Analyse
Formel 1 Sepang
Formel-1-Technik: Ferrari vs. Mercedes beim GP Malaysia 2017
Mit welchen technischen Neuerungen die beiden Formel-1-Topteams Mercedes und Ferrari beim Grand Prix von Malaysia in Sepang antraten, erklären Matt Somerfield und Giorgio Piola in Wort und Bild.
Matt Somerfield Giorgio Piola
Bearbeitet: 02.10.2017, 20:20
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Formel-1-Technik mit Giorgio Piola
Giorgio Piola analysiert und erklärt die Technik in der Formel 1!
Die Schlussphase der Formel-1-Saison stellt nicht nur die Piloten unter Druck, da sie um den WM-Titel in der Fahrerwertung kämpfen. Auch die Teams stehen unter enormer Belastung, da sie um die WM-Krone in der Konstrukteurswertung kämpfen und dabei versuchen, das bestmögliche Auto an den Start zu bringen.
Aufgrund des aktuell gültigen Reglements und der Tatsache, dass dieses für die kommenden Jahre stabil bleibt, kommen Updates derzeit am laufenden Band. Beim Grand Prix von Malaysia in Sepang hatten die Topteams Mercedes und Ferrari jede Menge neue Teile dabei, die im weiteren Saisonverlauf noch verfeinert werden dürften.
Mercedes
Der Mercedes F1 W08 ist eine Evolution der vergleichsweise wenig nach vorn geneigten Auto-Plattform, auf die das Team schon seit einigen Jahren setzt. Die aerodynamischen Anbauten werden jedoch immer komplexer. Mit dem jüngsten Update-Paket wird die Luft noch aggressiver als zuvor gezwungen, sich ihren Weg über und rund um den W08 zu bahnen, um Stabilität und Abtrieb des Autos zu erhöhen.
In den vergangenen Jahren war der Frontflügel stets ein zentrales Element für technische Entwicklung gewesen. Selbst die kleinsten Änderungen konnten große Auswirkungen auf den Luftstrom haben. Doch dank der größeren Freiheiten im seit Jahresbeginn 2017 geltenden Reglement hat sich der Fokus etwas verschoben. Die Front der Autos ist nun nicht mehr unbedingt der Bereich, an dem am intensivsten getüftelt wird. Vielmehr sind es der Bereich vor den Seitenkästen und auch der Unterboden, denen sich die Designer verstärkt widmen.

Mercedes F1 W08: Frontflügel
Foto: Giorgio Piola
Als Teil des am Malaysia-Wochenende präsentierten Update-Pakets hat Mercedes dennoch geringfügige Veränderungen am Frontflügel vorgenommen.
So wurde die Vorderkante des Hauptflügelelements nach oben gebogen (im Bild oben gelb eingefärbt), um die Luft gezielt unter dem Flügel hindurch zu leiten und dort die Wirkung der vertikalen Streben zu erhöhen. Durch diese vergleichsweise geringfügige Änderung wird Abtrieb auf andere Art und Weise als zuvor generiert, da die Luft bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Winkeln anders strömt.
Die sogenannte Schaufel, die Mercedes am Spanien-Wochenende präsentiert und für das Österreich-Wochenende überarbeitet hatte, hat eine weitere Neugestaltung erfahren. Die äußere Kante der Schaufel war am Malaysia-Wochenende breiter (roter Pfeil im Bild unten). Dadurch wird die Luft anders nach hinten weitergeleitet.

Mercedes F1 W08: Nase mit Schaufel, GP Malaysia
Illustration: Giorgio Piola
Einer der aerodynamisch komplexesten Bereiche am Mercedes F1 W08 sind die Windabweiser vor den Seitenkästen, die inzwischen nicht weniger als 20 Flächen aufweisen. Sie alle müssen perfekt zusammenspielen, um die Luft so gezielt wie möglich weiter nach hinten zu leiten.

Mercedes F1 W08: Windabweiser
Foto: Giorgio Piola
Die vertikalen Kaskaden im äußeren Bereich der Windabweiser wurden am Spanien-Wochenende eingeführt. Nun hat man sie modifiziert. Sie sind jetzt nicht mehr so hoch, dafür aber aggressiver geneigt (rote Pfeile im Bild oben). Gleichzeitig wurde der sogenannte Axtkopf ganz außen am Auto von vier Stegen in nur noch deren drei unterteilt. Dies hat Mercedes erreicht, indem die beiden äußeren Stege zu einem einzigen zusammengeführt wurden (blauer Pfeil im Bild oben).
Auch hierbei handelt es sich um vergleichsweise geringfügige Änderungen, die jedoch im Zusammenspiel mit den anderen Neuerungen die aerodynamische Gesamtperformance des Autos bis nach hinten zum Diffusor verbessern sollen.

Mercedes F1 W08: Diffusor
Foto: Giorgio Piola
Überraschenderweise entschied sich Mercedes am Malaysia-Wochenende bezogen auf das Heck des Autos für die nahezu maximale Abtriebskonfiguration. Der Heckflügel war ähnlich steil eingestellt wie in Singapur. Allerdings waren die äußeren Enden der oberen Flaps abgeschnitten, um den Luftwiderstand ein wenig zu reduzieren (Bild oben).
Das Ganze geschah in Kombination mit dem zweiteiligen Monkey-Seat. Dieses im Bild unten erkennbare Bauteil stellt die richtige Interaktion zwischen Diffusor, Auspuff und Heckflügel bei niedrigen Geschwindigkeiten sicher. Und eben weil der Monkey-Seat zum Einsatz kam, wurde offenbar auf eine Erhöhung des Abtriebs bei niedrigen Geschwindigkeiten mehr Wert gelegt als auf die Balance bei hohen Geschwindigkeiten.

Mercedes F1 W08: Heckflügel mit Monkey-Seat
Foto: Sutton Images
Nachdem in den beiden Freitagstrainings sowohl Lewis Hamilton als auch Valtteri Bottas keine Erklärung für ihren großen Rückstand hatten, wurden im Samstagstraining Vergleichsfahrten mit beiden Aero-Spezifikationen gefahren, das heißt einmal mit und einmal ohne das jüngste Update. Allerdings war keiner der beiden Fahrer vollständig zufrieden. Für das Qualifying und das Rennen entschied man sich bei Mercedes schließlich dazu, zweigleisig zu fahren. Während Bottas am Update festhielt, ließ Hamilton auf die alte Spezifikation zurückrüsten.
Ferrari
Sieht man von den Fehlern und Dramen einmal ab, hat Ferrari dem SF70H am Malaysia-Wochenende ein Update-Paket spendiert, das augenscheinlich für einen Schritt nach vorn sorgte.
Die Windabweiser, die zuletzt am Ungarn-Wochenende modifiziert worden waren, hat man einer weiteren Überarbeitung unterzogen (Bild unten mit vorheriger Version im Kreis). So wurde die Unterkante der großen Abweiser neu gestaltet (blaue Pfeile), um Platz zu schaffen für einen neuen Abweiser in Form eines Bumerangs (grüner Pfeil). Darüber hinaus wurden auf der Bodenplatte der Abweiser kleine Winglets platziert (rote Pfeile). All diese Maßnahmen sollen den Luftstrom nach hinten hin verbessern.

Ferrari SF70H: Windabweiser, Vergleich
Illustration: Giorgio Piola
Das sogenannte Packaging von Komponenten hat in der Formel 1 eine enorme Bedeutung, da sich eine Designentscheidung direkt auf andere Teile auswirkt. Daher gilt es, überlegt zu planen, um die Gesamtperformance nicht nachteilig zu beeinflussen.
Neben den neugestalteten Windabweisern präsentierte Ferrari am Malaysia-Wochenende auch eine neue Airbox für den SF70H (Bild unten). Grund war die Tatsache, dass der Ersteinsatz eines neuen Motors eine Neuordnung gewisser Teile im Motorumfeld voraussetzte. Die Neuordnung hat zur Folge, dass die Airbox dank neuer "Ohren" nun geteilt ist. Einerseits wird über die große zentrale Öffnung frische Luft dem Motor zugeführt. Abgetrennt davon wird über die kleineren Öffnungen links und rechts frische Luft den Zusatzkühlern zugeführt. Mercedes verfolgte einen solchen Weg schon beim F1 W07 der Saison 2016 und sogar schon beim F1 W05 der Saison 2014 (jeweils im Kreis).

Ferrari SF70H vs. Mercedes F1 W07 und F1 W05: Airbox, Vergleich
Illustration: Giorgio Piola
Das untere Foto aus der Startaufstellung zeigt, wie die neuen "Ohren" an der Ferrari-Airbox zusammen mit den ihnen angehängten Kanälen die über und hinter dem Motor platzierten Zusatzkühler mit Frischluft versorgen.

Motor und Motorenumfeld im Auto von Kimi Räikkönen, Ferrari SF70H
Foto: Giorgio Piola
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