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Analyse: Der aggressive Fahrstil von Antonelli - und wie er funktioniert

Die neuen Formel-1-Autos verlangen einen mutigen Fahrstil: Unsere Analyse zeigt, weshalb Kimi Antonelli davon derzeit besonders profitiert

Analyse: Der aggressive Fahrstil von Antonelli - und wie er funktioniert

Mercedes-Fahrer Kimi Antonelli im W17 beim Formel-1-Rennen in Ungarn 2026

Foto: LAT Images

Kimi Antonelli beeindruckt in der Formel-1-Saison 2026 mit Tempo und Konstanz. Sechs Siege, sechs Polepositions und die Führung in der Fahrerwertung sprechen eine klare Sprache.

Ein wesentlicher Faktor dafür ist nicht nur sein außergewöhnliches Talent, sondern auch sein Fahrstil, der besonders gut zu den Eigenschaften der neuen Fahrzeug-Generation passt.

Vor einem Jahr war das noch anders: In Spa-Francorchamps erlebte Antonelli 2025 eines seiner schwierigsten Rennwochenenden in der Formel 1. Damals fehlte ihm aufgrund einer problematischen Abstimmung der Hinterachse das Vertrauen ins Auto. Zwölf Monate später gewann er auf derselben Strecke und ging als WM-Spitzenreiter in die Sommerpause.

Gerade Spa verdeutlicht, wie stark sich Antonelli entwickelt hat - und weshalb sein Fahrstil mit den 2026er-Autos besonders wirkungsvoll ist. Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück auf die letzte Generation der Ground-Effect-Autos.

Warum die Ground-Effect-Autos so besonders waren

Diese Fahrzeuge verfügten zwar über enorme Stabilität, konnten ihre Fahrer aber ebenso plötzlich überraschen. Denn sobald das aerodynamische Gleichgewicht verloren ging, konnte das Heck oftmals ohne Vorwarnung ausbrechen. Viele Fahrer beschrieben in den vergangenen Jahren, wie schwer sich ein Auto in diesem Grenzbereich kontrollieren ließ.

Eine weitere Herausforderung war die sogenannte kombinierte Belastungsphase beim Kurveneingang: der Moment, in dem gleichzeitig gebremst und eingelenkt wird.

Was sich zur Saison 2026 verändert hat

Mit der Einführung der 18-Zoll-Reifen verringerte sich die Höhe der Reifenflanke deutlich. Dadurch verkleinerte sich auch die Aufstandsfläche des Reifens. Gerade Fahrer, die besonders aggressiv in die Kurve hineinbremsen, verloren dadurch einen Teil ihres bisherigen Vorteils und mussten ihren Fahrstil anpassen.

Pirelli versuchte zwar, diese Effekte abzumildern, vollständig vermeiden ließen sie sich jedoch nicht. Pirelli-Sportchef Dario Marrafuschi erklärte im Gespräch mit Motorsport.com Italien, einer Schwesterplattform von Motorsport-Total.com bei Motorsport Network: "Wenn die Aufstandsfläche kürzer wird, erfolgt der Übergang zwischen Grip und Gripverlust deutlich abrupter. Deshalb war zu erwarten, dass die Fahrer gerade beim Einlenken größere Schwierigkeiten bekommen würden."

Mit dem neuen Reglement hat sich die Situation erneut verändert: Die Reifen sind schmaler geworden, um den Luftwiderstand zu reduzieren. Dadurch wurde die Phase zwischen dem Bremsen und dem Einlenken nochmals anspruchsvoller.

McLaren-Teamchef Andrea Stella beschreibt das Problem so: "Gerade beim Übergang vom Bremsen zum Einlenken ist es extrem schwierig, die Vorderreifen vor dem Blockieren zu schützen. Gleichzeitig fehlt den Reifen etwas die Fähigkeit, sauber von der Längs- auf die Querbelastung überzugehen."

Hinzu kommt ein weiteres Merkmal der neuen Autos: Das Heck ist zwar instabiler als bei den bisherigen Ground-Effect-Fahrzeugen, reagiert aber berechenbarer. Dadurch können die Fahrer stärker mit der Fahrzeugbalance arbeiten. Mehrere Piloten berichteten bereits nach den ersten Testfahrten, dass die 2026-Autos trotz geringeren Abtriebs angenehmer und intuitiver zu fahren seien.

Der schnelle Lenkimpuls stabilisiert das Auto

Deshalb spielt der Fahrstil eine noch größere Rolle. Marrafuschi erklärt, was Pirelli hier beobachtet hat: "Einige Fahrer belasten die Vorderreifen bewusst. Sie schlagen das Lenkrad sehr schnell bis zu einem großen Lenkwinkel ein. Dadurch fährt das Auto zunächst etwas geradeaus, was wiederum das Heck stabilisiert." Erst anschließend baut die Vorderachse den notwendigen Grip progressiv auf.

Dieser Fahrstil beeinflusst allerdings auch Reifenverschleiß und Reifentemperaturen erheblich. Laut Pirelli lassen sich diese Unterschiede zwischen einzelnen Fahrern in den Reifendaten eindeutig nachweisen.

Wie Antonelli in die Kurven fährt

Genau dieses Prinzip macht sich Antonelli zunutze. Sein Markenzeichen ist ein extrem aggressiver Kurveneingang: Kurz vor dem Kurvenscheitel lenkt er schnell und kräftig ein. Dieser Impuls unterstützt die Rotation des Fahrzeugs.

Antonelli beschreibt seinen Stil selbst so: "Ich versuche, den Kurvenradius zu verkürzen und die Zeit zwischen Bremsen und der Neutralphase möglichst kurz zu halten. Ich falte die Kurve gewissermaßen wie ein Taschentuch zusammen. Ich lenke sehr spät und sehr aggressiv ein." Damit zwingt er das Auto stärker zur Rotation.

Dieser Stil funktioniert allerdings nicht überall gleich gut: Beim Grand Prix von Katalonien in Barcelona verlangte Antonelli dem Auto nach eigener Aussage im Qualifying zu viel ab. Die hohen Temperaturen führten dazu, dass die Hinterreifen bereits früh überhitzten.

Auch in Silverstone musste er seinen Stil anpassen: Dort prägen viele lange Hochgeschwindigkeitskurven das Streckenlayout, in denen ein flüssigerer Fahrstil Vorteile bringt. In Spa hingegen war seine aggressive Fahrweise erneut deutlich zu erkennen - besonders in "La Source" und in der "Bus-Stop"-Schikane.

Was George Russell anders macht als Kimi Antonelli

Der Unterschied innerhalb des Mercedes-Teams ist ebenfalls deutlich sichtbar: Während Antonelli sehr aggressiv einlenkt, arbeitet George Russell deutlich sanfter und progressiver mit dem Lenkrad. Dieser Stil passte hervorragend zu den Ground-Effect-Autos der vergangenen Jahre.

Andrea Stella sagte dazu: "Zwischen Russell und Antonelli erkennt man einen klar unterschiedlichen Fahrstil. Das sieht man bereits in den Onboard-Aufnahmen und daran, wie beide das Lenkrad benutzen."

Nach Ansicht des McLaren-Teamchefs erklären sich Antonellis starke Rennpace und sein guter Umgang mit den Reifen nicht allein durch das Fahrzeug: "Wenn es nur am Abtrieb liegen würde, wären diese Unterschiede zum Teamkollegen nicht erklärbar."

Laut Stella ist das grundsätzliche Charakteristikum der neuen Fahrzeuggeneration klar: "Das diesjährige Auto verlangt von den Fahrern, ständig anzugreifen. Wer versucht, besonders sauber und sanft zu fahren und das Auto hauptsächlich über die Vorderachse rollen zu lassen, wird dafür derzeit kaum mit Rundenzeit belohnt."

Warum Antonelli aktuell profitiert

Antonellis natürlicher Fahrstil passt deshalb außergewöhnlich gut zu den Anforderungen der 2026er-Autos. Seine aggressive Art des Einlenkens hilft ihm insbesondere auf Strecken mit wenig Grip, weil dort das schnelle Erreichen des optimalen Temperaturfensters der Reifen entscheidend ist.

Schon 2025 fiel auf, dass Antonelli unter schwierigen Grip-Bedingungen häufig besonders konkurrenzfähig war. 2026 scheint dieser Vorteil noch stärker zum Tragen zu kommen.

Sein Erfolg beruht daher nicht ausschließlich auf außergewöhnlichem Talent. Entscheidend ist auch, dass seine natürliche Fahrweise genau jene Eigenschaften mitbringt, die die aktuelle Fahrzeuggeneration verlangt: entschlossenes Einlenken, hohe Fahrzeugkontrolle sowie ein außergewöhnlich feines Gespür für Reifen und Balance.

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