Exklusiv: Maurizio Arrivabene erzählt „was bei Ferrari wirklich los ist“

Seit Maurizio Arrivabenes Einstieg bei Ferrari als Teamchef des Formel-1-Teams Ende 2014 und dem Arbeitsbeginn von Konzernpräsident Sergio Marchionne ist in Maranello eine neue Ära angebrochen.

Arrivabene ist kein Mann, der gerne im Rampenlicht steht. Er sieht sich viel lieber als ein Rädchen in der großen Ferrari-Maschine, die im Fokus der Tifosi steht.

Aber er hegt eine große Leidenschaft für seinen Arbeitgeber und nach 18 Monaten im Job in Maranello hat er viele Höhen und Tiefen erlebt, in einer Zeit, in der alles darauf ausgerichtet ist, die WM-Krone zurück nach Italien zu bringen.

In seinem ersten Exklusiv-Interview für eine Website spricht Arrivabene über seinen schmerzhaften Einstieg in den Motorsport, seine Ansichten über Kimi Räikkönen und Sebastian Vettel, und warum er überzeugt ist, dass Ferrari 2016 im Titelkampf noch mitreden kann.

Wie hat sich Ihr Leben in den vergangenen eineinhalb Jahren verändert?

„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll ... Ich bin nach 25 Jahren wieder heim nach in Italien gekommen, um zu arbeiten. Mehr als beim Leben, das vorher ziemlich stressig war, lag die Veränderung in der Art der Arbeit.“

„Das ist eine Welt, in der man jeden Tag etwas Neues kennenlernt und man braucht Demut. Man muss wissen, wie man technische Herausforderungen bewältigt und Fragen bezüglich der Gruppendynamik löst, denn ein Team besteht aus vielen einzelnen Menschen.“

„Wir sind ein überwiegend italienisches Team, mit zusätzlichen Fachleuten, die aus dem Ausland kommen.“

Als Sie diese Aufgabe übernommen haben, war Ferrari nicht in eine Position zu siegen. War es leicht für Sie, die Rolle zu übernehmen?

„Jeder Zyklus, jede Jahreszeit hat seine eigene Geschichte. Man muss nicht zurückschauen und das ist auch nicht Teil meines Wesens. Ich glaube, dass man in diesem Job nicht die Fähigkeiten der Menschen isolieren sollte, sondern vielmehr darüber nachdenken, wie man ihre Erfahrungen in einer Gruppe am besten einsetzen kann.“

„Wenn ich rede, sage ich auch lieber ,wir‘; ich sage nie, ,ich werde‘. In diesem Sport verändert ein einzelner Mann nicht viel, aber er kann einen Beitrag leisten, in einem Team gemeinsam Ergebnisse zu erzielen.“

Bildergalerie: Ferrari in der Formel 1

Ist die Rolle des Ferrari-Teamchefs ein Job, in dem man ohne zu Zögern 24 Stunden am Tag verfügbar sein muss?

„Es ist ein Vollzeitjob für alle, die bei Ferrari arbeiten, in allen Rollen. Es gibt Zeiten in Maranello, zu denen man in drei Schichten arbeitet oder rund um die Uhr. Ich kann bestätigen, dass es einen harten Kern von Fachleuten gibt, die Ferrari im Blut haben.“

„Für diejenigen, die meine Rolle heute einnehmen, ist es nicht nötig, in der Fabrik zu sein, weil man dank der Technologie jederzeit mit jedem kommunizieren kann, wo immer man auch ist.“

„Aber man muss jederzeit verfügbar sein. Man muss bei den Rennen dabei sein. Das bedeutet aber nicht, dass es in Maranello Probleme durch meine Abwesenheit gibt.“

„Letzte Woche war ich in der Fabrik und sprach dort mit den Menschen – und ich spürte die Leidenschaft, die sie für ihre Arbeit haben. Sie sind nicht nur Mitarbeiter eines Unternehmens, sie leben Ferrari an.“

Und manchmal sehen wir Sie während des Rennens an der Boxenmauer jubeln ...

„Ich bin ein ziemlich leidenschaftlicher Mensch. Ich sollte wahrscheinlich kühler sein. Aber ich glaube, dass ich diejenigen repräsentiere, die bei den Rennen nicht dabei sind und zu Hause arbeiten.“

„Manchmal reagiere daher ich mit Freude, manchmal mit Wut. Ich denke aber, dass das bezeichnend für den Geist ist, durch den wir 2015 kam wieder gewonnen haben und der uns in diesem Jahr antreibt nicht aufzugeben.“

Hätten Sie 2015 gedacht, dass es wäre möglich wäre, die WM mit drei Siegen zu beenden?

„Wenn ich an den Beginn der letzten Saison zurückblicke, erinnere ich mich, dass niemand an die Möglichkeit geglaubt hätte, dass wir so viel Boden gutmachen könnten – vor allem beim Motor.“

„Aber die Chassis- und Motorenabteilung überraschten alle. Glauben Sie mir, in Maranello weiß man, wie man arbeitet.“

 

 

 

Wann hat sich Maurizio Arrivabene in den Motorsport verliebt?

„Die Geschichte beginnt mit einer Vespa – mit einem Rohr auf dem Rahmen, um ihn zu stärken. Um ehrlich zu sein, war ich Motocross-Fan und meine Freunde mit ein bisschen mehr Geld hatten alle Malaguti Roncobilaccio Fahrräder – etwas, was für mich ein Traum war.“

„Ich hatte gerade mal eine gebrauchte Vespa und ich baute sie in der Hoffnung um, dass ich in der Lage sein würde, eine Motocross-Version zu bauen. Aber beim ersten Sprung brach sie in zwei Teile!“

Und mit vier Rädern?

„Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen. Als Kind zeichnete ich gerne Formel-1-Autos. Ich war engagiert und gab meiner Leidenschaft nach – und wer weiß, vielleicht hätte ich Designer werden können. Es war eine Zeit der Formel 1 mit den Seitenschwellern, und ich zeichnete meist Colin Chapmans Lotus. Aber natürlich waren sie statt schwarz rot!“

„Ein Jahr später hatte ich die Gelegenheit, mit Klaus Seppi an der Paris-Dakar teilnehmen zu können – und das war eine wunderbare Erfahrung.“

Sebastian Vettel, Ferrari SF16-H
Sebastian Vettel, Ferrari SF16-H

Photo by: Ferrari

Lassen Sie uns über die aktuellen Ferrari-Piloten sprechen. Gehen Sie mit beiden gleich um, oder versuchen Sie, den zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten gerecht zu werden?

„Es ist ein Kompromiss. Ich habe eine sehr direkte und ehrliche Beziehung mit ihnen. Das gilt auch umgekehrt. Wir gehen sehr offen und direkt miteinander um. Man muss nie etwas erzwingen, wir tun einfach, was getan werden muss. Die Charaktere sind unterschiedlich.“

„Kimi ist eher introvertiert, aber in den vergangenen eineinhalb Jahren hat er angefangen mehr zu reden, und er ist sehr genau in seinen Erklärungen. Sebastian ist offen, akribisch und ein Detail-Freak.“

„Beide sind großartige Profis und das kann man sehen, wenn die Dinge nicht gut laufen. In bestimmten Situationen könnte man demoralisiert werden, wir schauen uns aber an, was passiert ist und machen weiter. Wenn man mit ihnen zu Abend isst, sind sie sind nette Jungs, clevere Jungs, die sich mit vielen Problemen auseinandersetzen müssen.“

„Sie lesen viel und blicken auch über die Grenzen des Fahrerlagers hinaus.“

Wenn der Vertrag eines Fahrers bei Ferrari ausläuft, gibt es unvermeidliche Spekulationen, was in der nächsten Saison passieren wird. Wird Kimi Räikkönen bleiben oder nicht?

"Ich habe oft gesagt, dass wir zwei Weltmeister als Fahrer haben. Sebastian wollte zu Ferrari kommen – das war sein Ziel, wie es das von vielen anderen Fahrer ist. Er konzentriert sich auf seine Arbeit und ich glaube, er will für eine lange Zeit hier bleiben.“

Fotostrecke: Vergleich: Ferrari SF16-H und SF15-T

„Kimi leistet seinen Beitrag zur Konstrukteurs-WM und im ersten Teil der Saison 2016 hat er gute Leistungen gebracht. Wenn das richtige Auto für ihn da ist, glaube ich nicht, dass er irgendjemand nachsteht.“

„Aber es ist zu früh, um endgültige Antworten für das nächste Jahr zu geben – wir haben immer noch zwei Drittel der Saison vor uns.“

2015 schien es, dass Sie das Maximum aus dem technischen Paket, das zur Verfügung stand, herausgeholt haben und jede Chance nutzten. In diesem Jahr hat man den Eindruck, dass das nicht der Fall ist.

„Unser 2016er-Auto ist ein großer Schritt nach vorne, die Tochter eines völlig neuen Designs. Aber es ist auch ein sehr sensibles Auto, schwierig abzustimmen, das noch so viel zu geben hat. Ich bin sicher, dass wir mit der Arbeit, die wir leisten, sein volles Potenzial zeigen werden.“

„Es ist ein Vollblüter: schwierig zu zähmen, der zugänglich gemacht werden muss. Bei kleinen Dingen kann er aber schon zu 100 Prozent abliefern.“

 

 

 

Im vergangenen Jahr hatten Sie bis zum Ende des Jahres eine Arbeitsgruppe, die sich auf das 2015er-Auto konzentrierte. Wird das in diesem Jahr wieder so sein, oder könnte es sein, dass Sie entscheiden, dass sich das gesamte Team auf 2017 konzentriert?

„Nach acht Rennen denke ich, wäre es falsch, schon an nächstes Jahr zu denken und die Gegenwart außer Acht zu lassen. Wir nähern uns an Mercedes an und dürfen die Chance in dieser Weltmeisterschaft nicht verpassen.“

Die Formel 1 scheint momentan ein wenig isoliert zu sein, mit komplexen Regeln, die man der breiten Öffentlichkeit nur schwer erklären kann. Stimmen Sie dem zu?

„Unser Präsident widmet diesem Problem trotz seiner vielen Verpflichtungen eine Menge Energie, sowohl in der Strategiegruppe als auch in der F1-Kommission. Er stellt sicher, dass seine Stimme gehört wird.“

„Die Regeln der Formel 1 sind, sowohl auf der technischen, als auch auf der sportlichen Seite, wie ein Teufelskreis. Je mehr man tut, desto komplizierter werden die Änderungen und umso mehr muss man ändern. Nicht alle Regeln sind perfekt, und dann muss man Korrekturen vornehmen.“

„Die Autos werden immer komplexer, die Regeln sind schwieriger zu erklären. Ich stimme dem völlig zu, dass sie vereinfacht werden müssen, sowohl für die Fans, als auch für uns selbst.“

Wird die Formel 1 von den Reifen dominiert?

„Ich erinnere mich, dass wir auch zu Zeiten, als es Bridgestone und Michelin gab, fast nur über die Reifen gesprochen haben. Gummi ist ein Element, das einem einen großen Vorteil verschaffen kann, wenn man es versteht, ihn perfekt zu nutzen. Umgekehrt kann man aber auch streng bestraft werden.“

„Heute haben wir bei den Reifen viele Möglichkeiten – aber sie komplizieren die Dinge oft auch etwas.“

Kimi Raikkonen, Ferrari SF16-H
Kimi Raikkonen, Ferrari SF16-H

Photo by: XPB Images

Wenn Sie auf der Straße von Ferrari-Fans angesprochen werden, was sagen sie Ihnen?

„Es gibt Zeiten, in denen man denkt, dass einem die Fans gehörig die Meinung sagen wollen, nach allem, was man in den Medien liest. Was auf der Straße passiert, ist aber genau das Gegenteil. Das erstaunt mich immer wieder.“

„Es gibt Leute, die einem auf den Rücken klopfen, einen ermutigen, und das ist etwas, was mich wirklich freut. Es inspiriert mich und macht mir klar, dass es unsere Pflicht ist, alles für den Erfolg zu geben – besonders für sie.“

Wie lange sehen Sie sich selbst in der Rolle, die Sie heute innehaben?

„Ich fange mal an, indem ich sage, dass ich die Definition Teamchef zu sein nicht mag. Ich ziehe es vor, als Teammanager betitelt zu werden – ich denke, das ist vernünftiger. Am Ende des Tages arbeite ich für ein Unternehmen und es ist die Aufgabe derer an der Spitze zu entscheiden, was am besten ist.“

„Die Öffentlichkeit sieht die Formel 1 an Rennwochen, wenn man aber den Fernseher ausschaltet, ist da eine Firma, die alltägliche Probleme hat, wie sie auch andere Unternehmen auf der ganzen Welt haben.“

„Es liegt nicht an mir zu entscheiden, wie lange ich in dieser Rolle sein werde: meine Vorgesetzten werden meine Arbeit beurteilen und entsprechend entscheiden.“

Sie sind nun eineinhalb Jahre in dieser Position. Würden Sie sagen, dass es Miteinander unter den Teams gibt, wenn es darum geht, Gutes für die Formel 1 zu erreichen? Oder überwiegt eher der Egoismus?

„Wir müssen uns bemühen bodenständig zu sein und auf andere Zusammenhänge höhere Gewichtung legen, in denen ohnehin schon Einigkeit mit unseren Rivalen herrscht.“

„Ein Beispiel: Während eines Rennwochenendes wird angenommen, dass Toto Wolff und ich aneinander geradezu hassen – denn wir sind Widersacher. Doch wenn alles, was mit der Rennstrecke zu tun hat, einmal erledigt ist, dann treffen wir uns und besprechen die vielen Dinge, die die Formel 1 als Ganzes angehen.“

„Was mich dabei stört, ist, dass es dann immer jemanden gibt, der sofort eine Verschwörung wittert.“

„Es gibt noch immer zu viele Leute, denen es sehr schwer fällt auf der Strecke Gegner zu sein, aber auch gemeinsam zum Wohle des Sports zu arbeiten. Ein Deal ist nicht gleich eine Verschwörung, das aber verständlich zu machen, scheint nicht einfach.“

Für 2017 werden Sie den Deal mit Toro Rosso über die Motorenlieferungen verlieren. Welche Möglichkeiten halten Sie sich da derzeit offen?

„Toro Rosso war im Vorjahr in einer schwierigen Lage und brauchte eine Antriebseinheit. Als wir davon erfuhren, nahmen wir sie im letzten Augenblick noch als Kunden an Bord.“

Aber bei Red Bull war das doch anders?

„Ich kann mich täuschen, aber ich meine, Red Bull hat bei Mercedes angefragt – und bekam ein ,Nein‘ als Antwort.“

 

Sie haben das Ferrari Driver Academy genannte Nachwuchsfahrer-Förderungsprogramm wieder in Gang gebracht. Sollte sich daraus ein vielversprechendes Talent hervortun, sind Sie auch bereit, ihm eine Chance in der F1 zu geben?

„Der Wille ist da, die Kooperation mit Hass eröffnet uns in dieser Richtung auch einige Möglichkeiten. Bald wird Charles Leclerc, einer dieser jungen Fahrer, die Chance erhalten, an einem Freitagstraining teilzunehmen.

„Nochmal zur Academy: Wir haben eine wichtige Vereinbarung mit dem Chef von Tony Kart getroffen, nämlich Roberto Robazzi, und das wird uns helfen, eine erste Auswahl an jungen Talenten zu testen. Massimo Rivola leitet gegenwärtig die Academy und er arbeitet unermüdlich daran, unsere Junioren ständig zu begleiten.“

„Ich freue mich, dass Antonio Fuoco gute Fortschritte macht, Giuliano Alesi und der Chinese Guan Yu Zho werden auch immer besser.“

Die Formel 1-Saison hat heuer 21 WM-Läufe, es wird aber immer weniger getestet.

„Ein Kompromiss wäre allemal besser für uns alle. Ein paar Tests mehr würden beispielsweise helfen, die Reifen besser zu entwickeln und es wäre leichter Werbeaktivitäten rund um Testfahrten zu organisieren, als das bei Rennwochenenden der Fall ist.“

„Mir gefällt die Lösung der MotoGP. Die bleiben nach dem Rennwochenende noch für zweitägige Testfahrten am Montag und Dienstag an der Strecke. Das ist für die Teams billiger und würde jenen Fans, die aus welchen Gründen auch immer nicht zum Grand Prix kommen konnten, doch noch die Gelegenheit geben, die Formel 1 in Aktion zu sehen.“

Haben Sie in diesen eineinhalb Jahren in ihrer Position jemals Kritik erhalten, die sie als ungerechtfertigt empfunden haben?

„Schon, ich habe aber auch mehr Komplimente erhalten als nötig. Das hebt sich in etwa auf. Wenn man diesen Job ausübt, muss man so manches eben als gegeben hinnehmen.“

Würde man Ihnen eine Garantie anbieten, in dieser Saison noch wenigstens drei Grands Prix zu gewinnen, würden sie solch einen Deal machen?

„Nein, ganz sicher nicht. Ich kenne ja unser eigenes Potenzial, weiß aber auch nur zu gut, welch großartige Arbeit Mercedes leistet.“

„Auf einigen Strecken ist ihr Vorsprung bereits geschrumpft, aber wir müssen die Latte, was unsere eigenen Ambitionen angeht, höher legen und höher zielen.“

„Würde ich ihre Frage mit einem ,Ja‘ beantworten, würde ich den Geist, der bei Ferrari herrscht, verraten – und alles, wofür unser Leute stehen."

Maurizio Arrivabene, Ferrari Team Principal in the FIA Press Conference
Maurizio Arrivabene, Ferrari Teamchef, bei der FIA-Pressekonferenz

Photo by: XPB Images

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