Analyse: Was steckt hinter den Heckflügelsorgen bei Red Bull?

Ein genauerer Blick auf die Heckflügel von Red Bull zeigt, dass die Probleme in den USA und in Mexiko nicht direkt miteinander zu tun hatten

Analyse: Was steckt hinter den Heckflügelsorgen bei Red Bull?

Was für Mercedes die Motorensorgen, das sind für Red Bull die Heckflügel: Jedes der beiden Teams, die um die Formel-1-WM kämpfen, scheint im Endspurt der Saison 2021 seine Achillesferse zu haben.

Beim Grand Prix der USA in Austin stellte Red Bull nach dem dritten Freien Training einen Haarriss an Max Verstappens Heckflügel fest, der in letzter Minute vor dem Qualifying gekittet werden musste.

Am vergangenen Wochenende in Mexiko wurde dann beobachtet, wie die Red-Bull-Mechaniker noch Minuten vor Beginn des Qualifyings emsig an beiden Autos gearbeitet haben. Wieder an den Heckflügeln. Erneut waren nach dem Abschlusstraining potenzielle Probleme identifiziert worden.

Letztendlich konnten sowohl Verstappen als auch Sergio Perez das Qualifying rechtzeitig aufnehmen, allerdings waren die temporären Reparaturen mit einem extrastarken Gewebeband am Heckflügel deutlich sichtbar.

Das Team verschaffte sich damit erstmal Zeit, bis nach dem Qualifying unter geringerem Zeitdruck eine bessere Lösung implementiert werden konnte.

Während Flügelschäden, die bei zwei aufeinanderfolgenden Rennen auftreten, auf ein grundsätzliches Problem mit dem Design der Red-Bull-Heckflügel hindeuten könnten, zeigt eine detailliertere Analyse der Situation, dass es sich um zwei völlig getrennt zu betrachtende Themen handelt.

Die Risse, die auf dem Circuit of The Americas in Austin auf der Hauptplatte des Heckflügels aufgetreten sind, waren vermutlich eine Folge der durch die dortigen Bodenwellen ausgelösten Vibrationen.

Mit Tape verstärkter Heckflügel am Red Bull RB16B

Die roten Pfeile zeigen, wie Red Bull den Flügel notdürftig verstärkt hat

Foto: Motorsport Network

Red Bull war gezwungen, den Riss notdürftig zu verkleben und anschließend mit einem Gewebeband zu sichern (siehe rote Pfeile). Das zeigt, wie exakt in der modernen Formel 1 gearbeitet werden muss, um sich möglicherweise anbahnenden Schäden zuvorzukommen.

Allerdings wirft das auch die Frage auf: Wie weit sind die Teams bereit zu gehen, wenn es darum geht, ihre Performance zu maximieren und durch filigrane Bauteile Gewicht einzusparen? Eine prekäre Frage - besonders vor dem Hintergrund, dass seit 2021 auch eine Budgetobergrenze greift und die Ausgaben gedeckelt sind. Das macht sich insbesondere am Saisonende bemerkbar.

Red Bull war in Austin übrigens nicht das einzige Team, das Schwierigkeiten mit den Bodenwellen hatte. Fernando Alonso (Alpine) musste das Rennen sogar vorzeitig beenden, weil die Vibrationen den Aufbau seines Heckflügels weichgeklopft hatten.

Das Problem, das in Mexiko an den RB16Bs aufgetreten ist, scheint anderer Natur gewesen zu sein. Die hastigen Reparaturen betrafen dort den äußeren Bereich der oberen Flügelplatte (roter Pfeil) und die eingeschnittene Sektion der Flügelendplatte (blaue Pfeile).

Heckflügel Red Bull RB16B

In Mexiko machte sich ein anderes Problem bemerkbar als in Austin

Foto: Motorsport Network

Wichtiges Detail: Der Flügel mit den seitlichen Schlitzen gehört bereits seit einiger Zeit zum High-Downforce-Repertoire von Red Bull, war aber vor Mexiko noch nie zum Einsatz gekommen. Beim ersten Einsatz traten dann Kinderkrankheiten auf - möglicherweise wegen der filigran ausgelegten Verbindungspunkte.

Mexiko ist für aerodynamische Komponenten eine besondere Herausforderung. Zwar ist die Last aufgrund der dünnen Luft in der Höhenlage in der Theorie geringer. Das wird aber wettgemacht durch die Tatsache, dass die Teams dort, auf einer Strecke mit einer langen Geraden und hohen Geschwindigkeiten, trotzdem auf maximalen Anpressdruck setzen.

Die maximale Belastung, die etwa in Monaco auf den Heckflügeln wirkt, wo ein vergleichbarer Flügel zuletzt eingesetzt worden ist, ist nicht im Ansatz vergleichbar mit den Belastungen, die bei Topspeed in Mexiko wirken. Und auch die Kräfte, die wirken, wenn in Mexiko das DRS auf- und wieder zugeklappt wird, sind wegen der erzielten Geschwindigkeiten deutlich höher.

Red Bull bestätigt, dass die Heckflügelthemen in Austin und Mexiko-Stadt unterschiedliche Ursachen hatten: "Es war ein völlig anderer Teil des Flügels betroffen", sagt Teamchef Christian Horner. "Wir haben das davor so noch nicht gesehen. Die Jungs haben aber super Arbeit geleistet und die Flügel provisorisch verstärkt, sodass sie das Wochenende perfekt gehalten haben."

Horner kann auch erklären, warum es insbesondere in der mexikanischen Presse die Vermutung gab, Perez werde von Red Bull benachteiligt. Der Lokalmatador hatte nach dem Qualifying erklärt, dass sein Flügel zwischen Abschlusstraining und Qualifying ans Auto von Verstappen geschraubt wurde.

"Uns fiel auf, dass am Flügel was repariert werden musste. Also haben wir vorbeugend alle Flügel, die wir noch rumliegen hatten, verstärkt. Dafür wurden erstmal beide Flügel von den Autos genommen, und dann haben wir die Autos natürlich bestmöglich wieder zusammengebaut. Außerdem hatte 'Checo' mit seinem Abflug im ersten Training schon einen kaputtgemacht", sagt Horner.

Kaputter Heckflügel am Red Bull RB16B von Sergio Perez in Mexiko

Kaputter Heckflügel am Red Bull RB16B von Sergio Perez in Mexiko

Foto: Giorgio Piola (Motorsport Network)

Das bevorstehende Rennwochenende in Brasilien stellt die Formel-1-Teams zwar auch vor große Herausforderungen. Dass sich aber die Umstände, die die Flügelprobleme bei Red Bull in den USA und in Mexiko ausgelöst haben, wiederholen werden, das gilt als unwahrscheinlich.

Mit Bildmaterial von Motorsport Network.

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