Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Sheldon van der Linde

Eigentlich wollte sich GT3-Profi Sheldon van der Linde 2021 als BMW-Spitzenreiter etablieren, doch Wittmann stiehlt ihm die Show: Wieso er im Schatten steht

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Sheldon van der Linde

Liebe Leserinnen und Leser,

der erst 22-jährige Südafrikaner Sheldon van der Linde wollte dieses Jahr weiterführen, was er im Vorjahr begonnen hatte: Und zwar, sich im BMW-Werkskader als klare Speerspitze zu etablieren. Da kam ihm der Wechsel der DTM von den Class-1- auf die GT3-Boliden gerade recht, denn im Gegensatz zu Timo Glock und Marco Wittmann ist der Youngster durch seine Zeit im ADAC GT Masters ein absoluter GT3-Spezialist.

Doch während Marco Wittmann trotz Platz zwei in Spielberg Frust schob und um den Titel kämpft, kann Sheldon van der Linde von der DTM-Krone aktuell nur träumen. Er liegt mit gerade mal etwas mehr als einem Drittel von Wittmanns Punkten abgeschlagen auf dem elften Platz in der Meisterschaft.

Und muss zusehen, wie sein älterer Bruder und WG-Kollege Kelvin van der Linde im DTM-Premierenjahr in Führung liegt.

"Bin ich frustriert? Mehr als ihr euch vorstellen könnt"

Dabei wollte Sheldon van der Linde auf dem Red-Bull-Ring, der dem M6 GT3 liegt, eigentlich groß zuschlagen. "Es ist die Strecke, auf die wir uns das ganze Jahr über gefreut haben, und wahrscheinlich unsere größte Chance, zu gewinnen", hatte er noch vor wenigen Tagen angekündigt. Die Ausbeute? Dritter Ausfall in Folge, null Punkte!

Im ersten Rennen wurde er nach Startplatz vier Opfer eines seitlichen Zusammenpralls mit HRT-Mercedes-Pilot Vincent Abril. Dabei ging die linke Vorderrad-Aufhängung zu Bruch. "Bin ich frustriert? Mehr als ihr euch vorstellen könnt. Werde ich aufhören zu lächeln? Niemals!", übte er sich auf 'Instagram' noch in Durchhalteparolen, nachdem er minutenlang mit gesenktem Haupt auf einer Bank gesessen war.

Götz: Van der Linde am Sonntag zu aggressiv?

Die Revanche gelang zunächst mit Startplatz drei, doch dann war das Rennen erneut nach wenigen Runden wegen eines Reifenschadens vorbei. "Er hat jeden Randstein mitgenommen", fällt seinem Duellgegner Maximilian Götz auf. "Ich denke, das war die Konsequenz."

Doch van der Linde will davon nichts wissen. "Ich habe jetzt zum dritten Mal in Folge die Chance auf ein Podium verloren, ohne dass ich etwas dafür konnte. Das ist echt hart. Vor dem Reifenschaden am Sonntag hatte es weder einen Kontakt noch eine Fahrt über die Kerbs gegeben." Stattdessen sei ein zu niedriger Reifendruck die Ursache für den Ausfall gewesen. "Ich finde kaum Worte dafür, wie groß meine Enttäuschung ist", so der Youngster.

Sheldon van der Lindes Seuchenjahr

Interessant ist, dass van der Linde auch vor zwei Wochen am Nürburgring nach einem seitlichen Zusammenprall, damals mit Porsche-Gaststarter Michael Ammermüller, ausgeschieden war. Und auch da die linke Aufhängung nach einem heftigen Stoß kaputtging.

Dreimal in Folge schied van der Linde also in aussichtsreichen Positionen aus. Und seinem ersten Podestplatz in dieser Saison fährt der Südafrikaner nach wie vor hinterher, nachdem er auf dem Lausitzring nach der Pole und der langen Führung eine Fünf-Sekunden-Strafe erhielt, die ihn von Platz drei auf Platz neun zurückwarf. Der Fehler lag nicht in seinem Bereich: Der Lollipop-Mann war mit einem Fuß unerlaubterweise in der Fastlane gestanden.

Aber auch all das Pech kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Walkenhorst-Truppe mit Marco Wittmann im ersten DTM-Jahr bislang eine bessere Figur macht als van der Lindes Rowe-Truppe. Und das, obwohl das Team von Hans-Peter Naundorf vor allem beim 24-Stunden-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife Jahr für Jahr seine Klasse zeigt.

Warum Rowe im Schatten von Walkenhorst steht

Woran das liegt? Es könnte mit der Personalaufstellung zu tun haben. Denn dem Team von Henry Walkenhorst, das von Niclas Königbauer geleitet wird, sind bei der Formierung des DTM-Projekts  hervorragende Schachzüge gelungen: Vor der Saison holte man den französischen Renningenieur Marc Giannone an Bord, der bis Ende 2018 in der DTM bei den BMW-Werksteams MTEK und RBM gearbeitet hat und alle Abläufe der Traditionsserie kennt.

Zuletzt wollte er aus familiären Gründen etwas kürzer treten und unterstützte das starke Audi-Kundenteam WRT 2020 in der DTM, ehe er bei Walkenhorst anklopfte. Für die Langstrecken-Truppe aus Melle, die auf Anhieb schnelle Stopps machte, ist das Know-how des in den Niederlanden lebenden Ingenieurs aus rund einem Jahrzehnt DTM-Erfahrung Goldes wert.

Ex-BMW-Motorsport-Ingenieur verstärkt Wittmann-Team

Und dann wäre da noch der in der Branche hochangesehene Ex-BMW-Motoreningenieur Stefan Zauner-Lock. Der Österreicher arbeitete jahrelang bei BMW Motorsport über einen Personaldienstleister. Da aber zahlreiche Mitarbeiter, die über keine feste Anstellung verfügen, zuletzt in München gehen mussten war Zauner-Lock plötzlich verfügbar.

Walkenhorst hat zwar keinerlei Zugriff auf die Motoreneinstellungen des Turbo-Boliden, da all das über einen BMW-Supportingenieur läuft, doch der eigentlich in Wien lebende Zauner-Lock ist ein absoluter Kenner des M6 GT3 - und ist bekannt dafür, bei der Datenanalyse einen besonders scharfen Blick zu haben.

Somit hat sich das Team gerade in jenen Bereichen verstärkt, in denen man sonst Schwächen gehabt hätte. Und mit Wittmann verfügt man auch über einen hervorragenden Piloten, der seinen dritten DTM-Titel endlich einfahren will.

Ein Jahr nach Assen-Sternstunde: Platzt endlich der Knoten?

Aber hat van der Linde damit auf das falsche Pferd gesetzt? Das wäre eine verfrühte Annahme, denn auch Hans-Peter Naundorf ist für seinen Ehrgeiz bekannt. Bei den Boxenstopps, die inzwischen auf Walkenhorst-Niveau sind, machte man zuletzt Fortschritte. Und auch die Tatsache, dass das Space-Drive-System bei Timo Glock diese Saison nicht mehr zum Einsatz kommt, sollte die Aufgabe einfacher machen, da nun beide Autos gleich sind.

Kann sich der schnelle Mann aus Kapstadt, der in Kempten lebt und hervorragend Deutsch spricht, 2021 noch mal an die Spitze kämpfen? Durchaus, denn auch der Kurs in Assen mit seinen schnellen Kurven könnte dem M6 GT3 liegen.

Und für den Südafrikaner ist er definitiv ein guter Boden, denn dort feierte er im Vorjahr seinen ersten DTM-Sieg. Obwohl es davor düster ausgesehen hatte: Der Himmel war voller schwarzer Gewitterwolken, der BMW schien nicht konkurrenzfähig und van der Linde stand nur auf Startplatz 14. Die Hoffnung lebt also!

Sven Haidinger

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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