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Die BioNTech-Impfung in Bahrain und wie die Formel 1 damit umgeht

Bahrain hat allen Mitarbeitern der Formel 1 eine Imfpung angeboten: Welche Probleme sich dahinter verbergen und was die Teams entschieden haben

Die BioNTech-Impfung in Bahrain und wie die Formel 1 damit umgeht

Die Regierung von Bahrain hat der Formel 1 vor den Testfahrten in der vergangenen Woche angeboten, sich vor Ort gegen COVID-19 impfen zu lassen. Die Teams hat das vor eine schwierige Frage gestellt: Sollte man das Angebot annehmen oder nicht?

Die Meinungen darüber gingen auseinander. Die in Großbritannien ansässigen Organisationen haben ihren Mitarbeitern die Entscheidung überlassen, die anderen Teams sind hingegen etwas proaktiver mit der Situation umgegangen.

Natürlich war das Thema Impfstoff für die Formel 1 immer ein schwieriges. Auf der einen Seite ist es nur logisch, dass die reisenden Mitarbeiter so früh wie möglich geimpft werden - aus gesundheitlichen und reisetechnischen Gründen -, auf der anderen Seite entsteht dadurch ein PR-Problem, sollte das Formel-1-Personal einen Sonderstatus erhalten und sich "vordrängeln".

Negativschlagzeilen und Kritik in den sozialen Netzwerken wären sehr schädlich gewesen.

Formel-1-Boss Stefano Domenicali hatte sich Anfang Februar schon klar positioniert, was seinen eigenen reisenden Mitarbeiterstab angeht: "Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Man kann es von beiden Seiten sehen. Der wunde Punkt ist natürlich die Priorisierung. Wir wollen uns bei der Impfung nicht vordrängeln", sagte er.

Stefano Domenicali

Für Stefano Domenicali war das Thema Impfen ein schwieriges

Foto: Motorsport Images

"Mit Sicherheit ist die Impfung sehr, sehr wichtig und ich freue mich schon darauf, geimpft zu sein - das sollte in diesem Moment eigentlich jeder", so Domenicali weiter. "Wir denken darüber nach, wie die Diskussionen darum aussehen könnten. Sollte es möglich sein, würden wir das intern besprechen und mit den Teams teilen. Wir müssen aber bedacht sein und die Situation der gefährdeten Leute respektieren."

"Wir wollen nicht als diejenigen gesehen werden, die etwas weggenommen haben", betonte er weiter. "Wir haben eine Menge Respekt vor dem, was die Regierung sagt und was die Leute machen, aber in der Hinsicht müssen wir umsichtig sein. Das einzige, was ich sagen kann, ist, dass ich wirklich hoffe, bald geimpft zu sein."

Bahrain bietet Impfung auf freiwilliger Basis

Seitdem hat die Bereitstellung von Impfstoff in Großbritannien zugenommen. Während zunächst mit gefährdeten Gruppen und Älteren begonnen wurde, wurden nun auch Menschen ab 50 Jahren eingeladen. In den kommenden Wochen wird das auch auf jüngere Personen ausgeweitet werden.

In den Ländern der EU verlief der Fortschritt bisher langsamer und es könnte noch viele Monate dauern, bis der Großteil der arbeitenden Bevölkerung erreicht wurde.

Für die Formel 1 hat sich das Bild am 28. Februar komplett verändert, als die Regierung von Bahrain ankündigte, jedem ausländischen Besucher eine Impfung anzubieten.

In einem Statement hieß es: "Als Teil der umfangreichen Impfkampagne des Königreichs von Bahrain, die eine der höchsten Impfraten der gesamten Welt erreicht hat und seiner Bevölkerung fünf verschiedene Impfstoffe anbietet, weitet Bahrain sein Programm auf Großevents im Königreich - auf freiwilliger Basis - aus."

Die wichtige Voraussetzung war jedoch ein Abstand von 21 Tagen zwischen beiden Impfungen. Für die Mitarbeiter der Formel 1 ist das durchaus möglich, wenn sie vor den Testfahrten kommen und etwas später nach dem Rennen abreisen - egal ob sie zwischendurch wieder nach Europa reisen.

Vorgeschrieben war der Impfstoff von Pfizer-BioNTech, was jedoch bedeutet, dass sich Auswärtige nicht ihre erste Dosis in Bahrain abholen können und später in der Heimat ein anderes Produkt bekommen.

Formel 1 wägt Pro und Contra ab

Das Angebot gab jedem im Sport Anlass zum Denken. Als das öffentlich wurde, bestätigte die Formel-1-Organisation schnell, dass es das Angebot nicht offiziell im Namen ihrer reisenden Belegschaft annehmen würde - wie es auch Domenicali angekündigt hatte.

Ein Sprecher sagte, dass die Formel 1 "nicht den Plan hat, sich als Reisegruppe vor der bereits angelaufenen Verbreitung des Impfstoffs im Gesundheitssystem Großbritanniens impfen zu lassen".

Gleichzeitig gingen aber die Gespräche innerhalb der Teams und zwischen den Teams, der Formel 1 und der FIA weiter. Sorgen über das Aussenden einer falschen Botschaft blieb Teil der Story, selbst nachdem Katar der MotoGP ein ähnliches Angebot gemacht hatte und eine logische Erklärung folgte, wieso es akzeptiert werden würde.

Promoter Dorna nannte es eine "unglaubliche Möglichkeit" und schrieb: "Das Impfprogramm zielt auf die erhöhte persönliche Sicherheit aller Beteiligter ab. Es wird allen im MotoGP-Paddock und allen, die damit auf der Reise um die Welt in Berührung kommen, einen erhöhten Schutz bieten."

Was ist mit Freiheit und Privatsphäre?

Neben den offensichtlichen PR-Problemen gab es aber auch weitere komplexe Probleme, denen sich die Formel 1 ausgesetzt sah - etwa persönlicher Freiheit und medizinischer Privatsphäre.

Teams konnten ihren Mitarbeitern die Impfung aus Bahrain nicht vorschreiben, gleichzeitig konnten sie ihnen auch nicht formal verbieten, das Angebot anzunehmen. Sollte jemand sich und seine Familie durch eine frühere Impfung schützen wollen, dann hatten sie die Freiheit, das zu entscheiden.

Britische Teams wussten zudem, dass Impfstoffe für all ihre Mitarbeiter zuhause verfügbar sein würden, auch wenn es bedeutet, dass Mitarbeitern in ihren 20ern vielleicht Wochen oder Monate darauf warten müssen.

Ein weiterer Faktor waren mögliche Impfausweise in Großbritannien, die das Reisen erleichtern. Aber noch immer ist nicht klar, welche Position die britische Regierung bei Personen einnimmt, die ihre Impfung im Ausland erhalten haben.

Für Mitarbeiter, deren Zeitplan ein spätes Ankommen bei den Testfahrten und ein frühes Abreisen nach dem Rennen beinhaltet, war die 21-Tages-Periode ohnehin unpraktisch. Mechaniker und Leute vom Aufbautrupp wären hingegen durchaus prädestiniert gewesen.

Britische Teams setzen auf Freiwilligkeit

"Wir haben es uns angesehen. Es war ein sehr nettes Angebot", sagt Williams-Teamchef Simon Roberts. "Aber die Situation ist in Großbritannien anders als in anderen Teilen Europas, von daher haben wir als Team entschieden, dass wir niemanden dazu verpflichten. Sollten Teile des Teams aber etwas anderes machen wollen, ist ihnen das freigestellt. Als Team richten wir uns aber weiter nach der Impfpolitik in Großbritannien."

"Wir haben keine Richtlinien aufgestellt", bestätigt auch Alpine-Direktor Marcin Budkowski. "Als Team haben wir es jedem einzelnen überlassen zu entscheiden, was er tun möchte."

Gleiches sagt auch Aston-Martin-Teamchef Otmar Szafnauer: "Wir haben entschieden, es jedem selbst zu überlassen. Es war ein nettes Angebot von Bahrain. Es war eine individuelle Entscheidung und ich habe niemanden gefragt, wer es machen lässt und wer nicht. Ich kann glücklich sagen, dass ich so alt bin, dass ich in Großbritannien geimpft wurde."

AlphaTauri macht Impfen zur Pflicht

Für die Teams außerhalb Großbritanniens war es eine andere Sache. Weil die Verbreitung des Impfstoffs in der EU so langsam voranschreitet, hat AlphaTauri die Impfung zur Pflicht gemacht und seinen Zeitplan um die 21 Tage organisiert.

"Alle Teammitglieder von AlphaTauri wurden am Dienstag [vor dem Test] geimpft", bestätigt Teamchef Franz Tost. "Wir werden für die zweite Dosis nach dem Rennen noch ein oder zwei Tage länger bleiben, weil Gesundheit der wichtigste Faktor ist."

"Als Teamchef bin ich verantwortlich für die Gesundheit der Leute, darum haben wir diese Impfung gemacht. Ich möchte mich recht herzlich bei Bahrain bedanken, dass sie uns diese Möglichkeit gegeben haben", so der Österreicher. "Ich weiß nicht, wie lange wir in Europa gewartet hätten, vor allem in Österreich und Italien. Daher bin ich mehr als glücklich."

Franz Tost

Franz Tost hat die Impfungen bei seinen Mitarbeitern zur Pflicht gemacht

Foto: Motorsport Images

Ferrari hatte seine Position erst mit den italienischen Behörden abgeklärt. Und wie Teamchef Mattia Binotto verrät, war es auch bei der Scuderia eine persönliche Wahl - aber eine, die die Teammitglieder gerne genutzt haben.

"Das war ein sehr großzügiges Angebot und eine großartige Möglichkeit für uns", sagt Binotto, der sich ebenfalls für die Impfung entschied. "Es war eine persönliche Entscheidung, aber die meisten haben sie angenommen. Ich muss auch sagen, dass die Organisation fantastisch war. Alles lief sauber und glatt."

Bei Ferrari fiel die Entscheidung leichter, weil das Team wie Konkurrent Alpine nach dem Bahrain-Rennen noch vor Ort bleibt, um für Pirelli einen Test mit den 18-Zoll-Reifen zu absolvieren.

Auch bei Pirelli alle geimpft

Pirelli selbst hat als internationales Unternehmen strikte Sorgfaltsrichtlinien für seine 31.000 Mitarbeiter und begrüßt die Chance, sein Formel-1-Personal zu schützen. Die Mitarbeiter werden zusammen mit Ferrari und AlphaTauri in einem Charter-Flugzeug am Donnerstag nach dem Rennen nach Italien zurückreisen.

"Alle Mitarbeiter, die zu den Testfahrten und zum Rennen reisen, wurden geimpft", bestätigt ein Sprecher des Herstellers. "Niemand war abgeneigt. Pirelli geht sehr, sehr vorsichtig mit COVID um. Selbst zuhause ist das Unternehmen ziemlich hinterher und stellt sicher, dass alle regelmäßig getestet werden."

Alfa Romeo hat auf ein offizielles Statement verzichtet. Ironischerweise musste Teamchef Frederic Vasseur nach einem positiven Test zuhause bleiben. Aber das Team aus der Schweiz hat seinen Angestellten ebenfalls die freie Wahl gelassen.

Sainz und Perez nehmen Angebot an

Auch die Fahrer waren in ihrer Wahl frei: "Ich habe mich entschieden, es zu machen", sagt Sergio Perez. "Ich weiß nicht, wann ich es in Mexiko bekommen könnte, von daher war das sehr nett von Bahrain, dass sie uns das angeboten haben." Und auch Carlos Sainz bestätigt, sich für die Impfung entschieden zu haben.

Trotzdem bleibt es ein emotionales Thema, bei dem es Argumente in beide Richtungen gibt. Wenn Reisende eine Impfung im Ausland bekommen können, warum sollte da jemand zuhause etwas dagegen haben? Es ist nicht nur sicherer für alle Kontaktpersonen, wenn sie nach Hause kommen, es ist auch eine Person weniger in der Schlange für alle Dahinterstehenden.

Sergio Perez, Carlos Sainz

Sergio Perez und Carlos Sainz gehören zu den geimpften Fahrern

Foto: Motorsport Images

Gleichzeitig muss man auch hervorheben, dass viele Einwohner in Bahrain noch nicht geimpft wurden. Darum könnte man argumentieren, dass für jeden Besucher ein Einheimischer länger warten muss. Ist das richtig?

Eines ist klar: Weil es eine persönliche Entscheidung ist, gibt es seitens der FIA und der Formel 1 keine Pläne, Impfungen für einen Eintritt ins Fahrerlager vorzuschreiben.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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Urheber Adam Cooper