Interview: Das virtuelle F1-Rennen aus Sicht eines Sim-Racers (1/2)

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Interview: Das virtuelle F1-Rennen aus Sicht eines Sim-Racers (1/2)
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26.03.2020, 20:23

Das virtuelle Formel-1-Rennen auf dem Bahrain International Circuit hat gemischte Gefühle hinterlassen - Wie ein Simracer den Gehversuch bewertet

Das erste virtuelle Rennen der Formel 1 hat bei einigen Zuschauern, denen Sim-Racing bisher völlig unbekannt gewesen ist, für mehr Fragezeichen als Antworten gesorgt. Soll das also dieses Sim-Racing sein, der Trend der Stunde?

Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, beantwortet unser Redakteur Heiko Stritzke einige Fragen, die sich durch das Rennen ergeben haben. Er hat selbst zwischen 2009 und 2015 an zahlreichen Sim-Racing-Ligen teilgenommen und seit 2009 mehr als 500 Livestreams von virtuellen Rennen im Sim-Racing kommentiert.

Heute: Warum das virtuelle Formel-1-Rennen von einem echten Sim-Race so weit entfernt gewesen ist wie Williams im Moment von einem Grand-Prix-Sieg, was die Unterschiede zum "echten" Sim-Racing sind, wie in einer richtigen Sim-Racing-Liga mit einigen kontroversen Szenen aus dem virtuellen Formel-1-Rennen umgegangen wird und warum Nico Hülkenberg mit Fahrhilfen unterwegs gewesen ist.

War das virtuelle Formel-1-Rennen ein typisches Sim-Race?

Nein, absolut nicht. "Verhöhnung des Simracings" hätte da wohl besser gepasst. Ich bin der Meinung, dass die Formel 1 dem "echten" Sim-Racing einen Bärendienst erwiesen hat. Das virtuelle formel-1-Rennen trug mehr Züge von Arcade-Gaming als von einem echten Sim-Race.

Man kann es sich ganz einfach so vorstellen: Das virtuelle Formel-1-Rennen sah nicht aus wie ein "echtes" Formel-1-Rennen. Sim-Racing allerdings kommt extrem nahe an die Realität heran. Man sollte normalerweise keinen Unterschied zum realen Racing erkennen.

Es wäre an sich auch kein Problem gewesen, wenn man das virtuelle Rennen nicht vorher als ernstes Rennen beworben hätte. Geliefert wurde eine Stock-Car-Crash-Challenge. Hätte man das Rennen zuvor als "Spaß-Event" deklariert, wäre es gute Unterhaltung gewesen.

So aber hat man den Begriff "Sim-Racing" eher beschmutzt als positiv bekannt gemacht. Tausende von Menschen werden bei diesem Rennen zugeschaut haben, die noch nie ein Sim-Race gesehen haben. Und die haben nun eine völlig falsche Vorstellung davon. Da blutet mir als Sim-Racer schon das Herz.

Natürlich wird das von Liberty Media nicht beabsichtigt gewesen sein, doch man konnte es alleine schon durch die Wahl des Spiels kommen sehen.

 

Worin unterscheidet sich das virtuelle Formel-1-Rennen vom professionellen Sim-Racing?

Zunächst einmal in der Wahl des Spiels. F1 2019 ist keine echte Simulation - das gilt auch für alle "F1"-Spiele davor. Deshalb hat übrigens auch Formel-1- und Sim-Racing-Star Max Verstappen abgesagt.

Reinrassige Hardcore-Simulationen (iRacing, rFactor 2, Assetto Corsa etc.) sprechen einen zu kleinen Markt an, um kommerziell große Erfolge zu verbuchen, was die Formel 1 mit ihrem offiziellen Spiel aber natürlich erzielen will.

F1 2019 geht in Richtung des sogenannten Arcade-Gamings, wie man es etwa von Need for Speed kennt: massentauglich, mit Gamepad spielbar und geringen Einstiegshürden. Aber zumindest noch mit einem Anspruch, im Gegensatz zu Need for Speed die Realität irgendwie noch halbwegs abzubilden.

Damit wollte man nun ein Rennen über 14 Runden fahren, also gerade mal ein Viertel der realen Renndistanz, trotzdem mit Boxenstopp. Das zeigte schon, dass es hier nicht mit dem letzten Hauch Simulationsanspruch an den Start ging. Es gibt zahlreiche Sim-Racing-Ligen, in denen die echte Renndistanz gefahren wird.

Und letztlich war die Gangart auf der Strecke einem Sim-Race nicht angemessen. Es wurde eher gefahren wie bei Mario Kart als in einem seriösen Sim-Race. Wie gesagt, das wäre kein Problem gewesen, wenn Liberty Media das Rennen nicht vorher als seriöses Sim-Race deklariert hätte.

Was war das in der ersten Kurve? Wie würde bei so etwas im echten Simracing reagiert werden?

Wir müssen zwei Dinge voneinander getrennt betrachten: Zunächst einmal zahlreiche Unfälle, die es im Laufe der ersten paar Kurven gegeben hat. Und dann ein ziemlich kontroverses Abkürzen, sodass ein Fahrer, der von P15 gestartet ist, plötzlich in Führung lag. Letzteres wäre im Sim-Racing indiskutabel.

In jeder auch nur halbwegs professionellen Sim-Racing-Liga gibt es eine Rennleitung. In seltenen Fällen greift sie wie in der Realität auch noch während des Rennens ein und würde für den Verursacher des jeweiligen Unfalls eine Strafe aussprechen, wie es in der Realität auch vorkommt.

Gängiger ist im Sim-Racing eine Rennleitung, die die Unfälle nach dem Rennen bewertet. Im realen Motorsport ist das die berüchtigte "Investigation after the race". Das liegt daran, dass im Simracing in manchen Szenen auch die Perspektive der einzelnen Fahrer betrachtet werden muss.

Beispielsweise können sich durch die Verbindungslatenz Fahrzeuge aus Sicht des neutralen Zuschauers und des jeweiligen Fahrers um Millimeter an verschiedenen Orten befinden. Das kommt zwar äußerst selten vor, ist aber nicht auszuschließen, wenn es im Rad-an-Rad-Duell tatsächlich um jeden Millimeter geht. Außerdem haben Fahrer in der Regel die Gelegenheit, sich zu äußern.

Strafen werden dann entweder für das nächste Event ausgesprochen (zum Beispiel Durchfahrtsstrafe während der ersten drei Runden) oder in Form von Punktabzug in der Meisterschaft geahndet. Straflos davon wie im Formel-1-Event kommt man definitiv nicht. In der Regel muss das Opfer einer Kollision einen formalen Protest nach dem Rennen einlegen, damit die Rennleitung aktiv wird.

Die zweite Situation, die es zu analysieren gilt, ist das heftige Abkürzen (ein sogenannter "Cut") von Johnny Herbert, der mit einem Jahrhundert-Cut in Führung gegangen ist. Das zeigt mir schon, dass er das Rennen nicht wirklich ernst genommen hat.

Ein solcher Move wäre im seriösen Sim-Racing ein absolutes No-Go. Das macht ein Fahrer genau einmal, danach würde er aus der Liga ausgeschlossen werden. Man muss sich einfach mal vorstellen, das würde jemand in der Realität machen. Dieser Fahrer würde auch seine Lizenz verlieren.

Was aus den Bildern nicht hervorgeht, ist, ob er nicht einem Unfall ausweichen musste. Sollte das der Fall sein, wäre sein Cut zunächst vertretbar gewesen. Er hätte aber zumindest Bemühungen zeigen müssen, sich auch nur halbwegs wieder auf einer Position einzusortieren, die seiner Position beim Verlassen der Strecke angemessen gewesen wäre. Das war eindeutig nicht der Fall.

Warum fuhr Nico Hülkenberg mit Fahrhilfen?

Ein Punkt, an dem sich mein Kollege Christian Nimmervoll in seiner Kolumne sehr gestört hat, war die Tatsache, dass Nico Hülkenberg offen zugab, mit "moderaten" Fahrhilfen zu fahren. Das war in der Übertragung etwas unglücklich kommuniziert. Denn eigentlich geht er damit einen Schritt mehr in Richtung Realität.

Das Sim-Racing wird immer mit einem großen Kompromiss leben müssen: Das "Popometer" ist außer Kraft gesetzt. Zumindest, solange man sich keinen Simulator im Wert von Zehntausenden Euro anschafft, der Fliehkräfte simuliert (ein eigenes Thema, das wir demnächst noch behandeln werden).

Jeder halbwegs talentierte Autofahrer wird bei einem ausbrechenden Heck intuitiv schnell gegenlenken. Das geschieht instinktiv, ohne dass der Fahrer nachdenkt, sobald der Körper merkt, dass "der Hintern weggeht".

Im Sim-Racing ist dieser natürliche Reflex außer Kraft gesetzt. Ohne Fahrhilfen zeigt sich dann bei vielen folgendes Muster: Ein ausbrechendes Heck wird zu spät wahrgenommen und daraufhin zu heftig gegengelenkt. Das sorgt dann häufig dafür, dass man mit dem Gegenpendler abfliegt.

Eine Traktionskontrolle auf leichter Stufe gibt dem Fahrer die Möglichkeit, besser mit der "Sim-Racing-Verzögerung" zu reagieren. Das wiederum sorgt für ein subjektiv realistischeres Fahrerlebnis. So kurios es sich also anhören mag: Eine Traktionskontrolle auf niedriger Stufe sorgt für mehr Realismus.

Das gilt allerdings nur für sehr "zackig" zu fahrende Autos, also Formelfahrzeuge und Le-Mans-Prototypen. Tourenwagen oder GT-Sportwagen lassen sich im Sim-Racing auch ohne Fahrhilfen problemlos bewegen, weil sie träger sind und es nicht auf Tausendstelsekunden bei der Reaktion ankommt.

Übrigens gibt es Sim-Racer, die virtuelle Formelfahrzeuge auch ohne Fahrhilfen am Limit bewegen können. Diese haben jedoch andere Reflexe trainiert als ein Rennfahrer im echten Auto. In der Regel ist es für diese leichter, in einem echten Auto so schnell wie ein professioneller Fahrer zu reagieren als umgekehrt.

Im zweiten Teil: Wie es sich im Sim-Racing mit Schäden nach Kollisionen verhält, ob Reifenverschleiß und Spritverbrauch im Sim-Racing einkalkuliert sind, wie technische Defekte im Sim-Racing aussehen, wie das Thema "Track Limits" im Sim-Racing behandelt wird, wie das Kräfteverhältnis zwischen den einzelnen Autos aussieht und was die Formel 1 besser machen könnte.

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Rennserie eSports
Urheber Heiko Stritzke