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Ferrari-Teamchef Binotto: Umstellung auf nachhaltige Kraftstoffe "große Sache"

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto erklärt mit István Kapitány von Shell, warum nachhaltige Kraftstoffe weit über Formel 1 hinaus von großer Bedeutung sein werden

Ferrari-Teamchef Binotto: Umstellung auf nachhaltige Kraftstoffe "große Sache"

Die Formel 1 fährt ab der Saison 2025 mit neuen Antriebseinheiten, die zu einhundert Prozent mit nachhaltigen Kraftstoffen betrieben werden. Wie groß ist die Veränderung, die das mit sich bringt? So groß wie die Umstellung von V8-Motoren auf die aktuellen V6-Hybridmotoren?

Während viele Regierungen weltweit heutzutage nur von Elektroautos als die Zukunft zu sprechen scheinen, stellt sich die Frage, wie stark die Botschaft der Formel 1 sein wird, dass die Zukunft von Autos und Mobilität nicht rein elektrisch sein muss?

Um diese Frage zu beantworten, haben wir anlässlich der neuesten Ausgabe unserer Interviewreihe #ThinkingForward zum einen mit Mattia Binotto, dem Teamchef der Scuderia Ferrari, gesprochen. Zum anderen haben wir mit István Kapitány, dem Vizevorsitzenden für Mobilität bei Ferraris Kraftstoffpartner Shell, gesprochen.

Der Wandel auf dem Sektor der Kraftstoffe schreitet schnell voran. Viele Länder haben E10 eingeführt, einen neuen, umweltfreundlicheren Kraftstoff. Dieser enthält zehn Prozent Bioethanol, das aus Pflanzenmaterial destilliert wird. Die Formel 1 wird diesen Kraftstoff in der Saison 2022 einführen und wird drei Jahre später mit der Umstellung auf hundertprozentig nachhaltige Kraftstoffe die Führung übernehmen.

Geht es nach dem Willen der Formel 1, dann wird die in der Formel 1 entwickelte Technologie bald ihren Weg in die Milliarden von Autos finden, die schon heute auf den Straßen der Welt unterwegs sind.

"Das ist sicherlich eine große Sache. Es ist wichtig, dass die Formel 1 nachhaltig wird", sagt Binotto und führt an: "Die Formel 1 war schon immer eine Plattform für Innovationen, nicht nur in Bezug auf Leistung, Zuverlässigkeit und Technologie, sondern auch in Bezug auf Nachhaltigkeit. Vollelektrischer Antrieb ist nicht die einzige Lösung. Wir glauben, dass es auch andere Lösungen gibt, wie die Hybridisierung mit vollständig nachhaltigen Kraftstoffen."

"Ich glaube, wir werden viel über Kraftstoffe einer neuen Generation lernen müssen, Kraftstoffe, die heute im Motorsport noch nicht sonderlich bekannt sind", so der Ferrari-Teamchef. "2022 werden wir E10-Kraftstoff, also Kraftstoff mit zehn Prozent Ethanol, einführen. Aber was wir in den darauffolgenden fünf Jahren bekommen werden, ist weit mehr als nur der erste Schritt mit zehn Prozent Ethanol."

"Es macht Spaß, weil es eine Herausforderung ist. Und es ist eine Lernkurve, aber es ist Innovation. Die Herausforderung besteht darin, die größtmögliche Leistung aus einem vollständig nachhaltigen Produkt herauszuholen. Die Schwierigkeit besteht darin, der Beste sein zu wollen. Schließlich sprechen wir hier von einem Wettbewerbsumfeld und da geht es vor allem um relative Vorteile", weiß Binotto.

Mattia Binotto

Mattia Binotto ist bei Ferrari der Teamchef und der Technikchef in Personaluniion

Foto: Ferrari

Die Reaktionen der Formel-1-Fans auf die Einführung der Hybridmotoren im Jahr 2014 waren gemischt, wobei vor allem der weniger beeindruckende Sound der Motoren bemängelt wurde. Dieser Eindruck ließ die beeindruckende Innovation in den Hintergrund rücken, dass die Formel-1-Motoren eine thermische Effizienz von über 50 Prozent erreicht haben und damit die höchste aller Motoren weltweit. Welche Veränderungen werden die Fans in der Saison 2025 bemerken?

"Ich glaube, dass es von außen nicht sichtbar sein wird", sagt Binotto und erinnert: "Als wir vom V8 auf den V6-Hybridmotor umgestiegen sind, hat sich der Sound verändert. Aber wenn man sich die Form der Autos anschaut, glaube ich nicht, dass es für die Fans eine große Veränderung war. Und wenn man bedenkt, dass wir heute ein Hybridaggregat mit einem sehr hohen thermischen Wirkungsgrad haben, so glaube ich nicht, dass sich die Fans dessen voll bewusst sind."

Mit Blick auf die Zukunft sagt Binotto: "Ich glaube, es wird wieder an uns liegen, die Errungenschaften bei den nachhaltigen Kraftstoffen zu erklären und hervorzuheben. Was die Veränderungen angeht, so glaube ich, dass es für die Techniker, die Teams und die Motorenhersteller eine große Umstellung und eine große Herausforderung wird. Ich glaube aber nicht, dass diese für die Fans unbedingt sichtbar sein wird."

Kapitány merkt an: "In den vergangenen Jahren wurden unglaubliche Fortschritte auf dem Gebiet der Batterietechnologie erzielt. Aber flüssige Kraftstoffe haben eine größere Energiedichte, was uns enorme Möglichkeiten für mehr Performance bietet. Das ist einer der Gründe, warum es für uns wichtig ist, mit Ferrari zusammenzuarbeiten."

Charles Leclerc

Ferrari arbeitet in der Formel 1 seit 25 Jahren mit Shell als Kraftstoffpartner

Foto: Motorsport Images

"Um zu einem nachhaltigen Kraftstoff zu gelangen", so der Vizevorsitzende für Mobilität bei Shell weiter, "gibt es unterschiedliche Wege. Die Formel 1 ist das richtige Testfeld für diese Art von Aktivitäten. Wir produzieren bereits Ethanol der zweiten Generation in kommerziellen Mengen. Das wird nicht aus dem essbaren Teil des Zuckerrohrs hergestellt, sondern aus den landwirtschaftlichen Reststoffen. Zudem haben wir eine patentierte Lösung namens IH2-Technology, mit der aus landwirtschaftlichen Abfällen und Haushaltsabfällen Kraftstoffe von geringer Qualität hergestellt werden. Auch E-Fuels, synthetische Kraftstoffe, synthetische Komponenten und Power-to-Liquids sind uns nicht fremd."

"Nachhaltige Kraftstoffe sind eine weitere Alternative zu Elektroautos. Elektroautos sind sehr gut. Sie werden kommen und Teil des Portfolios sein. Aber wir müssen auch sicherstellen, dass wir unterschiedliche Lösungen anbieten, sozusagen ein Mosaik von Lösungen für unsere Kunden. Das ist der Grund, warum wir so sehr daran interessiert sind, in dieser Welt zu arbeiten", erklärt Kapitány.

Was sind also die nächsten Schritte? "Die nächsten Schritte in Bezug auf den Fahrplan", sagt Binotto, "sind eine sehr enge Zusammenarbeit mit der FIA, der Formel 1, den anderen Teams und den Zulieferern, in unserem Fall mit Shell, um sicherzustellen, dass wir die richtigen Spezifikationen und Vorschriften für einen vollständig nachhaltigen Kraftstoff für 2025 entwickeln. Wir arbeiten sehr intensiv an diesem Punkt, weil wir die Dringlichkeit verstehen und wissen, wie wichtig das auch für die Zukunft des Motorsports ist."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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