150 Kameras und KI: So kontrolliert die FIA jedes Formel-1-Auto
Tracklimits bleiben ein Dauerstreitpunkt - Die FIA setzt auf Technik, Daten und neue Systeme, um Entscheidungen schneller und klarer zu machen
Fahnen mit den Logos von FIA und F1
Foto: Jakub Porzycki / NurPhoto via Getty Images
Wie genau fallen Entscheidungen in der Formel 1? Warum dauert es manchmal, bis eine Strafe ausgesprochen wird und in anderen Fällen geht es blitzschnell? Die FIA hat in einem kürzlich veröffentlichten YouTube-Video seltene Einblicke in ihre Abläufe gegeben und zeigt, wie komplex die Arbeit hinter den Kulissen tatsächlich ist.
Im Zentrum steht dabei die sogenannte Race Control. "Die Rennleitung ist das Drehkreuz für alle Daten und der zentrale Punkt für Entscheidungen", erklärt FIA-Sportdirektor Tim Malyon. Gemeinsam mit zahlreichen Spezialisten sorgt sie dafür, dass die Rennen sicher, fair und nachvollziehbar ablaufen.
Zusammenspiel hinter den Entscheidungen
Doch die Rennleitung ist nicht allein verantwortlich. Ein entscheidender Baustein ist das Remote Operations Centre (ROC), eine Art ausgelagerte Erweiterung der Rennleitung. Dort analysieren mehrere Experten parallel große Datenmengen, prüfen Szenen und geben ihre Einschätzungen an die Rennleitung weiter.
Insgesamt arbeiten bis zu dreißig Personen direkt in der Rennleitung, während im ROC je nach Strecke vier bis acht weitere Spezialisten im Einsatz sind. Hinzu kommen die Sportkommissare, die letztlich über Strafen entscheiden. Sie werden von eigenen Datenanalysten unterstützt, um die Vielzahl an Informationen effizient auswerten zu können.
Vom Vorfall zur möglichen Strafe
Der Entscheidungsprozess beginnt meist mit der Identifikation eines möglichen Vorfalls, entweder durch automatisierte Systeme oder durch menschliche Beobachter. Häufig geschieht das zunächst im Remote Operations Centre.
Dort werden alle relevanten Daten gesammelt, darunter Videoaufnahmen, Telemetrie, Positionsdaten und Funksprüche. Diese Informationen werden gebündelt und an die Rennleitung weitergeleitet, wo eine erste Analyse erfolgt.
"Ein Vorfall wird aus verschiedenen Perspektiven betrachtet", erklärt Malyon. "Dann entscheiden wir, ob ein möglicher Regelverstoß vorliegt." Erst wenn dies der Fall ist, geht das vollständige Datenpaket an die Stewards, die anschließend über eine mögliche Strafe entscheiden.
Datenflut als Herausforderung
Die Menge an Informationen ist enorm. Bis zu 150 Videokanäle, sämtliche Teamfunksprüche sowie präzise Positions und Zeitdaten aller Fahrzeuge laufen parallel zusammen.Ein Großteil der Arbeit besteht darin, diese Daten sinnvoll zu verknüpfen und richtig zu interpretieren. Genau hier kommt moderne Technologie ins Spiel.
Chris Bentley, Head of Information System Strategy der FIA, demonstriert dies anschaulich direkt am Bildschirm. Er erklärt, wie Systeme automatisch erkennen, ob eine Szene überprüft werden muss. Das System überwacht einzelne Streckenabschnitte permanent und filtert Auffälligkeiten heraus. "Es fungiert gewissermaßen als Vorfilter", sagt Bentley. Auch ohne automatisierte Analyse lassen sich Vorfälle so gezielt und schnell überprüfen.
Tracklimits als Dauerbrenner
Ein besonders sensibles Thema sind die Tracklimits, bei Geschwindigkeiten von über 200 km/h ist die Überwachung alles andere als einfach. "Die Fahrer bewegen sich ständig am Limit und manchmal darüber hinaus, um Performance zu finden", sagt Malyon. Aufgabe der FIA sei es, diese Grenzen konsequent und fair durchzusetzen.
Dabei setzt man auf eine doppelte Strategie. Einerseits werden Strecken baulich angepasst, etwa durch Kiesbetten oder veränderte Randsteine, um das Verlassen der Strecke unattraktiver zu machen. Andererseits kommen zunehmend technische Systeme zum Einsatz.
Langfristig verfolgt die FIA die sogenannte Philosophie: "All cars, every turn". Jedes Auto soll in jeder Kurve lückenlos überwacht werden. Dafür werden zusätzliche Kameras, präzisere Positionssysteme und verbesserte Softwarelösungen entwickelt. Das Ziel ist klar. Entscheidungen sollen innerhalb von Sekunden getroffen werden, idealerweise noch bevor der Fahrer die nächste Kurve erreicht.
Künstliche Intelligenz als Unterstützung
Schon heute nutzt die FIA moderne Technologien wie Computer-Vision, um potenzielle Regelverstöße automatisch zu erkennen und zu filtern. Rund 90 Prozent der Fälle können so vorab aussortiert werden, sodass sich Experten auf die entscheidenden Szenen konzentrieren können.
Auch Funksprüche werden mittlerweile mithilfe von KI in Text umgewandelt, um sie schneller analysieren und durchsuchen zu können. "Im Moment dient die Technologie vor allem dazu, den Menschen zu unterstützen", betont Malyon. "In Zukunft könnten bestimmte Prozesse aber auch automatisiert werden."
Sicherheit und Transparenz als Ziel
Darüber hinaus sieht die FIA großes Potenzial im Bereich der Sicherheit. Denkbar wäre etwa, dass Fahrzeuge künftig automatisch auf Gefahren reagieren, beispielsweise durch ein selbstständiges Abbremsen bei drohenden Unfällen.
Eng damit verbunden ist der Anspruch an mehr Transparenz: Am Ende geht es der FIA nicht nur um korrekte Entscheidungen, sondern auch darum, dass Fahrer, Teams und Fans nachvollziehen können, wie und warum eine Entscheidung zustande kommt. "Unser Ziel ist ein klares, verständliches und transparentes Regelsystem", sagt Malyon. Nur so lasse sich langfristig das Vertrauen stärken und letztlich auch der Unterhaltungswert der Formel 1 steigern.
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