Blick in die Geschichte: Die Formel 1 und ihre Rennabsagen

Der Große Preis von Belgien 2021 entkam der kompletten Absage nur hauchdünn - Ein Blick in die Geschichte der Absagen und Verschiebungen

Blick in die Geschichte: Die Formel 1 und ihre Rennabsagen

An Absagen und Verschiebungen musste sich die Formel 1 in den vergangenen beiden Jahren gewöhnen. Aufgrund des Wetters wurde aber noch nie ein Rennen abgesagt. Das bleibt auch vorerst so, denn zumindest ein paar Safety-Car-Runden gab es heute in Spa-Francorchamps zu sehen.

Suzuka war schon mehrfach nah dran. Dort fielen jedoch nur Samstage ins Wasser, weil 2004 und 2019 jeweils ein Taifun heranrauschte. Auch der Zeitplan in den USA 2015 wurde durch das Wetter über den Haufen geworfen.

Die Rennen fanden jedoch immer statt. Manche mussten jedoch verkürzt werden, sodass wir in Adelaide 1991 nur 14 Runden zu sehen bekamen. Das waren aber immerhin mehr als am Sonntag in Spa-Francorchamps.

Womit die Formel 1 aber in der Coronazeit schon mehrfach zu tun hatte, waren diverse andere Rennabsagen und -verschiebungen im Vorfeld. Das war in den Jahren vor Corona eigentlich kaum ein Thema. Da wurde höchstens mal ein Termin verschoben, aber kaum einmal ein Rennen abgesagt, wenn es einmal im fertig ratifizierten Kalender erschien.

In den früheren Jahrzehnten waren Absagen jedoch schon häufiger ein Thema, weil es eine entspanntere Einstellung zum Kalender gab. Rennen wurden häufig aus kommerziellen oder sicherheitsrelevanten Gründen abgesagt.

In diesen Tagen sind die Events jedoch ein immenses Unterfangen, sowohl finanziell als auch logistisch. Daher werden sie nicht in den Kalender aufgenommen, wenn Zweifel an ihrer wirtschaftlichen Tragfähigkeit oder an den praktischen Möglichkeiten bestehen, einen neuen oder umgebauten Veranstaltungsort rechtzeitig fertigzustellen.

2011 Bahrain: Absage kurz vor Saisonstart

Was man nicht einplanen kann: sogenannte "Force-Majeure"-Angelegenheiten. Also Dinge, die man nicht beeinflussen kann. So wie mit dem Coronavirus in den vergangenen Jahren.

Da wurden Rennen - mit Ausnahme von Australien 2020 - meist weit im Vorfeld abgesagt. Anders war es mit der letzten Absage davor: Anfang 2011 wurde klar, dass die Formel 1 aufgrund der politischen Lage und der zivilen Unruhen in Bahrain nicht fahren kann. Die Entscheidung fiel am 21. Februar, etwas mehr als zwei Wochen vor dem geplanten Saisoneröffnungsrennen am 13. März.

Bernie Ecclestone sagte später, dass ihm die Hände gebunden waren: "Kurz vor der Krise war ich mit dem Kronprinzen beim Mittagessen, und es gab keinerlei Anzeichen dafür, was nur wenige Tage später passieren würde. Er hatte viele Ideen für die Zukunft, doch dann kam die Kettenreaktion. Es gab kaum Zeit zum Reagieren. Wir brauchten eine Entscheidung bis zum 21. Februar, und das habe ich ihm gesagt."

"Er fragte mich, was ich an seiner Stelle tun würde, und ich habe gesagt: 'Du bist hier. Wir in Europa sind nur selten in der Situation, eine ernsthafte Einschätzung der Lage vornehmen zu müssen. Entscheide, was am besten für dein Land ist'. Dann hat er das Rennen abgesagt, und ich denke, das war die richtige Entscheidung. Es war nicht einfach, da die Formel 1 Bahrain auf die Landkarte gebracht hat."

Wenn die Politik nicht mitspielt

Zuvor wurde die Formel 1 überraschend selten von so etwas getroffen. Und selbst wenn, dann waren es häufig kommerzielle Gründe.

So zum Beispiel 1956, als die Suezkrise die weltweite Wirtschaft traf und die Ölpreise anstiegen ließ. Die Rennen in den Niederlanden und Spanien wurden abgesagt, genau wie ein Jahr später erneut das Rennen in den Niederlanden sowie der belgische Grand Prix.

Die schwierige politische Situation in Argentinien führte dazu, dass das Land seinen Grand Prix nach 1960 verlor. In den 70ern kehrte das Rennen zurück, wurde aber 1976 wenige Wochen vor der geplanten Austragung abgesagt. Die eskalierende Falkland-Situation führte zur Absage 1982. Zunächst wurden Sponsoringgründe angeführt, doch das Rennen fehlte über ein Jahrzehnt.

Der weltweit immer lauter werdende Widerstand gegen die Apartheid spielte in der Geschichte des GP von Südafrika eine Rolle. Auf Druck der französischen Regierung boykottierten die Teams von Renault und Ligier das Rennen 1985, und im folgenden Jahr wurde die Veranstaltung fallengelassen.

Sicherheit als Absagegrund

Manchmal spielte auch Sicherheit eine Rolle, vor allem 1955 nach der Katastrophe von Le Mans, bei der mehr als 80 Menschen ihr Leben ließen. In jenem Jahr wurden die Grands Prix von Frankreich, Deutschland, Spanien und der Schweiz abgesagt - und die Schweiz verhängte ein Verbot des Sports.

Nun könnte man argumentieren, dass die Absagen 1955 auch mit der breiten Welt der Politik und öffentlicher Sicherheit zu tun hatten, aber die meisten abgesagten Rennen sollten auf Anlagen stattfinden, bei denen die Fahrer ohnehin Bedenken hatten oder die von der FIA geforderte Umbaumaßnahmen zu langsam oder gar nicht umsetzen konnten.

Jackie Stewart

Jackie Stewart machte gegen eine Austragung von Belgien 1969 mobil

Foto: LAT

Jackie Stewarts Sicherheitskampagne nahm 1969 Fahrt auf und Belgien wurde rausgeschmissen, weil Spa als zu unsicher galt. 1970 kehrte das Rennen zurück, war aber 1971 wieder weg, bevor Nivelles und Zolder übernahmen.

Eine Zuschauerinvasion beim Grand Prix von Mexiko 1970 trug dazu bei, dass das Rennen 1971 nicht stattfand. Der Grand Prix der Niederlande wurde 1972 wegen Bauarbeiten nicht ausgetragen, und 1997 wurde der Grand Prix von Portugal zu einem späten Zeitpunkt gestrichen, weil die Rennstrecke nicht die erforderlichen Aktualisierungen vorgenommen hatte.

Einmal drin und dann doch nicht

Es wäre fast unmöglich, eine Liste der Rennen zu erstellen, die aus kommerziellen Gründen gestrichen wurden. Theoretisch müsste man immer das erste Jahr nehmen, bei dem ein Rennen nicht mehr im Kalender ist - auch wenn es nicht im offiziellen Kalender aufgetaucht ist.

So gab es allein in der modernen Ära Pläne für Rennen in der Türkei 2012, Valencia 2013, Südkorea 2014 und Indien 2014. Keines dieser Rennen fand statt, weil die finanzielle Bürde eines modernen Tilkedroms und der horrenden Antrittskosten zu viel war.

Wenn man weiter zurückschaut, dann zählen zu verlorenen Events auch Fuji 1978, Anderstorp 1979, Las Vegas 1983, Dallas 1985 und Phoenix 1992. Und es gibt viele weitere Beispiele. Selbst vor der Ecclestone-Ära wurden Rennen aus finanziellen Gründen abgesagt - genauer gesagt, weil man sich nicht auf ein Startgeld einigen konnte.

Einige Events überlebten eine kurze Auszeit und kehrten wieder in den Kalender zurück. Montreal fehlte 1987 und 2009, Spa 2003 und 2006 - einmal als das Tabakwerbeverbot einen Einfluss hatte und einmal als fehlende Zeit für Updates als offizieller Grund angegeben wurde.

Angekündigt und nie gekommen

Die interessanteste Kategorie sind aber Events, die im Kalender aufgetaucht sind, die aber am Ende nie passiert sind. Das jüngste Beispiel ist der Vietnam-Grand-Prix, der 2020 und 2021 im Kalender stand, aber nie kam.

Einen Grand Prix anzukündigen ist einfach, aber ihn auch durchzuführen ist schwierig. Ecclestone hat im Laufe der Jahre Hunderte von Möchtegern-Promotoren empfangen, und er war in der Regel recht erfolgreich darin, die Zeitverschwender auszusortieren.

Max Mosley, Bernie Ecclestone

Bernie Ecclestone war gut im Aussortieren unseriöser Interessenten

Foto: Motorsport Images

Allerdings war es oft eine Henne-Ei-Situation - die Leute, die ein Rennen ankündigten, brauchten eine feste Zusage und damit einen Vertrag und einen Termin im Kalender, um die Mittel aufzubringen, mit denen sie ihren Traum in die Tat umsetzen konnten.

Das spektakulärste Scheitern der letzten Zeit war die Veranstaltung in Port Imperial, New York/New Jersey. Herrmann Tilke hatte einen Straßenkurs entworfen, die Vorbereitungen hatten begonnen, und David Coulthard war mit einem Red-Bull-Demoauto auf der geplanten Strecke herumgeflitzt.

Das Rennen stand im Kalender für 2013 - und doch bekam Promoter Leo Hindery nicht die nötige Unterstützung zusammen, sodass das Projekt schließlich scheiterte.

Ein solcher Flop ist für die heutige Zeit ungewöhnlich. In den frühen 2000er-Jahren hatte Bernie so viele erfolgreiche Veranstaltungen, die oft von lokalen oder nationalen Regierungen unterstützt wurden, dass er sich selten mit Leuten einließ, die ihm nicht halfen.

Einmalig: Absage während des laufenden Wochenendes

Früher gab es noch viele Absagen, die längst vergessen sind. Moskau sollte 1982 und 1983 stattfinden, New York 1983 bis 1985. In dem Jahr wurden auch Stadtrennen für Rom und die spanische Küstenstadt Fuengirola angesetzt.

1998 sollte erstmals ein China-Grand-Prix in Zhuhai stattfinden, und Bernie hatte für seine Asien-Expansion einen Deal mit Südkorea für 1998 bis 2002 abgeschlossen. Und das sind nur einige Projekte, die es zumindest in den provisorischen Kalender geschafft haben. Viele andere waren nur Träume.

Nur einmal in der Geschichte lief ein Grand-Prix-Wochenende schon, bevor das Rennen abgesagt wurde: Spa 1985. Eine Neuasphaltierung fand kurz vor dem Wochenende statt, und als die Strecke am Freitag aufbrach, sagte man den Event ab. Das Rahmenrennen der Formel 3000 fand am Samstag trotzdem statt.

Der Grand Prix selbst wurde vom 2. Juni auf den 15. September verschoben, und mit reparierter Strecke lief alles nach Plan.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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