Rossi: Warum Alpine anderen Teams überlegen sein wird

Statt auf kurzfristigen Erfolg zu drängen, lässt sich Alpine von seinem 100-Rennen-Plan nicht ablenken - Rossi erklärt, warum das Team nach vorne kommen wird

Rossi: Warum Alpine anderen Teams überlegen sein wird

Die Formel 1 ist in ihrer Geschichte reich an Herstellerteams, die in Fünf-Jahres-Plänen nach Siegen und der Weltmeisterschaft streben, nur um ihr Ziel nicht zu erreichen. Für das Scheitern gibt es viele Gründe, vor allem aber sind die Kosten, um an die Spitze zu kommen, nicht nachhaltig genug. Zudem sind viele Aufsichtsräte ungeduldig und wollen schnellen Erfolg.

Alpine-Geschäftsführer Laurent Rossi hatte von 100 Rennen gesprochen, um den französischen Hersteller wieder regelmäßig an die Spitze der Formel 1 zu bekommen. Nun fällt es nicht schwer, daran zu glauben, dass sich Geschichte wiederholen wird.

Knapp 20 Rennen hat man in seinem Programm absolviert. Zwar hat man mit Esteban Ocons Sieg in Ungarn bereits einen Erfolg verbuchen können, dennoch scheint die Form ein gewisses Niveau erreicht zu haben. Denn sollte man die Saison auf seinem aktuellen Tabellenplatz abschließen, hätte man drei Jahre in Folge den fünften Platz belegt.

Das Momentum nach vorne scheint etwas abgeebbt zu sein, von daher kann man durchaus daran zweifeln, ob Alpine seine Vision in 80 Rennen erreichen wird. Doch wie Rossi in einem exklusiven Interview mit 'Motorsport.com' erklärt, ist die Situation eine andere als bei Herstellerteams früher.

Die Kombination aus der Budgetgrenze in der Formel 1, einer neuen Regel-Ära und einem ganzheitlichen Ansatz von ihm und Renault-Geschäftsführer Luca de Meo versetzt das Team in eine Position der langfristigen Stärke.

Vorbei sind die Ängste, dass man Geld in ein bodenloses Loch werfen muss, und weg ist der Druck, kurzfristige Ziele erreichen zu müssen. Unabhängig davon, wo Alpine 2022 mit den neuen Autos landen wird, liegt der Fokus auf den Fortschritten und der Performance, wo man am Ende seines Plans sein möchte. Es ist ein Marathon, kein Sprint.

Performance zu Saisonbeginn 2022 nicht so wichtig

"Wo auch immer wir zu Beginn des kommenden Jahres stehen werden: Ich werde nicht vom Ziel abweichen", erklärt Rossi.

"Wir werden es Rennen für Rennen, Saison für Saison angehen. Wir werden das Ziel nicht ändern, und Sie werden nicht erleben, dass ich das Programm über den Haufen werfe und ändere, nur um zwei Rennen nach Saisonbeginn eine bessere Leistung zu zeigen. Wir werden uns Zeit nehmen, um dahin zu kommen, wo wir hinwollen."

"Wir wollen nicht in die Falle laufen, kurzfristig zu denken, was vielen Teams in der Vergangenheit eine Menge gekostet hat. Wir wollen in der Lage sein, auf lange Sicht zu denken", sagt er weiter. "Es ist eine radikale Veränderung, wie wir die Formel 1 betrachten und wie wir Leistung aufbauen, aber es ist die Art und Weise, wie man es tun sollte, wenn man Leistung bringen will."

"Die Ergebnisse der aktuellen Topteams sind die Früchte aus vielen Jahren schlechter Ergebnisse und Platzierungen am Ende der Tabelle. Sie haben Stein auf Stein gesetzt, um abzuliefern, wenn es nötig ist. Und das möchte ich tun."

Teil von Renaults großem Plan

Das Vertrauen, Entscheidungen für langfristigen Erfolg treffen zu können, wird auch durch die volle Unterstützung von Renaults de Meo bestärkt. Er hat die Vision als Teil einer großen Überarbeitung der einzelnen Marken des französischen Herstellers im vergangenen Jahr abgesegnet. Dass Alpine langfristig denken kann, ist genau das, was de Meo möchte.

Rossi fügt hinzu: "Der Kontext ist eigentlich unglaublich günstig, denn Luca de Meo ist der Architekt hinter all dem. Er hat eine klare Vorstellung davon, was nötig ist, um aufzusteigen, und wie viel Zeit man dafür braucht. Er steht also voll und ganz hinter diesem Plan, dem 100-Rennen-Plan, und der Tatsache, dass uns das an die Spitze bringen soll."

Luca de Meo

Luca de Meo bringt für Alpine die notwendige Geduld mit

Foto: Alpine

De Meos Geduld wird von der veränderten finanziellen Struktur der Formel 1 gestützt. Die Kosten sind günstiger als in der Vergangenheit und die Budgets können nicht mehr außer Kontrolle geraten.

"Eine Budgetgrenze beim Chassis ist ein unglaublicher Game-Changer. Vorher konnte man entscheiden, über drei oder vier Jahre 200 Millionen Dollar zu investieren, um dorthin zu kommen, wo man wollte", sagt Rossi.

"Aber dann konnte ein Newcomer kommen und jedes Jahr 400 Millionen Dollar reinschmeißen. Zugegeben, sie haben nicht die Erfahrung oder den Sachverstand, aber sie könnten recht schnell aufholen, und das würde die natürliche Ordnung verändern."

Straßenwagen und Formel 1 in Symbiose

"Aber das ist vorbei", meint er weiter. "Jetzt wird jeder chassisseitig mit dem gleichen Geld spielen. Zudem sind wir nicht nur ein Formel-1-Team. Wir haben auch eine Straßenwagen-Abteilung, die auch ihren Profit abwerfen wird, weil wir mehr als nur ein Auto haben werden."

"Wir werden mindestens drei Autos in den Jahren 2024, 2025 und 2026 auf den Markt bringen, und sehr wahrscheinlich werden weitere folgen. Und diese Autos werden Gewinne erwirtschaften, die zur Finanzierung des Motorsports beitragen werden", sagt Rossi weiter.

"Am Ende des Tages wird unser Ziel bis 2025 sein, nicht nur auf dem obersten Podium zu stehen, sondern auch die Gewinnschwelle zu erreichen", betont er. "Das bedeutet, dass die Renault-Gruppe mit der Zeit immer weniger in das Team investieren muss. Das ist eigentlich ein sehr positiver Kreislauf. Und das ist der Plan, den wir mit Luca de Meo entwickelt haben."

"Er ist der Architekt dieses Plans, und es ist großartig, diese Art von gemeinsamer Ausrichtung zwischen der Gruppe und mir zu haben. Denn ich weiß, was ich tue, und ich weiß, wo ich hin will", so Rossi.

Rossi möchte Platz fünf behaupten

Derzeit befindet sich Alpine mit seiner neuen Struktur erst in seiner ersten Saison, doch Rossi hat keine Angst davor, schon ein paar Dinge zu verändern. Er geht offen damit um, dass das Team aus Enstone kein so schnelles Auto hat wie gewünscht. Operativ sei das Team jedoch stark, und der fünfte Platz wäre am Ende eine gute Belohnung.

Da sich die Formel 1 im nächsten Jahr mit der Einführung des neuen Regelwerks jedoch verändern wird, deutet Rossi an, dass sich das Team einigen Veränderungen unterziehen muss: Ressourcen werden anders eingesetzt werden, um sicherzustellen, dass auf der Rennstrecke maximale Erträge erzielt werden.

Esteban Ocon

Siege wie der von Esteban Ocon sollen zur Regel werden

Foto: Motorsport Images

"Wir müssen das Team noch ein wenig weiterentwickeln", erklärt er. "Ich denke, das Team hat sich in den letzten Jahren ziemlich gut von Platz neun auf Platz fünf bewegt, bevor wir das Plateau erreicht haben. Aber jetzt, um die nächste Stufe zu erreichen und das beste der Topteams zu werden, und nicht nur 'Best of the Rest', ist eine weitere Entwicklung nötig."

"Ich möchte den Schwung der letzten Saison beibehalten, deshalb möchte ich den fünften Platz halten. Ich will nicht, dass wir uns zurückentwickeln. Wir haben in diesem Jahr viel gelernt, das ist immer ein Plus. Wir werden das im nächsten Jahr anwenden", so Rossi.

"Aber dann müssen wir Muskeln aufbauen, um zu wachsen und von Platz fünf auf eins zu kommen, Rennen für Rennen, Saison für Saison in den nächsten Jahren. Das ist eine andere Geschichte. Das ist ein anderes Kapitel. Aber ich will auf jeden Fall mehr als Platz fünf."

Warum sollte Alpine gegen die anderen bestehen?

Mit seinem 100-Rennen-Plan ist Alpine ungefähr auf dem gleichen Weg wie Aston Martin, die mit einem starken Investment und einer neuen Fabrik an die Spitze der Formel 1 gelangen möchten. Und inmitten eines enorm konkurrenzfähigen Starterfeldes mit großen Teams wie Mercedes, Red Bull, Ferrari oder McLaren: Was hat Alpine, um sein Ziel erreichen zu können?

"Eine Sache ist, dass wir ein Werksteam sind", sagt er. "Die Daten zeigen, dass es Zeiten gab, in denen Chassis und Aerodynamik wichtiger waren. Dann war es der Motor und dann wieder der Fahrer. Am Ende des Tages ist es heute eine Kombination aus allen drei."

"Wir haben bereits die Möglichkeit, die Powerunit bestmöglich in das Chassis zu integrieren, weil wir ein Werksteam sind. Andere haben diesen Luxus nicht. Andere müssen den Motor so nehmen, wie er hergestellt wird, wie er konstruiert ist, wie er entwickelt wurde, und versuchen, ihr Chassis anzupassen."

"Wir haben aber einen anderen Ansatz, den nur drei Teams wählen können: Ferrari, Mercedes und wir. Das ist schon einmal ein großes Plus für uns", so Rossi.

"Außerdem haben wir 45 Jahre Erfahrung in der Formel 1, was sehr wichtig ist. Wir haben in der jüngsten Vergangenheit gesehen, dass viele Teams mit beträchtlichen finanziellen Mitteln ihren Mangel an Erfahrung in Bezug auf das Design eines Autos, seine Entwicklung und seine rechtzeitige Fertigstellung nicht überwinden konnten."

"Es gibt so viele Parameter, bei denen man keine Erfahrung kaufen kann. Wir haben das. Das ist auch ein großes Plus."

Warum sich Alpine im Vorteil wähnt

"Und wir haben eine große Industriegruppe hinter uns. Das mag anekdotisch klingen, ist aber tatsächlich sehr wichtig. Die Formel 1 wird sich, wie jede andere Disziplin oder Branche auch, mehr und mehr mit Daten, künstlicher Intelligenz und neuen Möglichkeiten der Leistungssteigerung beschäftigen."

"Wenn man also mit einer Gruppe zusammenarbeitet und von ihr unterstützt wird, die sich seit 20 Jahren mit diesen Themen befasst und über enorme Erfahrung in diesen Bereichen verfügt, ist das ein Vorteil. Man kann auf einen Pool von Ressourcen zurückgreifen, der normalerweise außerhalb der eigenen Reichweite liegt."

"Wir haben Experten auf vielen Gebieten, die wir in einem Augenblick herbeirufen können", sagt der Alpine-Boss weiter. "Und das ist auch sehr wichtig, denn das kann in Zukunft sehr wichtig werden, um die Leistung zu steigern, neben den traditionellen Faktoren, die ich gerade erwähnt habe."

Laurent Rossi

Laurent Rossi hat mit seinem Team langfristig hohe Ambitionen

Foto: Motorsport Images

"Die Fähigkeit, Leistung in bahnbrechenden Bereichen wie Daten, künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen und dergleichen zu erbringen, wird meiner Meinung nach von entscheidender Bedeutung sein."

Und auch wenn 2021 vielleicht nicht ganz so lief, wie er sich das vorgestellt hätte, wurden Rossis Ambitionen für das Team nicht gedrückt. Er weiß, wo er das Team hin haben möchte und wie er es dahin bringen möchte.

"Wir möchten zurück auf dem Podium sein, und ich möchte, dass das Team gewinnt. So einfach ist das", sagt er. "Ich möchte nicht, dass wir um den 'Best of the Rest' wetteifern. Wir zielen auf den Sieg ab. Wir müssen auch danach streben. Denn es ist als Werksteam und mit 45 Jahren Erfahrung unter eine Budgetgrenze nicht außer Reichweite."

"Es ist nicht unmöglich. Es ist sehr gut möglich und auch vernünftig. Dieses Ziel hat das Team. Ich habe es für sie gesteckt."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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