Formel-1-Technik mit Giorgio Piola
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Brennpunkt "Wunderfelge": Wie Mercedes an den Distanzscheiben feilt

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Brennpunkt
Autor: Giorgio Piola , Featured writer
Co-Autor: Matt Somerfield
19.11.2018, 10:55

Der Mercedes-Felgentrick in der Detailanalyse: Wie man an den Distanzscheiben tüftelt, warum die Idee nicht neu ist und Abu Dhabi sich für einen Einsatz anbietet

Die "Wunderfelgen" von Mercedes waren bei den vergangenen Formel-1-Wochenenden aus technischer Sicht das große Thema, auch wenn diese seit dem Japan-Grand-Prix nicht mehr im Rennen eingesetzt wurden. Dabei handelt es sich konkret gar nicht um einen speziellen Felgentyp. Den Unterschied machen die mit Löchern versehenen Distanzscheiben, die mal offen und mal geschlossen gefahren werden.

Das gefällt Ferrari nicht: Die Scuderia droht mit einem Protest, weil man das Design - da sich die Felgen drehen - für ein bewegliches, aerodynamisches Hilfsmittel hält, was laut Reglement verboten ist. Die FIA sieht das anders: FIA-Ingenieur Nikolas Tombazis und auch die Rennkommissare stuften den Felgentrick von Mercedes zuletzt als Maßnahme zur Kühlung ein.

Dennoch wollen die "Silberpfeile" offensichtlich keinen Protest Ferraris und damit etwaige Schummel-Vorwürfe riskieren. Denn theoretisch könnten sich die Rennkommissare auch noch umentscheiden und der Ferrari-Argumentation recht geben.

Neue Version in Sao Paulo eine falsche Fährte?

Mercedes W09 rims comparison

Mercedes W09 rims comparison

Photo by: Giorgio Piola

Das heißt allerdings nicht, dass Mercedes die Idee bereits verworfen hat. Denn die Ingenieure um James Allison haben die erstmals in Spa-Francorchamps gezeigte Lösung, die bei fünf Rennen zum Einsatz kam, zuletzt weiterentwickelt und in den Freitag-Trainings getestet.

Das kann zwei Gründe haben: Entweder man sammelt tatsächlich Daten für die kommende Saison oder man versucht, die Konkurrenz bewusst auf eine falsche Fährte zu locken, schließlich weiß man längst, dass die Felgen derzeit im Fokus von Ferrari & Co. stehen. Und auch die FIA verfolgt das Thema mit einem besonderen Interesse.

Man darf gespannt sein, wie Mercedes beim Saisonfinale in Abu Dhabi agieren wird. Da nun endlich beide WM-Titel in trockenen Tüchern sind, könnte man das Rennen auf der Yas-Insel dazu nutzen, um die mit Löchern versehenen Distanzscheiben einzusetzen. Dann wüsste man auch, ob Ferrari oder ein anderes Team auch wirklich gegen die Entwicklung protestiert und wie die FIA mit der Angelegenheit umgeht.

Schmaler Grat zwischen legal und illegal

Für 2019 könnte der Trick noch wichtiger werden, da es das neue Reglement fast unmöglich macht, Luft über den Frontflügel nach außen zu drücken, was aerodynamische Vorteile bringt. Wenn die Felge dabei helfen kann, wäre das ein willkommener Effekt. Spätestens damit würde man sich aber auf gefährlichem Terrain bewegen, da es sich um einen aerodynamischen Eingriff handelt.

Red Bull RB8 blown axle wheel detail

Red Bull RB8 blown axle wheel detail

Photo by: Giorgio Piola

Das weiß niemand besser als Red Bull. Das einstige Weltmeisterteam bohrte 2012 Löcher direkt in die Radnabe an der Vorderachse, was nach fünf Rennen in Montreal als illegal eingestuft wurde. Die Luft wurde damals über die Bremsbelüftungen durch die Achse geleitet und trat über die Öffnungen wieder aus, um den Luftstrom nach außen zu drücken. Die FIA argumentierte, es handle sich um ein bewegliches aerodynamisches Hilfsmittel.

McLaren: Schon 2012 Löcher in den hinteren Felgen

Der Unterschied ist, dass es beim Mercedes-Design nicht wie bei Red Bull um die Vorder-, sondern um die Hinterachse geht. Während der Hintergrund bei der Truppe aus Milton Keynes eindeutig aerodynamischer Natur war, steht bei Mercedes - so interpretiert es die FIA - die Kühlung der Gummis im Vordergrund.

McLaren MP4-27 rim, captioned

McLaren MP4-27 rim, captioned

Photo by: Giorgio Piola

Dass es nicht neu ist, mit Löchern in den Felgen an der Hinterachse zu experimentieren, beweist übrigens das Felgendesign von McLaren aus der Saison 2012. Damals wurde der Bereich zwischen Speichen und Radkranz mit zusätzlichen Löchern versehen.

Obwohl die Lösung deutlich simpler war als die von Mercedes, hatte sie ebenfalls zum Ziel, die Temperaturen der Bremsen, der Felge und der Reifen perfekt aufeinander abzustimmen.

Mercedes auch beim Halo detailverliebt

Mercedes W09 halo fairing comparison

Mercedes W09 halo fairing comparison

Photo by: Giorgio Piola

Detailverliebt zeigt sich Mercedes derzeit übrigens nicht nur bei den Felgen, sondern auch beim Cockpitschutz Halo. Laut Reglement haben die Teams 20 Millimeter Spielraum, um den Bügel mit aerodynamischen Elementen zu verkleiden. Die in Singapur erstmals getestete Halo-Variante, die mit Flügelelementen verkleidet ist, kommt bei den Silberpfeilen seit Mexiko auch zu Rennehren.

Schon seit dem Deutschland-Grand-Prix ist der Bügel kurz vor der Befestigung an der Airbox mit scharfen Außenkanten versehen. Sie wurden seitdem immer wieder leicht verändert und sollen den Luftstrom nach hintern verbessern.

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