"Wie Feile ein Stück runtergeraspelt": Warum Thiim am Norisring so stark ist
Nicki Thiim hat alle drei DTM-Siege auf dem Norisring gefeiert: Sein Chef verrät nach dem dominanten Wochenende, was den "Wikinger" dort so außergewöhnlich macht
Der Rückspiegel von Nicki Thiim weist deutliche Schleifspuren auf, blieb aber heil
Foto: Gruppe C Photography
Was ist das Geheimnis von Nicki Thiim auf dem Norisring? Der Comtoyou-Pilot hat im Aston Martin auf seiner Lieblingsstrecke, auf der er 2024 im SSR-Lamborghini seinen bis dahin einzigen DTM-Sieg gefeiert hatte, beide Polepositions und beide Rennsiege geholt. Und zwar trotz einer Anpassung der Balance of Performance (BoP) am Sonntag und Erfolgsballast im zweiten Rennen. Das ist zuletzt Thomas Preining 2023 bei seinem Titelgewinn in Hockenheim gelungen.
"Du musst mir mal draufhauen - living in a Dream!", kann es der Däne, der nun auch Halbzeit-Champion ist, selbst nicht fassen. Aber was macht ihn im "fränkischen Monaco" so schnell? "Nicki ist noch ein richtiger Oldschool-Rennfahrer, dem Strecken wie der Norisring liegen, wo die Wand das Limit ist", sagt Mario Schuhbauer, der beim Comtoyou-Team das DTM-Projekt leitet, nach der historischen Siegpremiere von Aston Martin in der DTM.
"Er kann das Limit am Norisring perfekt einschätzen, war jede Runde auf einen Millimeter an der Mauer", weiß der Sauerländer, der bereits 2024 bei Thiims SSR-Sieg auf dem Norisring als Teamchef dabei war. "Das habe ich so bei keinem anderen Fahrer gesehen."
David Schumacher: "Hat man nur bei Nicki Thiim gesehen"
Beeindruckt ist, dass der 37-Jährige offenbar nie übers Limit ging. "Die Rückspiegel haben leichte Schleifspuren aufgewiesen. Er hat wie eine Feile ein Stück runtergeraspelt, aber das gesamte Wochenende war bei ihm nie ein Rückspiegel ab", fällt Schuhbauer auf. "Er fühlt sich hier offenbar einfach wohl."
David Schumacher fiel auf, dass Thiim im Qualifying am Ausgang der Dutzendteich-Kehre eine ungewöhnliche Linie fuhr. "Er fährt hier ganz eng, bleibt auch immer ganz eng an der Mauer, um den Luftwiderstand entlang der Mauer zu verringern", so der Ex-DTM-Pilot bei ran.de. "Ich hätte gedacht, dass wir das bei mehreren Leuten sehen, aber man hat es nur bei Nicki Thiim gesehen."
Neben den Mauern, die auf dem Norisring rasch das Aus bedeuten können, wie Landgraf-Mercedes-Pilot Tom Kalender am Samstag erfahren musste, ist auch die Bremsphase auf dem Norisring entscheidend. "Auch auf der Bremse geht er viel Risiko und bremst spät, aber er bringt es immer auf den Punkt und trifft das Limit ganz genau. Er war nie drüber", fällt Schuhbauer auf.
Thiims Norisring-Geheimnis? "Ich verrate nichts"
Aber was sagt Thiim selbst zu seiner Norisring-Stärke? "Man braucht hier dicke Eier", meint der "Wikinger" bei ran.de schmunzelnd - und verweist darauf, dass es sich beim Norisring um eine "Fahrerstrecke" handelt, auch wenn dieser mit seinen nur vier Kurven oft unterschätzt wird(SPONSORED LINK: Jetzt Tickets für die DTM-Saison 2026 sichern!).
"Es geht mehr um den Feinschliff - nicht nur im rechten Fuß, sondern auch im linken, weil hier so viel gebremst wird. Man bekommt im Auto fast einen Krampf, weil man auf diesem kurzen Kurs einfach so oft so viel Kraft beim Bremsen aufwenden muss. Da die Runde so kurz ist, geht es nur darum, diese kleinen Details zu optimieren."

Millimeterarbeit: Nicki Thiim findet auf dem Norisring genau das richtige Maß
Foto: ADAC Motorsport
Das alles hinzubekommen, sei "der Schlüssel", sagt Thiim, der den Kurs von zahlreichen Auftritten im Porsche-Carrera-Cup Deutschland gut kennt und bereits 2015 bei Pole und beide Rennsiege einfuhr. Ob er nicht ein paar Tricks verraten könne? "Ich verrate nichts", antwortet er. "Es sind vier Kurven - und ein Stadtkurs mit Bodenwellen. Mit etwas Erfahrung weiß man, wo man am besten fahren sollte. Man fährt manchmal seltsame Linien. Mehr verrate ich nicht."
Warum die Bremsphase auf dem Norisring so heikel ist
Wie Winward-Mercedes-Pilot Maro Engel, der am Samstag Zweiter wurde und Thiim auch in der Meisterschaft auf den Fersen ist, auf Thiims Aussage reagiert? "Ich hatte das Vergnügen, ihm vor zwei Jahren und jetzt wieder das ganze Rennen lang zu folgen. Mir sind ein paar Sachen aufgefallen: Ich denke, er ist recht stark in den Kurven eins, zwei, drei und vier", scherzt er.
Dass die Piloten auf dem Norisring wegen der Bodenwellen "seltsame Linien" fahren, hat auch mit dem ABS zu tun, das in allen GT3-Autos verbaut ist. Denn um in der Bremsphase auf den Unebenheiten ein stehendes Rad zu verhindern, greift das ABS ein und löst die Bremse, wodurch man einige Meter verschenkt. Das kann im Zweikampf sogar dazu führen, dass es zu einer Kollision kommt, weil die Bremswirkung ausbleibt.
Auch das Fahrkönnen spielt dabei eine Rolle, denn die Toppiloten bremsen genau so, dass das ABS nicht eingreift - und sie dadurch die Bremsphase selbst unter Kontrolle haben.
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