Ferrari vs. Mercedes: Jetzt beginnen die Psycho-Spielchen

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Ferrari vs. Mercedes: Jetzt beginnen die Psycho-Spielchen
Christian Nimmervoll
Autor: Christian Nimmervoll
Co-Autor: Adam Cooper
13.05.2018, 07:25

Hinter den Kulissen der Formel 1 kursieren wilde Gerüchte, die entweder Ferrari oder Mercedes in Verruf bringen, gegen die FIA-Regeln zu verstoßen

Der WM-Kampf 2018 spitzt sich offenbar wieder auf ein Duell zwischen Ferrari (Sebastian Vettel) und Mercedes (Lewis Hamilton) zu. Und bereits beim Europa-Auftakt der Formel 1, also vor dem fünften von 21 Saisonrennen, wird die Gangart härter. Denn hinter den Kulissen werden geschickt Gerüchte lanciert, um dem Gegner zu schaden.

Das passiert teilweise ganz unverblümt. Zum Beispiel, wenn Mercedes-Aufsichtsratschef Niki Lauda im Interview mit der 'Bild am Sonntag' den Journalisten eigeninitiativ vorschlägt, er habe "noch ein ganz interessantes Thema", über das er reden möchte, und dann auf Nachfrage ins Spiel bringt, dass es "seit Saisonbeginn berechtigte oder unberechtigte Gerüchte über Ferrari" gebe.

"Die qualmen beim Anlassen, dass die Fetzen fliegen, aber mittlerweile ist man beim Öl, das man verbrennen darf, ziemlich limitiert", so Lauda. "Die Leistung im Qualifying und die Topspeeds, die der Ferrari bringt, sind unbestritten wirklich gut. Die FIA hat alle Teams angeschrieben, sich zum Öl und zur Batterie zu äußern. Das heißt: Sie untersuchen etwas, und das tun sie logischerweise bei Ferrari."

Es ist eine Strategie, wie sie liebend gern von Rechtspopulisten in der Politik verwendet wird, wenn es darum geht, eigene Ziele zu verfolgen: erstmal ein bisschen Feuer legen - und die Brände hinterher nur halbherzig löschen. Damit immer etwas am politischen Gegner haften bleibt, man aber glaubhaft dementieren kann, man habe derartige Gerüchte nie in die Welt gesetzt.

Ganz in diesem Sinne ergänzt Lauda zu seinen Schummel-Vorwürfen, er könne "nicht sagen", ob Ferrari gegen FIA-Regeln verstoße: "Wir gehen nicht davon aus, dass sie illegal sind."

Nur um Verdachtsmomente gegen Ferrari gleich wieder zu befeuern, indem er in den Raum stellt: "Wenn es in Ordnung ist und nur eine Grauzone genutzt wird, dann muss das gesagt werden. Aber dann können alle diese Grauzonen nutzen."

 

Toto Wolff, Executive Director (Business), Mercedes AMG, Niki Lauda, Non-Executive Chairman, Mercedes AMG, Dr Dieter Zetsche, CEO, Mercedes Benz, and others celebrate after their drivers secure the front row
Jubel in der Mercedes-Box nach der Pole in Barcelona

Foto Steve Etherington / LAT Images

 

Die FIA müsse diese "Grauzonen" - worin genau ein Regelverstoß liegen soll, wird nicht im Detail erläutert - jetzt schnell eliminieren, fordert Lauda. Und meint damit auch die neuen Halo-Rückspiegel, die Ferrari mit dem Barcelona-Update eingeführt hat.

"Jetzt muss die FIA sagen, ob das erlaubt ist oder nicht", sagt Lauda. "Und nicht wieder drei Rennen vorbeigehen lassen, in denen Ferrari etwas gefunden hat, was vielleicht in Ordnung ist, aber wir Idioten sind dann die Zweiten, die erst mal noch abwarten, um zu sehen, ob es überhaupt erlaubt ist."

Dazu muss man wissen: Das Interview wurde laut 'Bild'-Darstellung am Samstagmorgen geführt. Zu dem Zeitpunkt stand längst fest, dass Ferrari die Rückspiegel in der Barcelona-Version ab dem nächsten Rennen in Monaco nicht mehr einsetzen darf. Das hat FIA-Chefinspektor Charlie Whiting nach einer Untersuchung der technischen Innovation in der Ferrari-Box entschieden.

Aber die politische Klaviatur wird zu Beginn der heißen Phase der WM nicht nur von Mercedes gespielt. Ferrari strengt sich nicht unbedingt an, Anschuldigungen, wonach Pirelli für Barcelona spezielle Reifen entwickelt haben soll, um Mercedes zu helfen, zu entkräften. Ganz im Gegenteil war es Vettel, der das Thema mit vagen Aussagen überhaupt auf die Agenda der Zeitungen gebracht hat.

Tatsache ist: Im Vergleich zu den Testfahrten im Winter hat Pirelli die Lauffläche der Reifen um 0,4 Millimeter dünner gemacht. Bei den Tests war "Blistering" aufgetreten, also Blasenbildung auf der Gummi-Oberfläche, und die dünnere Lauffläche soll dem entgegenwirken. So weit, so gut.

Doch seit sich abzeichnet, dass diese Maßnahme dem Mercedes entgegenkommt, kursieren die Verschwörungstheorien.

 

 

Ein deutscher Journalist stellte die Frage in der Qualifying-PK am Samstag. Hamiltons Antwort: "Das ist eine dumme Frage. Ich habe keine Antwort." Und auch Valtteri Bottas meinte achselzuckend: "Warum sollte uns Pirelli helfen wollen?" Zumal die Italo-Connection Pirelli traditionell immer eher in Richtung Ferrari gerückt hatte.

Toto Wolff erklärt: "Beim Test in Barcelona hatten alle starke Blasenbildung. Red Bull, Ferrari, wir. McLaren auch. Die Reifen hätten das Rennen nicht überstanden. Und die Luft- und Asphalttemperaturen waren da noch arktisch."

"Aus diesem Grund hat Pirelli die Dicke der Reifen geändert, um Blasenbildung zu vermeiden. Das war erfolgreich, denn wir konnten bisher keine Blasen feststellen."

"Woher jetzt dieses Gerücht kommt, dass wir Pirelli und die FIA beeinflusst haben sollen, die Reifen für uns zu ändern? Ich habe keine Ahnung", winkt der Mercedes-Sportchef ab und betont, derartige Verschwörungstheorien seien "Unsinn". Auch ihm erschließt sich nicht: "Ich habe noch nie erlebt, dass es so etwas gegeben hätte. Warum sollten sie das tun?"

"Wenn wir in der Vergangenheit nicht gut performt haben, dann haben wir uns selbst an die Nase gefasst und die Performance genau analysiert. Wir sind nie herumgelaufen und haben hinterfragt, ob etwas falsch daran ist, was die anderen tun", sagt Wolff und freut sich in diesem Kontext umso mehr über die Pole-Position in Barcelona: "Das beweist, dass wir einen guten Tag hatten."

Und dann gibt es da noch diejenigen Insider im Paddock, die vermuten: Ferrari und Mercedes inszenieren nur nach außen hin eine hitzige Diskussion, um den Anschein zu erwecken, man sei spinnefeind. Wohingegen die beiden Teams in Wahrheit eine Allianz schmieden, um sich im Machtkampf mit Liberty Media für die Zeit nach 2021 gemeinsam zu positionieren ...

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Artikel-Info

Rennserie Formel 1
Teams Ferrari, Mercedes
Urheber Christian Nimmervoll
Artikelsorte Analyse