Fake-Boxenstopp: Warum Mercedes nicht bestraft wurde

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Fake-Boxenstopp: Warum Mercedes nicht bestraft wurde
Autor: Christian Nimmervoll
Co-Autor: Dominik Sharaf
03.09.2018, 05:45

Viele wittern einen Mercedes-Verstoß gegen Artikel 28.12, aber der Vorwurf ist weder neu noch haltbar, zumindest in den Augen des FIA-Rennleiters

Nicht nur der Unterboden von Romain Grosjeans Haas, sondern auch ein in den Augen vieler Fans fragwürdiges Taktik-Spielchen des Mercedes-Teams wurde nach dem Grand Prix von Italien in Monza heiß diskutiert. Und zwar ging es dabei - wieder einmal - um den vermeintlichen Fake-Boxenstopp, den Lewis Hamiltons Crew in der entscheidenden Phase des Rennens angetäuscht hat.

Es war die 20. Runde im Rennen, Kimi Räikkönen führte 0,6 Sekunden vor Hamilton, als sich die Mercedes-Mannschaft in der Boxengasse für den Reifenwechsel bereitmachte. Zumindest vermeintlich, denn als Räikkönen - möglicherweise von Mercedes getriggert, um einen Undercut zu vermeiden - aus der Parabolica heraus an die Box abbog, entschied sich Hamilton in letzter Sekunde, doch draußen zu bleiben.

Das ist laut Artikel 28.12 des Sportlichen FIA-Reglements eigentlich verboten, denn darin heißt es, dass sich Teampersonal nur unmittelbar vor der Arbeit am Auto in der Boxengasse aufhalten darf. Eine Regel, die nach dem Grand Prix auf dem Nürburgring 2013 eingeführt wurde, als ein Kameramann von einem losen Rad von Mark Webbers Red Bull getroffen wurde.

Arbeit am Auto hat bei Mercedes in Runde 20 aber nicht stattgefunden, sondern die Mechaniker gingen wieder in die Garage zurück, als Räikkönen seinen Boxenstopp absolviert hatte. Erst in Runde 28 kam Hamilton rein. Strenggenommen ein Regelverstoß - praktisch aber etwas, was die FIA locker handhabt, weil der Grund für Artikel 28.12 nicht war, taktische Spielchen zu verhindern, sondern die Sicherheit zu gewährleisten.

FIA-Rennleiter Charlie Whiting sieht jedenfalls keinen Grund, Mercedes zu bestrafen: "Mein Gefühl ist und bleibt, dass das dazugehört", sagt er. "Wir mögen es nicht, wenn sich die Teams in der Boxengasse aufhalten, ohne dann wirklich einen Boxenstopp zu machen."

 

Aber: "Wenn sie nicht jede Runde so tun, als würden sie gleich Reifen wechseln, werden wir dagegen nichts sagen. Es kann ja auch sein, dass sie wirklich darüber nachgedacht haben, an die Box zu kommen, sich dann aber anders entschieden haben."

Und genau das war bei Mercedes in Monza der Fall: "Es war kein Phantomstopp", beteuert Teamchef Toto Wolff. "Wir waren darauf vorbereitet, genau das Gegenteil von Kimi zu tun. Wenn Kimi nicht reingekommen wäre, wären wir reingekommen. Wir hatten Lewis auch gesagt, dass er vorbereitet sein soll, genau das Gegenteil zu tun. Und dafür muss die Boxencrew halt in Bereitschaft sein."

Die FIA, erklärt Whiting, würde gegen so etwas nur vorgehen, wenn zum Beispiel die Mercedes-Crew durch ihre Präsenz in der Boxengasse den reinfahrenden Ferrari behindern würde, ohne selbst die Absicht zu haben, überhaupt zu stoppen. In so einem Fall würde Whiting dann auch nachträglich den gesamten Boxenfunk durchhören, um sich ein komplettes Bild machen zu können.

Der also nur vermeintlich angetäuschte Mercedes-Stopp hatte trotzdem weitreichende Implikationen: Räikkönen wurde so gezwungen, einen Undercut zu verhindern, und kam in Runde 20 rein. Hamilton wartete bis Runde 28 - und hatte im Finish des Rennens die frischeren Reifen. Das war zwar zu dem Zeitpunkt noch nicht absehbar, aber letztendlich haben die Reifen das Rennen zugunsten von Hamilton entschieden.

"Eigentlich", sagt Hamilton, "wollten wir viel früher an die Box kommen, aber das Rennen hat sich dann anders entwickelt. Unsere Kommunikation hat diesmal wirklich toll geklappt. Ich habe gesagt, dass meine Reifen noch gut sind, und ich konnte sehen, dass Kimi Schwierigkeiten hat. Ich konnte den Abstand bei einer Sekunde halten. Ich war dann überrascht, dass wir nicht versucht haben, Kimi zu undercutten."

Doch die Mercedes-Taktik ging auf: Hamilton fuhr in Runde 21 die schnellste Runde im Rennen und büßte in den ersten beiden Runden keine Zeit auf Räikkönen ein. Erst ab Runde 24 begann die Pace zu Räikkönens Gunsten zu kippen. Der Abstand schrumpfte von ursprünglich knapp 23 auf 18 Sekunden.

"Meine ersten Runden nach Kimis Stopp waren wirklich stark. Ich hoffte, mit dem Overcut vor ihm zu bleiben", sagt Hamilton. "Aber Kimi hatte die frischeren Reifen, und so konnte er schnell reagieren." In Runde 28 dann die Ansage des Mercedes-Teams: "Box, Box!" Was Hamilton erstmal nicht sinnvoll fand: "Meine Reifen sind doch noch gut!" Im Nachhinein gibt er zu: "Ich war schon ein bisschen überrascht."

Zumal ein paar Fahrer in jener Phase auch Regentropfen auf dem Visier meldeten und ein Reifenwechsel von Slick auf Slick kurz vor einem Regenschauer eine vergeudete Chance gewesen wäre. Doch der Regen kam nicht, und so war es "eine gute Entscheidung", wie Hamilton lobt: "Den Rückstand hatte ich schnell aufgeholt, und dann konnte ich eine Weile Reifen schonen. Der Rest ist Geschichte."

Den Vorwurf, einen Boxenstopp absichtlich angetäuscht zu haben, musste sich Mercedes in Monza übrigens nicht zum ersten Mal anhören. Schon beim Grand Prix von Bahrain hatte die Bottas-Crew im Duell mit Sebastian Vettel einen Fake-Boxenstopp angedeutet. Auch damals schritt die FIA nicht ein - aus den gleichen Gründen.

Whiting hatte damals erklärt: "Wenn wir ihnen einen Bluff vorwerfen, sagen sie nur: 'Wir wollten ihn ja reinholen, aber wir haben unsere Meinung geändert.' Ich denke, das ist Part of the Game." Außerdem sagte er, der Zwischenfall sei sogar "eine gute Sache, die Interesse generiert hat. Und es hat ja auch niemandem geschadet."

Mit Charlie Whiting sprach Adam Cooper

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