Daniel Ricciardo nach erstem Sieg für McLaren: Ist die Krise überwunden?

Daniel Ricciardo hat das Siegen in der Formel 1 vermisst und ist seit der Sommerpause wieder in der Spur - Ist der Knoten jetzt endgültig geplatzt?

Daniel Ricciardo nach erstem Sieg für McLaren: Ist die Krise überwunden?

"Er bedeutet mir alles", sagt Daniel Ricciardo nach seinem Sieg beim vergangenen Formel-1-Rennen in Monza. Der Australier gewann damit nicht nur seinen ersten Grand Prix nach drei Jahren Durststrecke, er kämpfte sich auch aus einer schwierigen Phase heraus, die ihn in dieser Saison mehr als einmal ins Grübeln brachte.

Viel war vom Australier nach dessen Wechsel von Renault zu McLaren erwartet worden, doch in der ersten Saisonhälfte wurde er komplett von Teamkollege Lando Norris überschattet. Der Brite war der Shootingstar und lag lange Zeit sogar vor Valtteri Bottas und Sergio Perez auf Platz drei in der Fahrer-WM. Da konnte Ricciardo nicht mithalten.

Ein Podest war ihm bis Monza nicht gelungen, und vor der Sommerpause hatte er sieben Qualifying-Duelle in Folge verloren. Teilweise wirkte er richtig ratlos, wie Norris so viel mehr aus dem McLaren MCL35M herausholen konnte. Vor allem in Monaco fragte er sich, wie Norris rund eine Sekunde schneller fahren kann.

Und im Rennen wurde er dann sogar vom Briten überrundet. Die ultimative Demütigung.

Irgendetwas war fremd ...

"Irgendetwas war in diesem Jahr fremd für mich", sagt er. "Irgendetwas hat mich mehr herausgefordert als je zuvor." Und zu seinem Pech konnte das natürlich jeder sehen. "Wir sind ein internationaler Sport, von daher wusste jeder von meinen Problemen", so Ricciardo.

Doch die Suche nach Lösungen gestaltete sich als knifflig. "Der Sport ist schwierig. Es ist nicht immer schwarz-weiß", sagt er. "Manchmal findet man die Antworten nicht so einfach. Aber ich denke, du musst einfach auf deinem Kurs bleiben, weil du dich ganz einfach verlieren kannst."

"Tief in mir gab es Momente voll Frustration und Momente, in denen ich meinen Kopf habe hängen lassen. Aber ich habe mir geschworen, dass das nicht lange anhalten darf. Ich wollte etwas Positives daraus ziehen und daraus lernen", erzählt er.

"Es gab Tage in diesem Jahr, die ich definitiv nicht geliebt habe. Aber die gibt es in jedem Jahr. Nur diesmal vielleicht ein paar mehr", gibt der McLaren-Pilot zu. Eigentlich versucht er sein persönliches Glück aber nicht durch den Sport diktieren zu lassen. "Denn ich habe dreieinhalb Jahre nicht gewonnen, von daher würde ich mich die meiste Zeit ziemlich mies fühlen."

Doch Ricciardo hat gelernt, auch die negativen Gefühle nicht zu ignorieren. Er sagt: "Ich glaube, dass man die guten Tage dadurch besser zu schätzen weiß." Und genau so ging es ihm mit dem Sieg in Monza. "Dadurch waren es die beschissenen Tage wert. Für dieses Hoch, was du in diesem Moment bekommst."

Seidl: Gab einen Grund, wieso wir Daniel wollten

McLaren-Teamchef Andreas Seidl, der in Monza sogar einen Doppelsieg feiern konnte, freut sich für seinen Schützling und sieht sich in der Fahrerwahl bestärkt. "Es gibt einen Grund, wieso wir Daniel haben wollten", sagt er. "Weil er in der Vergangenheit gezeigt hat, dass er ein Topfahrer ist hier im Paddock."

Natürlich habe sich niemand im Team vorgestellt, dass die schwierige Phase des Australiers so lange andauert, doch seit der Sommerpause scheint Ricciardo wieder zu seiner Form gefunden zu haben. In Belgien fuhr er im Regen auf den vierten Startplatz, der dank des abgebrochenen Rennens auch zum vierten Platz geführt hat.

 

In Zandvoort folgte zwar ein schwieriges Rennen ohne Punkte, das lag allerdings eher am nicht so starken McLaren als an Ricciardo, der an dem Wochenende eigentlich schneller war als Norris. Und in Monza folgte dann natürlich das tolle Wochenende mit Startplatz zwei und dem Sieg.

Seidl lobt: "Was er an diesem Wochenende gezeigt hat, war super. Genau das brauchen wir, zwei bockstarke Fahrer in dem Kampf mit Ferrari und auf der Reise, auf der wir uns befinden", sagt er. "Wir wollen wieder nach vorne in der Formel 1, und da ist natürlich so ein Event ein super Boost für das ganze Team."

War die Auszeit der Schlüssel?

Die Frage ist nur: Ist das nur ein kurzes Zwischenhoch oder ist der Knoten bei Ricciardo nun geplatzt? "Ich habe das ganze Jahr nur Sandbagging betrieben", lacht der Australier.

Doch im Ernst: "Es gab viele Tiefen in diesem Jahr, aber tief in mir habe ich nicht den Glauben verloren. Ich denke, es hat schon geholfen, einfach mal etwas kürzerzutreten und im August eine Pause zu haben."

Daniel Ricciardo

Lange Zeit gab es für den Australier kaum Grund zum Lachen

Foto: Motorsport Images

Lag es wirklich nur an der Auszeit? "Wir wissen alle nicht, was er gemacht hat - und ich möchte es vermutlich auch gar nicht wissen", lacht Seidl, kann der Theorie aber etwas abgewinnen: "Manchmal ist es gut, eine Pause und etwas Distanz zu haben, vor allem nach einer sehr intensiven Zeit, wo er viel Energie investiert hat, aber keine Ergebnisse bekommen hat."

"Und vielleicht hat er genau die Pause gebraucht, um mal etwas kürzerzutreten, zu reflektieren und dann zurückzukommen und alles anzuwenden, woran wir in der ersten Saisonhälfte gearbeitet haben", so Seidl.

Besseres Gefühl im Auto

"Ich freue mich sehr für ihn, dass er diesen Schritt machen und gewinnen konnte. Wir freuen uns auf eine starke zweite Saisonhälfte von ihm und eine weiterhin starke Form von Lando", so der Teamchef weiter.

Ricciardo selbst sagt, dass er bei den Fortschritten mit dem Auto "definitiv näher" an sein Ziel gekommen ist. Und er betont: "Da ist noch mehr drin." Er selbst fühlt sich seit der Sommerpause besser, "auch wenn sich das nicht immer in Rundenzeit niederschlagen muss", wie er sagt.

"Ich fühle mich einfach wohler und habe mehr Zutrauen, und darauf möchte ich aufbauen", so Ricciardo. "Ich denke, dass wir in der zweiten Saisonhälfte etwas mehr Konstanz und hoffentlich mehr solcher Ergebnisse sehen können."

Nach Red Bull: Kein Gedanke an Sieglosigkeit

Viele hatten sich dabei gefragt, ob Ricciardo überhaupt jemals wieder ganz oben auf dem Podest stehen würde. Nach seinem Sieg in Monaco 2018 schien er die Königsfigur auf dem Transfermarkt zu sein und seine Fühler auch zu Ferrari oder Mercedes ausgestreckt zu haben. Am Ende entschied er sich für einen Schritt zurück.

Ricciardo bevorzugte den Wechsel ins Mittelfeld zu Renault, anstatt weiter bei Red Bull an der Seite von Max Verstappen zu fahren. Von Siegen und regelmäßigen Podestplätzen musste er sich erst einmal verabschieden, "aber ich habe nie den Gedanken gehabt: War es das? War Monaco das letzte Mal, dass ich dorthin komme?"

"Ich wusste, dass ich wohl etwas härter dafür arbeiten muss", sagt er, und als er nach eineinhalb Jahren endlich Renaults erstes Podium einfahren könnte, habe ihn das enorm erfüllt.

"Und in Monza war es einfach schön, wieder dort oben zu stehen. Und es mit einem anderen Team zu schaffen, erfüllt einen doch irgendwie mit Stolz. Dass man es geschafft hat und mit einem anderen Team ganz oben steht", so Ricciardo. "Ich mag einfach zu siegen. Siegen ist toll. Es war toll, es wieder geschafft zu haben."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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