F1 Abu Dhabi 2020: Fragen & Antworten zum Qualifying

Wie Max Verstappen die Pole-Position erobert hat, was David Coulthard nicht wusste und wie angeschlagen Lewis Hamilton nach überstandener COVID-19 ist

F1 Abu Dhabi 2020: Fragen & Antworten zum Qualifying

Max Verstappen hat sich beim Saisonfinale der Formel 1 in Abu Dhabi seine erste Pole-Position 2020 gesichert. Der Red-Bull-Pilot verwies Valtteri Bottas und Lewis Hamilton (beide Mercedes) in einem spannenden Showdown auf die Plätze und hat damit die beste Ausgangsposition für den Grand Prix am Sonntag.

Lando Norris (McLaren) schaffte als Vierter eine Überraschung und platzierte sich vor Alexander Albon im zweiten Red Bull, der diesmal nur 0,325 Sekunden Rückstand auf Verstappen hatte. Sechster wurde Carlos Sainz (McLaren).

 

Genau wie beide Renaults scheiterte auch Sebastian Vettel (Ferrari) in Q2. Der Deutsche belegte in seinem letzten Qualifying vor dem Wechsel zu Aston Martin den 13. Platz und verlor damit das Stallduell 2020 gegen Charles Leclerc, in Q2 um 0,699 Sekunden schneller als Vettel, mit 4:13.

Heimlicher Star des Nacht-Qualifyings war aber Fernando Alonso. Er drehte mit seinem Weltmeister-Renault R25 aus der Saison 2005 ein paar Demorunden und sorgte mit ohrenbetäubendem Saugmotoren-Lärm für Gänsehaut im Paddock.

Zum Thema:

- Qualifying-Ergebnis

- Startaufstellung (inklusive Strafen)

- Qualifying-Duelle 2020

Ist Hamilton noch durch COVID-19 geschwächt?

Zumindest gewinnt man den Eindruck, wenn man ihn beobachtet. Bei der FIA-Pressekonferenz nach dem Qualifying wirkte der 35-Jährige ziemlich angeschlagen. Er hustete immer wieder, sprach mit leiser Stimme.

"Ich spüre es noch ein bisschen in der Lunge. Es wird körperlich sicher nicht das leichteste Rennen. Aber ich werde das schon hinkriegen", sagt er. "Das waren die zwei härtesten Tage, die ich dieses Jahr im Auto hatte."

 

Nach einem Freitag voller kleiner Probleme bekam Hamilton auch am Samstag die Balance nicht perfekt hin: "Ich kam mit dem Auto nicht so zurecht." Er habe es mit Set-up-Änderungen versucht, "aber das hat auch nicht das gebracht, was ich mir davon erhofft hatte".

Wie genau es ihm in der COVID-19-bedingten Pause im Hotelzimmer in Bahrain ergangen ist, das ist eine Frage, die lässt der Mercedes-Fahrer unbeantwortet: "Da möchte ich nicht ins Detail gehen."

Was sind die Gründe für Mercedes' Niederlage?

In erster Linie die Reifen. "Das war der größte Unterschied zu Red Bull", vermutet Bottas. "Die sind wirklich stark mit dem Soft, wir eher mit dem Medium. Aber wenn du auf Pole fahren willst, musst du mit dem Soft schnell sein. Ich war überrascht, wie wenig Rundenzeit wir in Q3 rausholen konnten, als die Strecke eigentlich am besten gewesen wäre."

Seit 2014 hatte Mercedes in Abu Dhabi jede Pole geholt und jedes Rennen gewonnen. Dass diese Serie reißen könnte, hat sich schon in Q3 abgezeichnet. Da belegte Hamilton den sechsten, Bottas den neunten Platz. So groß war der Abstand am Ende zwar nicht. Aber letztendlich jubelte erstmals seit 2013 (Mark Webber) ein Red-Bull-Fahrer über die Pole in Abu Dhabi.

Wie war der zeitliche Ablauf im Kampf um die Pole?

Nach dem ersten Run in Q3 lag Bottas vor Verstappen und Hamilton. Für die zweite Runde ging Hamilton als Erster auf die Strecke, vor Bottas und Verstappen. Es war also eine perfekte Dramaturgie angerichtet.

Im ersten Sektor fuhr Hamilton zunächst Bestzeit. Bottas erwischte keinen guten zweiten Sektor. Beinahe sah es so aus, als würde Hamilton sich die Pole sichern - aber der Weltmeister hatte womöglich seinen Reifen zu Beginn der Runde zu viel zugemutet. Am Ende war Bottas um 0,061 Sekunden schneller als er.

 

Die beiden hatten aber die Rechnung ohne Verstappen gemacht. Der Niederländer erwischte besonders auf dem anderen Asphalt des dritten Sektors eine nahezu perfekte Runde und sicherte sich so doch noch die Pole-Position.

Muss Verstappen um seine Pole fürchten?

Nein. Zwar lief in Zusammenhang mit ihm wegen "unsafe Release" in Q1 noch eine Untersuchung. Nicholas Latifi (Williams) war ihm in der Boxengasse im Weg gestanden. Verstappen bremste sich einen Platten ein, schaffte aber trotzdem eine ausreichende Rundenzeit. "Idiot", schimpfte er Latifi.

Erste Pole für Verstappen: War das ein Versprecher?

Ja. David Coulthard gratulierte dem Red-Bull-Piloten zur vermeintlich ersten Pole seiner Formel-1-Karriere. Das ist nicht ganz richtig. Wahr ist allerdings, dass Verstappen nicht gerade ein Pole-Eichhörnchen ist. Abu Dhabi ist erst die dritte Pole seiner Karriere. Davor ist ihm das nur in Ungarn und Brasilien 2019 gelungen.

Albon diesmal auf P5: Gar nicht so schlecht, oder?

Stimmt! Nach dem Sieg von Sergio Perez (Racing Point) in Sachir steht der Thailänder im Hinblick auf 2021 mit dem Rücken zur Wand. Doch im letzten Qualifying der Saison zeigte er seine mit großem Abstand beste Saisonleistung. Mit großem Abstand beste Saisonleistung bedeutet in nackten Zahlen: 0,325 Sekunden Rückstand auf Verstappen.

 

Besonders nach dem ersten Q3-Run hatte Albon allen Grund, zufrieden zu sein. Da war er weniger als zwei Zehntelsekunden von der ersten Pole seiner Karriere entfernt. Im zweiten Run konnte er sich nicht mehr steigern, sodass er noch eine Position verlor.

Letztendlich wurde er Fünfter, 0,074 Sekunden hinter Norris. "Frustrierend", ärgert er sich. "Die erste Runde war ganz gut. Aber auf der zweiten wollte ich ein bisschen zu viel."

Warum hat sich Toto Wolff bei Bottas am Funk gemeldet?

Vor der letzten Q3-Runde meldete sich der Teamchef höchstpersönlich am Boxenfunk des Mercedes-Fahrers: "Alles, was du hast, Valtteri!" Das ist ungewöhnlich. Wolff hat in der Vergangenheit mehrfach betont, dass er sich nie in den Boxenfunk einmischt.

Bei uns in der Redaktion wurden prompt Witze gemacht: Verliert Bottas sein Cockpit an George Russell, wenn er nicht die Pole holt?

 

Natürlich haben wir ihn im Rahmen der Pressekonferenz darauf angesprochen. Seine Erklärung: Er habe ein paar schwierige Wochen gehabt, und es sei in einem funktionierenden Team ganz normal, dass man sich gegenseitig Mut macht. Wolff erklärte später, Bottas habe ausdrücklich den Wunsch geäußert, mehr unterstützt zu werden.

Also doch kein Signal für einen Fahrertausch.

Wie lief's für Russell im Williams?

P18 mit 2,517 Sekunden Rückstand in Q1 - auf jenes Auto, mit dem er vor einer Woche beinahe gewonnen hätte. Es sei nicht Williams' bestes Qualifying gewesen, seufzte er danach. An ihm lag das aber nicht. Seinem Teamkollegen Latifi nahm er vier Zehntelsekunden ab.

Der fiel seinerseits doppelt negativ auf. Zuerst, als er Verstappen im Weg stand ("No further Action"). Und dann noch einmal, als er sich auf seiner Out-Lap (!) beim Herausbeschleunigen aus der letzten Kurve drehte. Dass seine Reifen dabei zu kalt waren, "muss er nach einer Saison schon wissen, auch als Rookie", kritisiert 'ORF'-Experte Alexander Wurz.

Beide Renaults in Q2 raus: Wie kann das sein?

Im Abschlusstraining hatten Daniel Ricciardo und Esteban Ocon noch die Plätze drei und vier belegt. Dementsprechend groß war die Enttäuschung nach P11/12 in Q2. "Im Training hat es noch so gut ausgesehen" wundert sich Ocon.

Da war's aber auch noch taghell und der Asphalt heißer. "Ich schätze, es hatte mit den Temperaturen zu tun", sagt Ricciardo. "Das Tempo war einfach nicht da. Sicher hat sich die Strecke ein bisschen verändert. Aber dass uns das so aus der Bahn wirft, ist schon merkwürdig."

Wie lief's für Ferrari in Abwesenheit des Teamchefs?

Vettel hat die nächste derbe Ohrfeige kassiert. Er schied als 13. aus. Dass er nach dem ersten Q2-Run kurzzeitig an zehnter Stelle lag, hatte er nur einigen gestrichenen Zeiten schnellerer Gegner zu verdanken.

"Ich bin erleichtert, dass es zu Ende ist", sagt er vor seinem Ferrari-Abschied. "Es ist nicht so, dass ich viel mehr erwartet hätte. Als ich schneller fahren wollte, ging es einfach nicht. Ich bin aber zufrieden mit mir selbst. Ich bin halt rasch an das Limit meines Autos gekommen." Nachsatz: "Die Saison war so schlecht, da freue ich mich ziemlich, dass sie jetzt vorbei ist."

 

Foto: Glenn Dunbar / Motorsport Images

Auch Teamkollege Leclerc war letztendlich unzufrieden mit P9: "Von Q1 auf Q2 konnten wir uns gut steigern, aber in Q3 ging gar nichts mehr." Leclerc muss übrigens in der Startaufstellung um drei Positionen nach hinten, als Verursacher der Startkollision beim Grand Prix von Sachir.

Perez Sieger in Bahrain und jetzt auf P15: Warum?

Der Mexikaner zog souverän ins zweite Qualifying ein, drehte dort aber nur eine Shakedown-Runde und stellte dann ab. Bei ihm wurde nach Bahrain die Power-Unit gewechselt, sodass er im Rennen so oder so von ganz hinten starten muss. Gleiches gilt übrigens für Kevin Magnussen (Haas).

Wie geht's jetzt weiter?

Motorsport-Total.com und Formel1.de liefern im Ticker "Paddock live" mit Ruben Zimmermann noch bis in die Abendstunden Stimmen aus dem Fahrerlager und neueste Informationen. Rennstart ist am Sonntag um 14:10 Uhr deutscher Zeit. Das Rennen gibt's ebenfalls im Liveticker auf den beiden Portalen mitzuverfolgen.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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