Charles Leclerc erklärt: Warum Überholen jetzt eine Mentalleistung ist
Mehr elektrische Leistung verändert das Racing in der Formel 1: Charles Leclerc erklärt, warum Überholen mehr denn je ein strategisches Denken erfordert
Charles Leclerc im Duell mit George Russell beim Formel-1-Auftakt 2026
Foto: Formel 1
Ferrari-Fahrer Charles Leclerc hat in der Anfangsphase in Australien im Zweikampf mit dem späteren Rennsieger George Russell erlebt, was die neuen Formel-1-Regeln konkret bedeuten - und wie sich das Racing in der Saison 2026 anfühlt. Nun schilderte Leclerc seine ersten Eindrücke zum Zweikampf-Verhalten der neuen Autos mit höherer elektrischer Leistung.
"Es geht vor allem darum, viel stärker vorauszudenken als früher", sagte Leclerc. "In der Vergangenheit konnte man relativ viel Risiko eingehen und ein Überholmanöver einfach durchziehen."
"Heute muss man sich überlegen: Wenn ich diese Aktion jetzt starte, was passiert auf der nächsten Geraden oder vielleicht auf der übernächsten? Denn wenn man die Energie einsetzt, zahlt man eine oder zwei Geraden später den Preis dafür. Der Verlust kommt nicht sofort, sondern erst später."
"All diese Dinge gehen einem während der Fahrt ständig durch den Kopf, und man muss sie permanent gegeneinander abwägen. Man muss also beurteilen, ob ein Überholmanöver, das man jetzt einleitet, einen später stärker benachteiligt oder ob man die Position danach halten kann", erklärte Leclerc.
Wie viele Informationen braucht der Fahrer im Auto?
Entscheidend sei außerdem die Kommunikation mit dem Renningenieur. "Derzeit findet jeder noch ein wenig heraus, welche Informationen er als Fahrer braucht", sagte Leclerc. "Mit der Zeit werden wir klarere Vorstellungen davon haben, welche Informationen und Systeme wir im Auto benötigen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen."
Denn bisher habe er sich zumindest auf "Intuition" verlassen, erklärte Leclerc. "Das führt zu Situationen wie am Anfang des Rennens, in denen man einen ziemlich starken Jo-Jo-Effekt sieht."
Formel 1 2026 widerspricht Fahrer-Grundsätzen
Daran muss sich auch Lando Norris noch gewöhnen. Der Formel-1-Weltmeister von 2025 empfindet das Fahrverhalten der neuen Autos als "völlig anders als das, womit wir aufgewachsen sind".
Norris sagte: "Es fühlt sich ziemlich seltsam an, an bestimmten Stellen so wenig Gas wie möglich zu geben, obwohl man eigentlich voll beschleunigen möchte. Oder in manche Kurven früh vom Gas zu gehen und rollen zu lassen. Das ist einfach nicht die Art, wie wir gelernt haben zu fahren oder wie wir eigentlich fahren wollen. Aber wir müssen das Beste daraus machen."
War früher wirklich alles besser?
Ganz neu ist dieses Verhalten aber nicht in der Formel 1, wie Leclerc betonte: "Ehrlich gesagt gab es solche Situationen auch früher, nur in spezielleren Momenten."
"Ich erinnere mich zum Beispiel an mein Duell mit Max Verstappen 2022 in Dschidda. Damals haben wir beim Bremsen auch ungewöhnliche Dinge gemacht, um hintereinander über die DRS-Messlinie zu fahren. Solche taktischen Spielchen gab es also schon vorher, nur aus anderen Gründen."
"Heute geht es um ein ganz anderes Thema, und man macht solche taktischen Spielchen deutlich häufiger. Es geht darum, ein Überholmanöver optimal vorzubereiten. Und es geht nicht mehr nur um das Überholen selbst: Ein Manöver allein reicht nicht mehr aus. Man muss überlegen, wie man am Gegner vorbeikommt und dabei möglichst wenig Energie verbraucht", erklärte Leclerc.
Wie künstlich Überholmanöver jetzt sind
Die neuen Regeln hätten die Formel 1 aus Fahrersicht "komplexer" gemacht, aber das Racing nicht geschmälert. Leclerc jedenfalls hatte "nicht das Gefühl, dass die Überholmanöver künstlich waren - vielleicht mit Ausnahme eines Manövers von George in Kurve 3, bei dem er deutlich mehr Energie eingesetzt hat. Der Rest war ziemlich unterhaltsam."
"Insgesamt glaube ich, dass wir weiterhin genauso viele gute Überholmanöver sehen werden wie früher. Nur die Gesamtzahl wird steigen, weil zusätzliche Manöver durch den Energieeinsatz entstehen. Denn wenn die Energie nicht richtig eingesetzt wird, kann das einen großen Unterschied machen."
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