Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Thomas Preining
Thomas Preinings Sachsenring-Kollisionen sorgen für Wirbel: Wieso der "Grello"-Pilot so aggressiv fährt, wie groß der Schaden ist und wem er jetzt zuhören sollte
Doppeltes Blackout? Thomas Preining kollidierte zweimal im Kampf um den Sieg
Foto: Gruppe C Photography
Liebe Leserinnen und Leser,
was ist bloß in Thomas Preining gefahren? Das dachten sich nach seinen zwei Kollisionen mit Titelrivalen beim DTM-Wochenende auf dem Sachsenring wohl viele Zuseher, wenn man die Userkommentare durchliest. "Grello-Style", liest man da als Anspielung auf das 24-Stunden-Rennen 2025 und Kevin Estres umstrittenen Crash. "Brechstange raus und Strafe kassieren." Oder: "Ohne Kontakt kann der doch nicht überholen".
Und auch der Vergleich mit Max Verstappen taucht auf: "Viel zu viel riskiert und auf das 'Mitspielen' des Konkurrenten gehofft. So geht das einfach nicht!" Tatsächlich hat sich der DTM-Champion des Jahres 2023 mit seinen zwei Kollisionen im Kampf um den Sieg selbst den größten Schaden zugefügt.
Am Samstag schien der Sieg nach einer furiosen Aufholjagd bereits sicher, als er in der Zielkurve auf der teils feuchten Strecke einen Fahrfehler beging und dann um jeden Preis Jordan Peppers Überholversuch abwehren wollte. Er schob den Lamborghini nach außen - Manthey-Teamkollege Ayhancan Güven staubte ab, Preining wurde nur Vierter.
Erst harte Selbstkritik, dann wenig Einsicht
Am Sonntag war der "Grello"-Pilot ebenfalls schneller als Leader Jack Aitken - und erneut wurde ihm die erste Kurve zum Verhängnis: Der Emil-Frey-Ferrari-Pilot deckte zunächst innen ab, doch Preining vollzog trotzdem eine seiner berühmten "Divebombs" und traf den Ferrari mit massivem Speed-Überschuss rechts hinten, wodurch dieser im Kies landete.
Während der 27-jährige Österreicher am Samstag noch mit überraschend selbstkritischen Aussagen beeindruckt hatte, hielt er die Strafe (drei Penalty-Laps, was 15 Sekunden entspricht) am Sonntag für "unfair", obwohl er als Zehnter sogar vor Aitken (Platz 15) ins Ziel kam.
Ursache: Der Ferrari-Pilot habe ihm keinen Platz gelassen. "Sobald ich mich auf der Bremse daneben setze, bin ich im ABS, und komme aus der Aktion nicht mehr raus. Das hat schon hunderte Male funktioniert", argumentiert er.
Warum die Schuldfrage eindeutig ist
Auch wenn Preinings Rechtfertigung bei vielen Usern nicht gut ankam, hat er recht: Er konnte die Kollision tatsächlich nicht mehr vermeiden. Nur: Das ist das Risiko, das du bei einem Harakiri-Manöver wie diesem eingehst. Du bist darauf angewiesen, dass der Vordermann mitspielt.
Und nur, weil die meisten Piloten zurückziehen, wenn Preining reinsticht, heißt das noch lange nicht, dass sich die Konkurrenz in Luft auflösen muss. Denn die DTM-Regeln sind klar: Solange du beim Einlenken nicht mit der Nase auf Höhe der Mittelachse des Vordermannes bist, gehört ihm die Kurve. Für Renndirektor Sven Stoppe war die Schuldfrage daher eindeutig.
Wieso Preining den höchsten Preis zahlt
Auch wenn Preining meint, Aitken habe für seine Gegenwehr einen "großen Preis" gezahlt, war seiner noch viel höher: Denn ohne die zwei Fehler am Wochenende hätte der Porsche-Werksfahrer vermutlich einen zweiten Platz am Samstag und einen Sieg am Sonntag eingefahren und 24 Punkte mehr auf dem Konto. Das wäre vor dem Spielberg-Heimspiel die Tabellenführung oder zumindest Platz zwei.
So muss er aber abgesehen von den mentalen Spuren, die so ein Rückschlag hinterlässt, nun teamintern auch gegen Ayhancan Güven kämpfen, der nach seinen zwei Sachsenring-Siegen massiven Aufwind hat und in der Meisterschaft als Dritter plötzlich neun Punkte vor dem fünftplatzierten Preining liegt.

Man der Stunde in der DTM: Preinings Manthey-Teamkollege Ayhancan Güven
Foto: Alexander Trienitz
Und: Der Türke reist mit vier DTM-Siegen - alle in dieser Saison eingefahren - zwar mit Erfolgsballast, aber auch entsprechend breiter Brust zum Preining-Heimspiel in Spielberg.
Der Versuch einer Erklärung für die Brechstange
Aber warum packte Preining auf dem Sachsenring so sehr die Brechstange aus? Um das nachvollziehen zu können, muss man möglicherweise etwas weiter ausholen. Denn nach Preinings DTM-Titel im Jahr 2023 wurde die Manthey-Truppe im Jahr der Titelverteidigung wegen zu hoher Kurvengeschwindigkeiten durch eine von der Balance of Performance vorgegebene Änderung des Bodenabstands an der Vorderachse eingebremst.
Manthey hatte Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen, wodurch der erfolgshungrige Preining ein zähes Jahr erlebte. Die Durststrecke nagte merkbar an seinem Nervenkostüm: Trotz kämpferischer Leistungen auf der Strecke wirkte der Titelverteidiger gegenüber Medien oft lustlos. Doch 2025 ist Preinings Ausstrahlung wieder deutlich positiver - auch weil er vermutlich merkt, dass da was geht im Titelkampf!
Auf dem Sachsenring passte dann auch die Einstufung des Porsche. Preining, der gerne eine Titelrechnung macht, sah wohl die Gelegenheit, sich die perfekte Ausgangsposition für die verbleibenden zwei Wochenenden im Titelkampf zu verschaffen. Aber so gut der leichte Porsche in den Kurven und bei der Beschleunigung ist, belegt er beim Topspeed immer die hinteren Ränge.
Das zwingt Preining dazu, möglichst spät zu bremsen und zu hoffen, dass dann alles gutgeht. Der "Grello"-Pilot hat diese Fahrweise im Vorjahr perfektioniert, was ihn für viele zum "besten Überholer der DTM" macht.
Als ich ihn vor einem Jahr in Spielberg darauf angesprochen habe, meinte er: "Das ist eine riskante Art, jemanden zu überholen. Aber ich muss Risiken eingehen, wenn ich irgendwas erreichen will." Solche "verrückte Risiken" habe er 2023 im Titelkampf vermieden, aber 2024 gehe es nicht ohne. Offenbar sieht er das auch 2025 so.
Wie wichtig ein zweiter Titel wäre und wer jetzt helfen kann
Außerdem ist gut möglich, dass Preining auch aus einem anderen Grund ungeduldig ist und einen Erfolg erzwingen will: Denn nachdem sein Stern 2023 mit dem DTM-Titel so richtig aufgegangen war, sieht es nach Tests in Porsches LMDh-Boliden und im Formel-E-Auto aktuell nicht so aus, als würde er in absehbarer Zukunft in diesen Programmen zum Einsatz kommen.
Im Winter gab es sogar Gerüchte über Gespräche mit BMW, ehe sein Porsche-Vertrag verlängert wurde. Um seinen Marktwert hochzuhalten, wäre ein zweiter DTM-Titel Gold wert.
Um den 2025 doch noch zu erreichen, muss er sich nun auf den Rat seines Mentors Olaf Manthey besinnen, der vor der Saison 2023 noch Nervenstärke und Rennintelligenz als Mängel bei seinem damaligen Rohdiamanten ausgemacht hatte. "Wenn man ein Problem hat und dieses nicht intelligent umschifft, kann direkt das nächste Problem folgen. Das sollte man vermeiden", riet er Preining damals. Die Folge war der Titel.
Sven Haidinger
Diese Story teilen oder speichern
Registrieren und Motorsport.com mit Adblocker genießen!
Von Formel 1 bis MotoGP berichten wir direkt aus dem Fahrerlager, denn wir lieben unseren Sport genau wie Du. Damit wir dir unseren Fachjournalismus weiterhin bieten können, verwendet unsere Website Cookies. Dadurch wird Dein Nutzererlebnis optimiert und die Werbung auf Deine Interessen zugeschnitten. Wir wollen dir aber natürlich trotzdem die Möglichkeit geben, eine werbefreie Website zu genießen.