Ferraris Albtraum in Frankreich: Das steckt hinter dem Desaster

Ferrari wurde beim Formel-1-Rennen in Frankreich gnadenlos durchgereicht - Unglückliche Umstände und die Charakteristik des Autos kamen dabei zusammen

Ferraris Albtraum in Frankreich: Das steckt hinter dem Desaster

Für Ferrari wurde der Rennsonntag in Le Castellet zum Albtraum. Im Qualifying noch die klar dritte Kraft mit Carlos Sainz auf Startplatz fünf und Charles Leclerc auf Rang sieben, ging die Scuderia nach einem einzigen Desaster 24 Stunden später komplett leer aus. Die Rennpace, die bereits in Baku zuletzt nicht gut war, glich in Frankreich einer einzigen Katastrophe.

Sofort ersichtlich war, dass der Reifenverschleiß der roten Boliden exorbitant hoch war. Das springende Pferd, so scheint es, frisst lieber Gummi statt Hafer. "Es ist eine Tendenz, da werde ich nicht lügen. Wir haben das in jedem Rennen im Hinterkopf", erklärt der Spanier Carlos Sainz.

Teamkollege Charles Leclerc kam in Frankreich bereits nach 14 Runden und damit als allererster Fahrer an die Box. Sainz kam drei Runden später rein und tauschte wie Leclerc seine Mediums gegen frische harte Reifen. Ein Blick auf die Rundenzeiten verrät, wie schwach Ferrari im ersten Stint unterwegs war.

Schwacher erster Stint von beiden Ferraris

Leclerc fuhr im gesamten ersten Stint keine einzige Runde unter 1:40 Minuten, ab Runde elf fuhr er stets über 1:41 Minuten. Nicht wesentlich besser sah es bei Sainz aus, der immerhin einmal weniger als 100 Sekunden für eine Runde benötigte. Auch bei ihm brachen die Rundenzeiten etwa ab Runde zwölf auf über 1:41 Minuten ein.

Was als Entschuldigung für Leclerc gelten kann: der Monegasse fuhr vor seinem Stopp nur etwas mehr als eine Sekunde hinter Pierre Gasly in der 'dirty air' des Franzosen, Sainz jedoch hatte auf Rang fünf liegend nach vorne hin freie Fahrt.

Einen guten Vergleich zu Sainz liefert McLaren-Pilot Lando Norris. Der britische Rennstall ist in der Konstrukteurs-WM der direkte Gegner der Ferraris im Kampf um Rang drei und ist mit durchwachsenen Qualifyings und starken Rennen quasi das Gegenstück zu den Roten.

40 Sekunden in 28 Runden: Sainz chancenlos gegen Norris

Norris blieb deutlich länger draußen und hatte ab Runde 17 freie Bahn, nachdem die Konkurrenten vor ihm bereits zum Reifenwechsel an der Box waren. Bis zu seinem Stopp in Runde 24 brannte Norris noch drei Runden unter 1:40 Minuten in den Asphalt und keine einzige über 1:41 Minuten - und das mit älteren Reifen, als sie Sainz vor seinem Stopp hatte.

Als Norris aus der Box kam, befand er sich vier Sekunden hinter Sainz - im Ziel lag er 35 Sekunden vorne, ohne weiteren Stopp des Spaniers. In 28 Runden verlor Sainz also knapp 40 Sekunden auf Norris, der zudem mit Überholmanövern beschäftigt war. Leclerc warf nach schwachen Rundenzeiten auf den harten Reifen bereits früher das Handtuch und kam noch einmal zu einem zusätzlichen Wechsel rein.

"Wir wissen, dass wir dazu tendieren, im Rennen größere Probleme zu haben als im Qualifying", sagt Sainz, der aber auch anmerkt, dass dieses Problem nicht bei allen Rennen in der laufenden Saison aufgetreten sei: "In Barcelona zum Beispiel war die Rennpace kein Problem."

Zu enges Arbeitsfenster für die Vorderreifen

Sainz verweist jedoch darauf, dass Ferrari ein engeres Arbeitsfenster besonders bei den Vorderreifen habe. "Wir tendieren daher mehr zu Graining oder zu Reifenverschleiß auf der Vorderachse als unsere Konkurrenten. Wir müssen jetzt verstehen, warum wir solch ein enges Fenster haben und warum wir bei den Vorderreifen größere Probleme haben", so der 26-Jährige.

In Le Castellet kamen für Ferrari einige Faktoren zusammen, die die Problematik des Autos noch verstärkten. Zum einen gehört das Streckenlayout mit vielen schnellen Kurven dazu, die es - im Gegensatz zu Baku oder Ferraris tollem Auftritt in Monaco - schwieriger machen, die Temperatur in den Reifen unter Kontrolle zu halten.

Zum anderen sorgte der Regen am Morgen des Renntages dafür, dass sämtlicher Gummi von der Strecke gespült wurde. Dadurch fehlte Grip, weshalb die Autos mehr rutschten und sich dadurch stärker erhitzten. Die Folge war mehr Graining auf den Reifen. Sainz hatte das am eigenen Leib schon vor dem Rennen erfahren, als er auf dem Weg zur Startaufstellung von der Strecke rutschte.

Problemstelle Felge und warum Ferrari nichts tun kann

Das Problem der Ferraris mit den Vorderreifen scheint keines zu sein, das sich einfach beheben lässt. "Können wir das mit einer einfachen Entwicklung am aktuellen Auto ändern? Wir können die Situation vielleicht verbessern, aber um sie zu lösen, brauchen wir Änderungen an der Hardware, zum Beispiel an den Felgen. Aber das ist aufgrund der Regeln nicht möglich", sagt Teamchef Mattia Binotto.

Die Felgen spielen in der Formel 1 eine wichtige Rolle. Einerseits werden sie als aerodynamisches Element eingesetzt, andererseits sollen sie durch den Luftfluss auch die Reifentemperaturen managen. Bei Ferrari wurde der Fokus offenbar zu sehr auf die Aerodynamik gelegt zu Lasten der Hitzeableitung.

Das Problem: die Felgen sind für diese Saison homologiert. Um sie zu ändern, müsste Ferrari Token investieren. "An dieser Stelle ist es für uns wichtiger, es zu verstehen und für nächstes Jahr zu ändern", sagt Binotto, der erwartet, dass dieses Problem noch bei einigen weiteren Rennen auftreten könnte: "Aber nicht auf allen Strecken. Es ist wetter- und streckenspezifisch. Aber wir müssen uns auf solche Situationen vorbereiten."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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