Analyse: Warum es in der Formel 1 keine Dopingskandale gibt

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Analyse: Warum es in der Formel 1 keine Dopingskandale gibt
Kate Walker
Autor: Kate Walker
Übersetzung: Annika Göcke
11.01.2016, 15:29

Während andere Sportarten durch Dopingskandale negativ auffallen, ist ein Großteil der Formel 1 und deren Historie drogenfreies Gebiet. Kate Walker erklärt, warum.

Doping im Sport ist eine ernste Angelegenheit, aber hin und wieder grenzen die Geschichten ans Lächerliche. Während sich jeder konkurrenzfähige Radfahrer im Hotelzimmer einer Bluttransfusion unterzieht (vielleicht nicht jeder, aber es waren auch nicht wenige...), erhält jeder Breitensport-Rennfahrer eine Sperre für den Missbrauch der bekannten, leistungssteigernden Droge Marihuana.

Diese ist vor allem auf dem Gebiet der Ess-Wettbewerbe bekannt, aber weniger wirksam wenn man hinter dem Lenkrad einer zwei- oder vierrädrigen Maschine sitzt, auf dem Weg zum Hochgeschwindigkeitssieg.

Ein Großteil der Fahrverbote nach Marihuana-Delikten kam zustande, nachdem eine geringe Menge der Droge im Urin festgestellt worden war. Spuren von THC – die aktive Substanz im Cannabis – können noch wochenlang im Körper bleiben. Das bedeutet, dass ein gescheiterter Drogentest keineswegs garantiert, dass der fragliche Rennfahrer zum Zeitpunkt des Rennens wirklich clean war.

Der Automobil-Weltverband (FIA) arbeitet mit Standards der internationalen Anti-Doping-Agentur (WADA), an denen die Formel-1-Fahrer regelmäßig gemessen werden. Nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, werden die Piloten dann während des ganzen Jahres immer wieder zum Drogentest gebeten, sowohl während als auch zwischen den Rennwochenenden.

Bisher war niemand auffällig, aber einige der Fahrer beschwerten sich über die frühe Weckzeit, um die Probe abzugeben.

„Die Jungs sind sauber“, sagte der ehemalige FIA-Rennarzt Dr. Gary Hartstein 2013im Interview mit The National aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

„Und das sage ich nicht, weil ich optimistisch oder naiv bin, sondern weil ich in die FIA-Anti-Doping-Maßnahmen involviert war. Ich weiß, was die Fahrer brauchen, um im Auto das Beste aus sich herauszuholen. Auf der verbotenen Liste gibt es nichts, was ihnen erlaubt wäre, Punkt. Und sie wissen das.“

Gefährdung der Gesundheit

Der ärztlicher Delegierte der FIA, Jean-Charles Piette, sagte der Autorin 2012, dass die Formel 1 – seiner Meinung nach – dopingfrei ist, weil die Fahrer wissen, welche fatalen Folgen der Drogenkonsum auf der Strecke haben kann. Wir wurden Zeugen, wie Athleten mitten im Wettkampf zusammenbrachen. Würde das einem Rennfahrer passieren...

„Es ist schon ein großer Unterschied, ob man Drogen bei der Leichtathletik, im Fußball oder in einem Autorennen nimmt“, sagt Piette.“Nimmt ein Fußballspieler Drogen zu sich, stellt das ein Risiko für seine eigene Gesundheit dar, nicht aber für Teams oder Zuschauer.“

„Nimmt ein Rennfahrer etwas zu sich, so liegen die potenziellen Gefahren nicht nur bei ihm selbst, sondern bei seinen Kollegen auf der Strecke, den Zuschauern, den Sportwarten... Sie müssen auch an andere denken.“

In einem Sport, der trotz anhaltender Verbesserungen der Sicherheit gefährlich bleibt, gibt es schon genug Risiken, auch ohne Doping, so die Theorie.

Der Faktor Komplexität ist dabei aber zu berücksichtigen. In der Formel 1 wird Erfolg an einer Tausendstelsekunde gemessen und schrittweise Verbesserungen können im Titelkampf entscheidend sein.

Ein guter Fahrer braucht blitzschnelle Reaktionszeiten, geistige und körperliche Ausdauer, Konzentration und Muskelkraft (vor allem in Hals und Oberkörper) sowie eine große Dosis Talent und „Eier in der Hose“.

Welche Substanz?

Um effektiv für Rundstreckenrennen zu dopen, bräuchte der Fahrer den perfekten Drogen-Cocktail: Bikalm oder Adderall, um die Konzentration zu steigern, Steroide jeglicher Art für den Aufbau von Muskelmasse, Amphetamine oder ähnliche Stimulanzien gegen den Hunger, um nicht an Gewicht zuzulegen, um der Nachfrage des Teams für Ballastoptionen gerecht zu werden, und vieles mehr.

„Welche Art von Drogen wären nützlich, um die Leistung in Autorennen zu steigern?“, fragt Piette. „Ich denke, es gibt zwei Aspekte – einer ist im Wettbewerb, der andere außerhalb.“

„Außerhalb des Wettbewerbs gibt es zum Beispiel Medikamente, die helfen, die Muskelkraft zu vergrößern. Wenn man sich einen Formel-1-Fahrer während eines Briefings von hinten anschaut, fallen einem sofort die starken Nackenmuskeln ins Auge. Diese sind notwendig, um den G-Kräften standzuhalten.“

„Es gibt auch Medikamente, die die Eignung und Fähigkeit, in einem Wettbewerb zu fahren, steigern“, fügt er hinzu.

„Theoretisch können wir uns den Bedarf für solche Medikamente vorstellen, angefangen mit den harmloseren – wie zum Beispiel Koffein oder Nikotin – bis hin zu den harten Mitteln wie Amphetamine oder Kokain. In anderen Sportarten gab es positive Tests und es ist nicht immer ersichtlich, ob die Drogen nur in der Freizeit genommen wurden.“

In der jüngsten Vergangenheit wurde bekannt, dass einige Fahrer Tacrin – ein Medikament, das der Behandlung von Alzheimer dient – genommen hatten, um sich komplexe Streckenverläufe besser einprägen zu können.

Tacrin ist jedoch keine Substanz, die sich auf der WADA-Liste der verbotenen Substanzen befindet, und es ist fraglich, ob ein zugelassener Wirkstoff zu Doping zählt, selbst wenn er bekanntlich die Leistung steigert.

Unterschiedliche Standards in der Vergangenheit

Natürlich war das nicht immer so. In der Geschichte gab es Fahrer, die unter dem Einfluss von Morphium, Amphetaminen und vielem mehr gefahren sind.

„Ich habe auch Drogen genommen“, gesteht Stirling Moss, Rennlegende aus den 1950er-Jahren. „Nicht während eines Rennens, sondern bei Rallyes. Das war die Norm. Zu dieser Zeit sah man diese Stoffe nicht als Drogen an. Die ganze Drogensache kam erst auf, als Sportlerinnen und Sportler begannen, mit den Stoffen ihre Körper zu verbessern.“

„Aber soweit ich weiß, gibt es nichts, was man nehmen kann, um seine Fähigkeit als Fahrer zu verbessern. Man nahm Amphetamine, Benzedrine oder Dexedrine, um sich wach zu halten.“

„Ich habe keine Ahnung, was in denen war, die mir [Juan Manuel] Fangio [1955 vor der Mille Miglia] gegeben hat, aber heute würde es sicherlich zu den verbotenen Substanzen gehören.“

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Urheber Kate Walker
Artikelsorte Analyse