Der Heckflügel-Streit erklärt: Alles, was du jetzt wissen musst!

Wir haben die Situation rund um Lewis Hamilton und Max Verstappen analysiert und alle wichtigen Fragen beantwortet: Worum geht es und was sind die Auswirkungen?

Der Heckflügel-Streit erklärt: Alles, was du jetzt wissen musst!

Das WM-Duell zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton hat beim Formel-1-Rennen in Brasilien eine weitere Wendung bekommen. Stand Samstagmorgen stehen beide Piloten im Fokus der Rennkommissare, nachdem sich nach dem Qualifying eine Reihe von Ereignissen zugetragen hat. Mit Spannung warten alle, ob einer der Fahrer vor dem Sprint bestraft wird.

Hamiltons Mercedes wird aufgrund eines vermeintlichen Regelbruchs im Zusammenhang mit dem DRS untersucht, Verstappen muss sich derweil verantworten, weil er den betreffenden Heckflügel seines Rivalen nach dem Qualifying unerlaubterweise berührt haben soll.

Beide Vergehen werden vermutlich sehr sorgfältig behandelt. Denn jede Entscheidung der Kommissare kann im engen Titelkampf eine große Auswirkung haben. Wir schauen uns einmal die wichtigsten Probleme und Fragen an.

Was stimmt mit Hamiltons DRS nicht?

Am frühen Freitagabend leitete der Technische Delegierte der FIA, Jo Bauer, eine Nachricht an die Rennkommissare weiter. Darin stand, dass er glaubt, dass der Heckflügel von Hamilton nicht den Regularien entspricht.

Bauer schrieb: "Die Anforderung an den Mindestabstand wurde erfüllt. Aber die Anforderung für den maximalen Abstand von 85 mm, wenn das DRS-System eingesetzt und gemäß TD/011-19 getestet wird, wurde nicht erfüllt."

Das Problem ist der Abstand zwischen den beiden Flügelelementen, die das DRS-Konzept ausmachen.

Offenes DRS

Der Abstand beim geöffneten DRS darf maximal 85 Millimeter betragen

Foto: Giorgio Piola

Artikel 3.6.3 des Technischen Reglements der Formel 1 beschäftigt sich mit diesem Bereich und legt fest, dass der Abstand zwischen den beiden Flaps im geschlossenen Zustand "zwischen 10 mm und 15 mm" liegen muss.

Wenn aber der Flap offen und DRS damit aktiv ist, dann muss der Abstand der beiden Elemente "zwischen 10 mm und 85 mm" liegen. Im Klartext heißt das, dass der Abstand der beiden Flaps bei geöffnetem DRS maximal 85 Millimeter betragen darf. Ein größerer Abstand ist nicht erlaubt, da er einen größeren Geschwindigkeitsschub auf den Geraden bieten könnte.

Wie wird das überprüft?

Natürlich kann die FIA die Vorgaben unmöglich überprüfen, solange sich das Auto auf der Strecke befindet. Dafür gibt es aber einen Ablauf, der nach der Session im Parc ferme vorgenommen wird, wenn das Auto steht.

Es heißt, dass die Richtlinie TD/011-19 diesen Vorgang abdeckt und auf eine spezielle DRS-Probe verweist, mit dem die FIA die Einhaltung der Regeln kontrolliert. Dabei wird eine kleine 85 Millimeter breite Scheibe am Ende eines Stabs bei aktiviertem DRS durch die beiden Flügelelemente geschoben.

DRS-Probe bei Aston Martin

Diese Scheibe darf bei geöffnetem DRS nicht durch den Heckflügel passen

Foto: Aston Martin

Eine Version dieses Tests, den Aston Martin selbst zur Einhaltung der Regeln durchführt, kann man ab Minute 6:30 in einem Video sehen, das das Team im vergangenen Monat veröffentlicht hat.

Sollte der Abstand zwischen den Elementen größer als 85 Millimeter sein, dann wird die Scheibe durch den Flügel gehen, und die FIA wird den Flügel als illegal einstufen.

Beobachter am Kommandostand in Interlagos haben am Freitagabend gesehen, wie die FIA eine längere Überprüfung durchgeführt hat. Dabei hat Bauer auch Aufnahmen mit seinem Handy gemacht, wie ein FIA-Kollege das Messelement zwischen dem Flügel durchgeschoben hat.

Wie lautet die Erklärung?

Mercedes hat noch nicht öffentlich darüber gesprochen, was mit seinem Heckflügel passiert ist. Allerdings scheint es ein paar komplizierte Umstände dabei zu geben.

Um 22 Uhr Ortszeit haben die Kommissare nach einigen Stunden Beratung entschieden, die Anhörung am nächsten Morgen fortzusetzen. Das legt den Schluss nahe, dass die Sache nicht so eindeutig ist.

Normalerweise resultiert ein Verstoß gegen das Technische Reglement - etwa ein untergewichtiges Auto oder ein zu großer Flügel - in einer automatischen Disqualifikation. Doch stattdessen haben die Kommissare den Heckflügel konfisziert und unter Versiegelung gesetzt. Am Samstagmorgen gehen die Untersuchungen weiter.

Der Flügel wird das gleiche Design haben, das Mercedes schon die gesamte Saison über eingesetzt hat. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass man absichtlich versucht hat, die DRS-Regeln mit etwas Neuem auszuloten.

Eine Möglichkeit wäre, dass etwas am Flügel während des Qualifyings kaputtgegangen ist, wodurch plötzlich ein größerer Abstand beim DRS vorlag.

Auch Red Bull, die schon in Mexiko ein paar Schwierigkeiten mit dem Heckflügel hatten, schienen im Qualifying von Sao Paulo ein paar Probleme mit dem DRS zu haben. Max Verstappens Flügel wurde beobachtet, wie er gegen Ende von Q3 vor Kurve 1 mächtig flatterte.

Womöglich hat der Niederländer das gespürt und anschließend den Parc-ferme-Vorfall ausgelöst, wegen dem auch gegen ihn ermittelt wird.

Was hat Verstappen gemacht?

Während die Nachricht über die Untersuchung gegen Hamilton am Freitagabend schon hohe Wellen schlug, sorgte ein Fanvideo aus dem Parc ferme unmittelbar nach dem Qualifying für einen weiteren Twist.

In dem Video, was in den sozialen Netzwerken schnell verbreitet wurde, sieht man Verstappen bei der Untersuchung seines Heckflügels. Er scheint vor allem den Abstand der beiden DRS-Elemente zu untersuchen - mutmaßlich ob es da ein Problem oder Flexibilität gibt.

Verblüffenderweise geht der Red-Bull-Pilot anschließend zu Hamiltons Mercedes und führt einen ähnlichen Check an dessen Auto durch. Dabei berührt er auch den Mercedes.

 

Das ist wiederum ein Verstoß gegen das strenge Parc-ferme-Reglement, das allen verbietet, die Autos anzufassen. Diese Regel ist im Internationalen Sportkodex festgelegt. Das ist das übergeordnete Regelbuch der FIA, das für alle Motorsportserien gilt.

Artikel 2.5.1 besagt: "Das Innere des Parc ferme darf nur von den zugewiesenen Offiziellen betreten werden. Das Betreten, Überprüfen, Einstellen oder Reparieren ist nur mit Genehmigung dieser Offiziellen oder gemäß den geltenden Vorschriften gestattet."

Verstappen hat unzweifelhaft gegen diese Regeln verstoßen, allerdings ist es in der Formel 1 nicht unüblich, dass Fahrer die anderen Autos unter die Lupe nehmen. Sebastian Vettel wurde etwa schon öfter dabei beobachtet, wie er die Autos der anderen Teams inspiziert.

Sebastian Vettel, Lewis Hamilton

Sebastian Vettel hat die Autos seiner Gegner schon öfter unter die Lupe genommen

Foto: LAT

Es existieren zahlreiche YouTube-Videos von Vettel, wie er etwa Autos mit seinem Fuß nach vorne rollt, um die Reifen zu checken, oder wie er nach Abständen im Flügel tastet.

Verstappen mag bei seiner Inspektion nicht so viel physische Kraft aufgebracht haben und Hamiltons Flügel wohl kaum verändert haben, dennoch ist es eine extrem heikle Situation, dass er ausgerechnet das Teil angefasst hat, das nun unter starker Beobachtung der FIA steht.

Verstappen muss sich nun um 9:30 Uhr Ortszeit (13:30 MEZ) vor den Kommissaren erklären.

Welche Strafen könnten folgen?

Es ist nicht unmöglich, dass beide Fahrer aus dem Qualifying ausgeschlossen werden, sollten die Kommissare eine knallharte Linie fahren.

Bei Hamilton erscheint das etwas wahrscheinlicher, sollten die Kommissare der Meinung sein, dass sein Auto gegen das Technische Reglement verstößt. Denn das würde automatisch zum Ausschluss führen.

In Verstappens Fall ist die Lage etwas subjektiver. Es wird darauf ankommen, wie ernst die Kommissare seinen Verstoß nehmen. Zwar mag sein Verhalten harmlos gewesen sein, doch dass er eben genau dieses Teil angefasst hat, macht die Sache alles andere als einfach.

Mercedes könnte argumentieren, dass schon eine einfache Berührung eines Außenstehenden gereich hat, um etwas am DRS zu beschädigen und den Regelverstoß auszulösen - auch wenn das etwas weit hergeholt scheint.

Auf jeden Fall könnte die Entscheidung der Kommissare in diesem engen Titelkampf einen noch größeren Einfluss haben als alles, was wir bisher auf der Strecke gesehen haben. Denn weitere Punktverluste auf Verstappen kann sich Hamilton eigentlich nicht leisten.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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