Daniel Ricciardo nach Barcelona: "Es gibt drei Arten von Spaß ..."

Warum Daniel Ricciardo den Spanien-Grand-Prix als sein bisher bestes McLaren-Rennen wertet und wie Teamchef Andreas Seidl die Leistung einstuft

Daniel Ricciardo nach Barcelona: "Es gibt drei Arten von Spaß ..."

Siebter im Qualifying, Sechster im Rennen, dazu beide Male vor dem Teamkollegen: Daniel Ricciardo darf den Spanien-Grand-Prix 2021 in Barcelona als Erfolg verbuchen, und als einen ersten Fingerzeig in seiner noch jungen McLaren-Karriere. Das tut er auch: Ricciardo spricht nach dem vierten Saisonlauf von einem "alles in allem guten Rennen".

Dass er sich über weite Strecken des Grand Prix habe verteidigen müssen, sei gut und schlecht zugleich gewesen, meint er. "Es gibt drei Arten von Spaß. Erstens: gewinnen. Zweitens: angreifen. Drittens: verteidigen. Das hier war also die geringste Schwelle von Spaß, aber immer noch unterhaltsam."

Vor allem sei es für ihn persönlich sogar "wirklich gut" gewesen, rundenlang unter dem Druck seiner Verfolger zu stehen, sagt Ricciardo. "Denn das hat mich dazu gezwungen, im Auto zu attackieren, ohne die Reifen zu schonen." Und dabei habe er vieles über den McLaren MCL35M gelernt.

Was Ricciardo in Barcelona über sein Auto gelernt hat

Ricciardo erklärt: "Manchmal bist du ja alleine auf weiter Flur und versuchst die Reifen zu schonen. Dann aber merkst du irgendwann: Hoppla, ich hätte zu der Zeit im Rennen schneller sein können. Der Druck hat mich also dazu gezwungen, mehr zu pushen, und deshalb habe ich das Auto am Limit etwas besser kennengelernt."

Vor allem das Duell mit Red-Bull-Fahrer Sergio Perez habe ihm enorm weitergeholfen, sagt Ricciardo. Er habe "alles" geben müssen, um ihn hinter sich zu halten. Tatsächlich schlug sich Ricciardo im vermeintlich langsameren Auto beachtlich: Von Runde 30 bis Runde 45 hatte Perez nur in drei Fällen kein DRS, fand aber trotzdem keinen Weg vorbei.

"Er war schneller", meint Ricciardo. "Es gab aber praktisch nur Kurve 1 [als Überholstelle]. Ich dachte mir: Wenn ich nur den letzten Sektor sauber hinkriege, dann rettet mich das. Man weiß es nicht. Vielleicht bekommt er nach all den Runden hinter mir am Ende ja noch Probleme mit den Reifen. Also sagte ich mir, ich verteidige so lange wie möglich."

Ferrari-Mann Sainz schafft kein Überholmanöver

Genau deshalb habe er die "höhere Gangart" angeschlagen, die ihm dabei geholfen habe, ein besseres Verständnis des eigenen Autos zu erlangen. "Das war gut, aber irgendwann konnte ich ihn nicht mehr halten", sagt Ricciardo. Perez sei dann mit einem "guten Manöver" in Kurve 1 vorbeigegangen. "Ich wollte da keinen Schaden riskieren und ließ ihn ziehen."

Schon in Runde 53 aber wurde mit Ferrari-Mann Carlos Sainz der nächste potenziell schnellere Fahrer am Heck Ricciardos vorstellig. Ihn schüttelte er häufiger ab aus dem DRS-Fenster und behielt am Ende auch die sechste Position bis ins Ziel.

Auch aufgrund dessen wertet Ricciardo den Spanien-Grand-Prix als ein "eher ermutigendes Wochenende", so sagt er. "Ich denke, ich persönlich habe einen kleinen Schritt nach vorne gemacht."

Ricciardo vs. Norris: Erstmals besser im Rennen!

"Es gab Momente im Rennen, da wusste ich, ich würde eine Kurve perfekt erwischen und schnell wieder rausbeschleunigen. Bei anderen Gelegenheiten stand das Vorderrad oder das Heck ging etwas weg. Es ist ein schmaler Grat. Dieses Mal lief es aber in den meisten Fällen gut, wenn auch mit ein paar Fehlern hier und da. Wir haben also noch ein paar Baustellen."

Daniel Ricciardo

Daniel Ricciardo hat jetzt einen besseren Eindruck, was den MCL35M ausmacht

Foto: Motorsport Images

Dabei sieht der teaminterne Vergleich zu Lando Norris inzwischen deutlich freundlicher aus für Ricciardo: In Barcelona stellte er im Qualifying auf 3:1 und landete im Rennen seinen ersten Sieg über den Teamkollegen.

Ricciardo selbst aber denkt auch in größeren Maßstäben und fordert Verbesserungen von McLaren ein. Tenor: "Wir müssen mehr Leistung finden. Selbst Carlos hat mich am Ende unter Druck gesetzt, und das in meiner Dirty-Air. Also ja, da muss was kommen von unserer Seite. Wir brauchen einfach mehr Abtrieb, denn Abtrieb ist König."

Wie die McLaren-Updates anschlagen

Zum Beispiel Ferrari sei seinem Team in diesem Punkt voraus, meint Ricciardo. "Sie hatten ein gutes Auto und ein gutes Rennen. Charles [Leclerc] zog langsam von mir davon, später sah ich ihn nicht mehr. Unser Motto muss also lauten: Vollgas. Damit wir bald aufholen."

Die in Barcelona verwendeten Updates, unter anderem am Frontflügel, seien ein Schritt in die richtige Richtung. "Am Samstag", sagt Ricciardo, "sind uns Fortschritte gelungen, mit mehr Abtrieb an der Vorderachse. Das ist gut. Jetzt braucht es noch ein bisschen mehr davon, auch am Heck."

"Die nächsten Wochen dürften daher arbeitsintensiv werden, aber geschenkt wird dir im Leben nichts."

Teamchef Seidl räumt Ricciardo noch Schonfrist ein

Letzteres hat Ricciardo auch bei seiner weiter anhaltenden Umstellung von Renault auf McLaren erfahren. Teamchef Andreas Seidl aber gesteht seinem Formel-1-Fahrer diese Zeit auch zu.

"Wir wussten schon, dass es eine Herausforderung darstellt, über den Winter das Team zu wechseln, wo die Testzeit doch sehr begrenzt ist. Da ist es schwierig, sich an das Auto zu gewöhnen, eins zu werden mit dem Fahrzeug", sagt Seidl.

"Wir sind da noch nicht, wo wir hin wollen, wo Daniel hin will. Aber wie ich schon oft gesagt habe: Ich bin zu hundert Prozent davon überzeugt, dass es nur eine Frage weiterer Rennen ist. Dann sehen wir die Leistung, die wir von Daniel gewohnt sind."

Klare Ansage von McLaren: Beide Autos in die Top 10, immer!

Und dann lohne sich die Investition in Ricciardo umso mehr, glaubt Seidl. Denn er hält den Australier für einen guten Entwickler. "Er als Fahrer weiß, was er vom Auto braucht, um schnell zu sein", erklärt Seidl. Wenn Ricciardo erst einmal voll da sei im MCL35M, dann werde sich das auf vielen Ebenen positiv bemerkbar machen.

An dieser Stelle komme auch Norris ins Spiel, der in seinem bereits dritten Formel-1-Jahr ebenfalls über ausreichend Erfahrung verfüge, um das Team voranzubringen, sagt Seidl. "Und ich als Teamchef brauche einfach zwei Fahrer, die sich gegenseitig pushen, die die Autos auf der Strecke ans Limit bringen."

"Denn wenn du weiter im Kampf um die Konstrukteurswertung mitspielen willst, dann müssen deine beiden Autos ständig zur stelle sein, immer in einer Punkteposition."

Letzteres hat McLaren in der bisherigen Saison 2021 erreicht, übrigens als einziges Team. Niemand sonst war in allen vier Rennen mit jeweils beiden Autos in den Top 10 vertreten.

Ob sich dieser Trend in Monaco fortsetzt? Ricciardo fühlt sich "ermutigt", nicht nur von Barcelona, sondern auch von früheren McLaren-Ergebnissen im Fürstentum. Was das bedeuten könne, werde "die Zeit zeigen", meint er. "Es braucht unterm Strich eben das Auto, das dir den letzten Schritt ermöglicht." Eben diesen könnte Ricciardo in Barcelona gemacht haben.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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