M4 GT3 Evo musste 2026 auf Forderung der FIA mit einem neuen Turbolader ausgestattet werden - und der bedeutet auch für die BoP-Verantwortlichen Neuland. Man versucht zwar, den Ladedruck-Verlauf des bisherigen Modells exakt nachzubilden, das ist aber durchaus eine Herausforderung.
Und auch der Hersteller muss über die Applikation erst lernen, an die absolute Leistungsgrenze zu gehen, ohne sogenannte Overboosts zu riskieren, die zur Disqualifikation führen. Wie man hört, ist BMW diesbezüglich technisch außergewöhnlich gut - und zwar auch mit dem neuen Turbolader.
Möglicherweise wollen die BoP-Verantwortlichen BMW bei der Einstufung des neuen Turboladers aus der Reserve locken - und zu verhindern, dass man irgendwo doch noch Leistung zurückhält, die man anzapfen könnte, wenn es ans Eingemachte geht. Diesen Verdacht hatte 2025 - Stichwort 24h-Rennen und DTM-Finale in Hockenheim - zumindest die Konkurrenz, während es 2026 bisher ruhig bleibt.
Wie lange schaut Schaeffler zu?

Auch die "Green Wall" von Schaeffler brachte Marco Wittmann nicht nach vorne
Foto: ADAC Motorsport
Das wäre allerdings ein gefährlicher Grenzgang, denn die Motorsport-Programme der Hersteller stehen in der Krise der deutschen Autoindustrie auf dem Prüfstand. BMW-Motorsportleiter Andreas Roos und M-GmbH-Chef Frank van Meel haben vor einem Jahr erkämpft, dass die BMW-Einsätze auf dem aktuellen Niveau über mehrere Jahre weitergeführt werden können, doch in der DTM wartet man seit Sheldon van der Linde 2022 auf einen Titel.
Und die Frage ist auch, wie lange Sponsoren wie Schaeffler, die als BMW-Partner einen wichtigen Teil zum DTM-Budget des Schubert-Teams beitragen, noch zuschauen. Denn gerade beim Heimspiel in Nürnberg waren wichtige Entscheidungsträger des Automobil- und Industriezulieferers, der tausende Stellen abbauen muss, vor Ort.
Wie erklärt man ihnen, dass die "Green Machine" trotz eines zweimaligen Champions im Cockpit am Ende des Feldes steht?
Sven Haidinger
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