Erklärt: Warum die Nahost-Absagen eine logistische Zerreißprobe sind
Ersatztermine für Bahrain und Saudi-Arabien wirken möglich, doch Budgetgrenze, Materialströme und Personalgrenzen machen jede Kalenderänderung riskant
Szene vom Formel-1-Finale 2025 in Abu Dhabi mit roten Rücklichtern
Foto: Sutton Images
Die Absage der Grands Prix von Bahrain und Saudi-Arabien im April 2026 aufgrund des Konflikts im Nahen Osten hat den Formel-1-Kalender verändert. Der doppelte Ausfall hat eine einmonatige Rennpause geschaffen und zugleich zahlreiche Probleme bei der Neuorganisation der zweiten Saisonhälfte verursacht.
Denn formal wurden die beiden Veranstaltungen von der Formel 1 nie offiziell gestrichen. Die Rennserie erklärte lediglich, dass die Rennen nicht im April stattfinden würden. Damit ist klar: Ziel bleibt es, die Grands Prix in Bahrain und Saudi-Arabien später in der Saison nachzuholen.
Viel wird von der Entwicklung und den zeitlichen Dimensionen des Konflikts im Nahen Osten abhängen, doch mehrere Optionen bleiben im Spiel - auch auf Wunsch der jeweiligen Promoter.
Bestätigt wurde dies auch von Liberty-Media-CEO Derek Chang, der bei der jüngsten Aktionärsversammlung zur Präsentation der Geschäftszahlen erklärte, die Formel-1-Spitze arbeite "Tag und Nacht" daran, zumindest eines der beiden Rennen nachzuholen.
Chang sagte: "Wir werden mit Vorsicht handeln. Es könnte möglich sein, ein Rennen gegen Ende der Saison neu anzusetzen."
Konkrete Szenarien für die Rennverschiebung
Im optimistischsten Szenario könnte eines der beiden Rennen zwischen Baku und Singapur im September wieder in den Kalender aufgenommen werden. Aktuell gilt dies als die konkreteste Option, da sie keine tiefgreifenden Änderungen am Kalender erfordern würde, auch wenn dies drei aufeinanderfolgende Triple-Header in der Schlussphase der Saison bedeuten würde - mit zusätzlicher Belastung auf menschlicher und logistischer Ebene.
Komplizierter wird die Lage, wenn beide Veranstaltungen nachgeholt werden sollen. Ab Ende Oktober verlagert sich die Formel 1 nach Amerika, sodass im November kein Platz für ein zusätzliches Rennen wäre.
Einfacher wäre es, ein Rennen an das Saisonende anzuhängen, wenn die Weltmeisterschaft ohnehin in den Nahen Osten zurückkehrt. Doch auch diese Lösung birgt Komplikationen: Vertraglich muss Abu Dhabi das letzte Rennen der Saison bleiben. Um einen weiteren Grand Prix einzufügen, müsste das Finale um eine Woche verschoben werden, wodurch der Kalender noch näher an die Weihnachtspause heranrücken würde.
Zudem ist zu berücksichtigen, dass die Teams nach dem Rennen in Abu Dhabi ohnehin mehrere Tage in der Region bleiben, um an einem Pirelli-Test zur Datensammlung für 2027 teilzunehmen.
Der Kalender würde sich also nicht nur verlängern, sondern es entstünde gemeinsam mit Las Vegas und Katar eine Serie von vier aufeinanderfolgenden Rennen. Ein ohnehin schon extremer Saisonabschnitt würde dadurch noch belastender, insbesondere da nicht alle Teammitglieder rotieren können. Es ist leicht nachvollziehbar, warum diese Option derzeit eher im Hintergrund bleibt, auch wenn die zusätzlichen Einnahmen für die Teams ein starkes Argument darstellen.
Was, wenn der Konflikt nicht beigelegt wird?
All dies basiert auf dem günstigsten Szenario, nämlich dass der Konflikt zeitnah beendet wird. Die Lage bleibt jedoch äußerst volatil, und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass selbst Katar und Abu Dhabi zum Saisonende infrage stehen könnten, falls keine internationale Einigung erzielt wird.
Auf diesem Gebiet hat die Formel 1 jedoch bereits bestätigt, über Notfallpläne zu verfügen, um die Gesamtzahl der Rennen im Kalender nicht zu stark sinken zu lassen. Stefano Domenicali erklärte: "Die Fristen oder Zeitfenster ändern sich je nach dem, ob wir nachholen müssen, was im April nicht gefahren wurde, oder auf das reagieren, was Ende November oder Anfang Dezember geschehen könnte. Wir koordinieren uns mit Teams und Veranstaltern, denn jede Entscheidung hat einen Dominoeffekt."
Alles eine Frage der Logistik
Doch mehr noch als der Zeitfaktor ist die organisatorische Frage deutlich komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheint. Denn infolge des Konflikts befindet sich Material von Teams und Pirelli weiterhin in Bahrain.
Das größere Problem besteht jedoch darin, dass der Nahe Osten ein zentraler logistischer Knotenpunkt für sämtliche Teams ist. Über Dubai oder Doha laufen normalerweise große Teile der Materialtransporte für asiatische Rennwochenenden. Bereits für den Japan-Grand-Prix mussten alternative Lösungen gefunden werden.
Gerade deshalb gilt Singapur in der zweiten Saisonhälfte als organisatorisch besonders schwierige Station - sowohl für Material als auch Personal. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung des Konflikts zwingt die Teams dazu, sämtliche Transportwege neu zu organisieren und alternative Lösungen zu entwickeln, die Sicherheit und Effizienz gewährleisten.
Materialtransport fällt unter die Budgetobergrenze
Effizienz ist dabei das entscheidende Stichwort. Während Ausgaben für Hotels, Flüge, Taxis oder Busse für das Personal nicht unter die Budgetobergrenze fallen, gilt das nicht für den Materialtransport: Diese Kosten belasten direkt das Ausgabenlimit der Teams.
Der Konflikt hat die Kosten bereits deutlich steigen lassen, und alternative Umschlagplätze erhöhen die Ausgaben zusätzlich. Besonders kleinere Teams trifft dies härter.
Haas-Cheftechniker Hoady Nidd erklärte: "Für kleinere Teams wirken sich die gestiegenen Transportkosten stärker aus - nicht unbedingt, weil unsere Ausgaben höher wären als jene großer Teams, sondern weil sie einen größeren Anteil unseres Budgets ausmachen. Unser Logistikteam arbeitet intensiv an Lösungen." Der Rennstall denkt an Luftfracht, zieht aber auch Seetransporte in Betracht.
Diese Faktoren verdeutlichen, warum selbst ein Nachholrennen zwischen Baku und Singapur trotz mehrmonatiger Vorlaufzeit organisatorisch alles andere als einfach wäre. Denn jedes Team verfügt über verschiedene Materialpakete, die per Seefracht je nach Zielort verschickt werden. Mit der Wiedereinführung eines zusätzlichen Rennens müsste diese Planung umfassend überarbeitet werden.

Formel-1-Fracht in der Boxengasse (Archivbild)
Foto: Motorsport Images
Eine Herausforderung, die mit mehreren Monaten Vorlaufzeit bewältigbar wäre, jedoch deutlich komplizierter wird, solange verlässliche Rahmenbedingungen fehlen. Hinzu kommt die Problematik des Materialtransfers zwischen einzelnen Grands Prix. Aus Nachhaltigkeitsgründen existieren genaue Vorgaben für Transportwege und Versandmethoden, sodass bei vielen Teams Container - einschließlich Chassis - nach dem Japan-Grand-Prix teils mit mehr als einer Woche Verspätung ins Werk zurückkehrten.
Der menschliche Aspekt: Mehr als nur ein Härtetest
Schließlich gibt es noch einen weiteren, deutlich sensibleren Faktor: die menschliche Belastung. Spitzenteams verfügen in der Regel über größere Personalressourcen und können häufiger rotieren. Bei kleineren Teams ist die Situation anders: Weniger Ressourcen bedeuten schwierigere Rotationen, und ein zusätzliches Rennen würde die Arbeitsbelastung und den Stress erheblich erhöhen.
Zudem sind nicht alle Teammitglieder rotierbar. Während für bestimmte Rollen wie Mechaniker in den vergangenen Jahren Systeme geschaffen wurden, um der wachsenden Zahl an Rennen Rechnung zu tragen, gilt dies nicht für fahrerspezifische Ingenieure, spezialisierte Techniker, Sportdirektoren und sonstiges Schlüsselpersonal an der Strecke.
Und: Ein weiteres Rennen würde bedeuten, dass die zweite Saisonhälfte auf zwölf Veranstaltungen in nur sechzehn Wochen anwächst. Für viele hochrangige Teammitglieder hieße dies nahezu vier Monate ohne echte Unterbrechung fernab der Heimat - ein Kraftakt, dessen technische und menschliche Belastung kaum zu überschätzen wäre.
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