Bertrand Gachot: Hätte nie gedacht, dafür ins Gefängnis zu kommen

Bertrand Gachot gilt als Ermöglicher des Formel-1-Debüts von Michael Schumacher: Der Franzose saß damals im Gefängnis und erzählt nun seine Geschichte

Bertrand Gachot: Hätte nie gedacht, dafür ins Gefängnis zu kommen

Heute vor 30 Jahren begann in der Formel 1 eine der großen Erfolgsgeschichten. Michael Schumacher gab beim Großen Preis von Belgien sein Debüt für Jordan und sollte die Königsklasse verzücken - trotz seines nur wenige Meter dauernden Rennens. Doch wo es Gewinner gibt, da gibt es auch Verlierer. Und der heißt in der Schumacher-Story Bertrand Gachot.

Der Franzose ermöglichte Schumacher nämlich sein Debüt auf eine kuriose Weise: Er saß im Gefängnis. Gachot wurde für einen tätlichen Angriff auf einen Taxifahrer in London zu zwei Jahren Haft verurteilt. 30 Jahre später erzählt der heute 58-Jährige im Podcast 'Beyond the Grid' seine Geschichte.

"Ich habe nie erwartet, im Gefängnis zu landen. Ich dachte, dass es nur eine Formalität wäre", sagt Gachot heute. Er hatte damals nur mit einer Geldstrafe gerechnet und war auch nicht ganz glücklich mit der Rolle von Teamchef Eddie Jordan. "Ich muss sagen, dass Eddie Jordan in diesem Fall ein schlechter Schauspieler war, aber wir sind Freunde und lachen darüber."

Drängelnder Taxifahrer

Begonnen hatte die Geschichte im Dezember 1990. Gachot war in London auf dem Weg zu einem Treffen mit Jordan, der in der kommenden Saison ein eigenes Formel-1-Team an den Start bringen wollte, und einigen Sponsorenvertretern.

"Ich war mit dem Auto meiner Freundin unterwegs. Ich hatte Tränengas dabei, weil das in Frankreich als perfektes Verteidigungsmittel galt", erzählt er. "Du sprühst einfach Tränengas und rennst weg, weil du nicht kämpfen möchtest. Ich habe das in ihrem Auto abgelegt. Du konntest das einfach an Tankstellen kaufen."

Jordan selbst soll sich laut Gachot einige Autos hinter ihm befunden haben, als er plötzlich in einen Disput mit einem Taxifahrer geriet. Dieser habe sich im dichten Verkehr vordrängeln wollen, doch Gachot wollte ihn nicht reinlassen. "Aber er hat sich reingedrängelt."

Das ließ sich der Formel-1-Pilot nicht gefallen und stieß den Taxifahrer mit seinem Auto leicht von hinten an. "Es gab keinen Schaden. Es war einfach Stoßstange an Stoßstange. Ich habe ihm einfach einen kleinen Schubs gegeben", behauptet der Franzose und nennt die Aktion heute "dumm".

Doch der Taxifahrer sei ausgestiegen, habe die Tür von Gachots Wagen geöffnet und ihm gesagt, dass er ihn umbringen werde. "Ich hatte keine bessere Idee, als das Tränengas zu benutzen und ihm zu sagen, dass er weggehen soll", erinnert sich Gachot. "Ich wusste nicht, dass es in Großbritannien als Waffe angesehen wird."

"Innerhalb von 30 Sekunden war ich von 200 Taxifahrern umzingelt, die mich töten wollten", erzählt er. Gachot rief die Polizei und kam mit auf das Revier, um sich registrieren zu lassen. Eine halbe Stunde später sei er zu seinem Meeting mit Jordan gegangen.

Jordan hoffte auf Bewährungsstrafe

Neun Monate vergingen, in denen sich der Jordan-Pilot keine großen Gedanken um das Thema gemacht hatte: "Ich habe drei verschiedene Anwälte befragt, und sie haben gesagt, dass ich einen Klaps auf das Handgelenk bekommen würde. Das Schlimmste, was ich bekommen könnte, wäre eine Bewährungsstrafe", meint er. "Und das war auch der Schlüssel."

Denn Eddie Jordan habe gewollt, dass Gachot eine Bewährungsstrafe bekommt. Denn dann hätte er den Vertrag mit ihm auflösen können, weil er den Rennstall in Verruf gebracht hätte. "Für ihn war das ein Schachspiel, nichts Persönliches. Er wollte einfach eine Verhandlungsposition, weil er dringend Geld brauchte."

Michael Schumacher mit Eddie Jordan

Michael Schumacher mit Eddie Jordan

Foto: Sutton Images

Das war auch Gachots Ziel in der Verhandlung: "Ich wollte nicht verurteilt werden, damit der Vertrag mit Eddie nicht aufgelöst werden konnte, weil ich das Team in Verruf bringe. Ich wollte die Vereinbarung nicht brechen. Ich wusste: Sonst wäre ich raus."

Zunächst sah es auch gut aus. Unter den Geschworenen habe laut ihm keine Einstimmigkeit geherrscht, auch eine Mehrheit fand sich nicht. "Aber als das Urteil kam, war der ganze Saal erstaunt. Denn es waren zwei Jahre Gefängnis", sagt Gachot. "Das war die härteste Strafe, die jemals für den Einsatz von Tränengas ausgesprochen wurde."

Direkt ins Gefängnis, ohne über LOS! zu gehen

Gachot wurde sofort ins Gefängnis nach Brixton gebracht und konnte auch nicht mit Jordan sprechen. "Ich konnte es nicht fassen", erinnert er sich. Zum Gerichtstermin war er zuvor nur mit einem Anwalt aufgetaucht. "Ich habe wirklich nicht geglaubt, dass es ein Problem werden könnte. Ich war viel zu zuversichtlich. Ich habe es nicht realisiert. Das war mein Fehler."

Die Formel-1-Karriere von Gachot lag erst einmal auf Eis. Dass ihn Jordan aus dem Team haben wollte, glaubt er aber bis heute nicht. "Er wollte, dass ich noch mehr Geld finde. Er hatte keine Wahl. Er hat mir in die Augen gesehen und gesagt: 'Wir sind Freunde, aber wenn ich mich zwischen Freundschaft und meinem Geschäft entscheiden muss, dann wähle ich mein Geschäft.'"

Bertrand Gachot

Bertrand Gachots Garriere geriet durch die Gefängnisstrafe ins Schleudern

Foto: LAT

Und so kam schließlich Michael Schumacher in Belgien zu seinem Formel-1-Debüt. Ein Rennen später war er bei Jordan aber schon wieder weg, weil er von Benetton abgeworben wurde.

Und Gachot? Der kam nach zwei Monaten im Gefängnis wieder frei, weil das Berufungsgericht seine Strafe abmilderte. Noch im November fuhr er für Larrousse das Saisonfinale in Adelaide, für das er sich jedoch nicht qualifizieren konnte. Nach drei weiteren Saisons für Larrousse und Pacific ging seine Formel-1-Zeit 1995 zu Ende.

Doch sein Name wird immer untrennbar mit dem Formel-1-Debüt von Michael Schumacher verbunden sein.

Mit Bildmaterial von LAT.

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